Der Euro eröffnet heute (07.37 Uhr) bei 1.2285, nachdem im Verlauf der letzten 24 Handelsstunden Tiefstkurse im europäischen Handel bei 1.2262 markiert wurden. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 79.35 In der Folge notiert EUR-JPY bei 97.45, während EUR-CHF bei 1.2010 oszilliert.

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Deutschland ist schon spitze. Wir wachsen stärker als die anderen europäischen Länder. Unsere fiskalische Situation ist dank der konjunkturellen Expansion stabil. Okay, seit 2004 ist das Wort Reform ein Fremdwort, aber davor wurde nachhaltig restrukturiert und mehr noch haben unsere Firmen sich latent den Herausforderungen gestellt und die Begriffe Innovation und Kostenmanagement groß geschrieben und Tarifparteienhaben sensibel reagiert.

Man fühlt sich derzeit in Deutschland erhaben und erkennt nur unzureichend die konjunkturelle Interdependenz, der Deutschland ausgesetzt ist. Zumindest ist das der Eindruck, den ich von meinen Vortragsreisen, Gesprächen und auch aus Teilen des medialen Sektors mitnehme. So ein erhabenes Verhalten ist riskant und hat Deutschlandin den letzten mehr als 100 Jahren immer nur geschadet. Hoch sitzende Reiter können tief fallen.

Fakt ist, dass Deutschland in der Krise 2008 - 2010stärkere Konjunktureinbrüche als andere europäischen Länder verbuchen musste. Das ist Belegunserer Anfälligkeit, konjunkturell aber auch fiskalisch. Nur aggressive konsumtive Wachstumspolitiken und die global verabreichten Konjunkturspritzen haben stärkeres Chaos für die Exportnation Deutschland verhindert. Dafür haben wir uns übrigens noch nie bedankt.

Noch brummt unsere Konjunktur. Die Arbeitsmärkte laufen auf höchstem Niveau und liefern die besten Daten seit 22 Jahren. Diese gute Performancewurde gestern auch für die deutsche Industrie bestätigt. Trotz zuletzt sinkender Aufträge, dank eines soliden Auftragspolsters, beschäftigt die deutsche Industrie so viele Mitarbeiter wie seit dreieinhalb Jahren nicht mehr. Das Verarbeitende Gewerbe zählte im Juni etwas mehr als5,2 Millionen Beschäftigte oder circa 128.000 (+2,5 Prozent) mehr als ein Jahr zuvor. Dasist der höchste Stand seit Dezember 2008, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit.

Das freut uns sehr, das wollen wir gerne perpetuiert sehen. Die negativ geprägte Stimmungslage (Rolle des Boulevard) in Deutschland gegenüber der Eurozone und der zum Erhalt der Integrität notwendigen Solidarität stehen dem jedoch diametralgegenüber.

Hat sich der "durchschnittliche“ deutsche Arbeitnehmer schon einmal gefragt, was die Folgen eines Zusammenbruchs der Eurozone bedeuten würde? Eine Entwicklung, wogegen die Lehmanpleite als minor eingeschätzt werden müsste.

  • Sind die Erfahrungen der Jahre 2008 - 2010 schon so weit weg?
  • War die Angst um den Arbeitsplatz nicht ausgeprägt?
  • Gab es nicht Existenzsorgen?
  • Würde es in der jetzigen Situation hoher Haushaltsdefizite noch einmal eine Abwrackprämie, Kurzarbeitergeld ohne Grenzen und internationale Konjunkturprogramme in historisch großem Maße gebenkönnen, da die öffentlichen Haushaltslagen viel angespannter sind als 2007/2008?
  • Ist es vor diesem Hintergrund angebracht, die Reformerfolge der europäischen Defizitländer weiter sportlich auszublenden?
  • Ist es sachlich angebracht, die Sünderländer USA, Japan und UK umfänglich zu schonen und sich ihnen, die eigenen Erfolge ignorierend, unterzuordnen?
  • Verbindet sich damit nicht ein Exodus an Investitionskapital für die Reformländer der Eurozone und eine "Belohnung“ der "Sünderländer“?
  • Stellt das nicht eine Fehlallokation des Produktionsfaktors Kapital dar, vergleichbar der "Cash Burn Rate“ oder der "US-Immobilien-Burnrate“?
  • Ist diese Ausblendung der kontinentaleuropäischen Reformerfolge nicht Ausdruck einer erhabenen deutschen Arroganz und/oder eines innenpolitischen Missbrauchs der Außenpolitik für parteipolitische Winkelzüge im elementarsten Feld des deutschen exportseitigen Geschäftsmodells ?
  • Macht es vor diesem Hintergrund Sinn, dass den Kräften, die den Zerfall der Eurozone auf ihre Fahne schreiben und asymmetrisch die Erfolge der Reformpolitik ignorieren, so viel mediale Beachtung geschenkt wird?

Fragen über Fragen, die auf Antworten warten ...

Genießen wir die kommoden Umstände, solange sie anhalten, solange es die Eurozone gibt. Das deutsche "Konjunktureis“ könnte bei mangelnder kontinentaleuropäischer Solidarität dünner sein, als es der Durchschnittsbürger und manch ein Politiker oder auch Professor derzeit glaubt. Fehler sind im weiteren Verlauf nicht mehr reversibel. "Food for thought!“

Wenden wir uns den gestern veröffentlichten Konjunkturdaten zu:

Die US-Verbraucherpreise waren per Berichtsmonat Juli im Monatsvergleich unverändert. Analysten hatten eine Zunahme um 0,2% unterstellt. In der Folge ergab sich im Jahresvergleich ein Anstieg um 1,4% nach zuvor 1,7%. Die Prognose lag bei 1,6%.

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Der NY-Fed Manufacturing Index sank unerwartet stark von zuvor +7,39 auf -5,85 Punkte. Marktbeobachter erwarteten lediglich einen leichtenRückgang auf +6,5 Zähler. Der Chart verdeutlicht die klare Tendenz in der Region New York.

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Die US-Industrieproduktion lieferte per Juli gemischte Signale. Im Monatsvergleich kam es zu einem Anstieg um 0,6%, der höher als die bei 0,5% angesiedelte Prognose ausfiel. Gleichzeitig wurde der Vormonat jedoch von +0,4% auf +0,1% revidiert, so dass das aggregierte Ergebnis nicht überzeugen konnte. Die Kapazitätsauslastung stelltesich auf 79,3% nach zuvor 78,9%.

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Positive Akzente setzte der "NAHB Housing Market Index“, der per Berichtsmonat August von zuvor 35 auf 37 Punkte zu legte. Dieser Index markiert damit das höchste Niveau seit Februar 2007 und nähert sich dem neutralen Niveau bei 50 Punkten. Ohne Verunfallung der Eurozone ergibt sich die Chance auf eine Normalisierung am US-Wohnimmobilienmarkt. Fakt ist aber auch, dass diese Normalisierung nur möglich ist durch latente Subvention der öffentlichen Hand.

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Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den USD gegenüber dem Euro favorisiert. Erst ein nachhaltiges Überwinden der Widerstandszone bei 1.2370 - 00 neutralisiert den negativen Bias des Euros.

Viel Erfolg!

© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Bremer Landesbank

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