Thilo Sarrazin legt zum wiederholten Male den Finger in die richtige Wunde. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ prangerte er noch die Gefahren der demografischen Entwicklung und einer wahllosen Einwanderungspolitik an. Nun spricht er mit „Europa braucht den Euro nicht“ Klartext und zeigt die Schwachstellen des Euro auf: Ein unflexibles Währungskorsett, das völlig unterschiedliche Volkswirtschaften aneinander kettet, wie ich es auch in meinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ beschrieben habe.

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Sarrazin ist überwiegend ein nüchterner, faktenbezogener und präziser Schreiber. Leider scheint er jedoch – sobald es um Interviews und Talkshow-Auftritte geht – ein Zuviel an persönlichem Ego und ein Zuwenig an Cleverness zu besitzen. Anders kann ich es mir es nicht erklären, dass er in seinen Büchern und noch mehr in seinen Interviews immer wieder ein paar nationalistische und teilweise auch rassistische Aussagen streut. So sprach er unter anderem vor zwei Jahren davon, dass sich „alle Juden ein bestimmtes Gen teilen“.

Dass ist nicht nur wissenschaftlicher Unsinn, es ruft vor allem die Bluthunde der politischen Korrektheit auf den Plan. Sie stürzen sich laut kläffend auf solche Aussagen und schieben damit die eigentlichen – viel wichtigeren - Kernaussagen von Sarrazin in den Hintergrund.

In seinem neuen Buch spricht er davon, die Befürworter von Eurobonds seien „getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben". Dieser Satz ist – bei Lichte betrachtet – kein richtiger Aufreger und erst recht nicht antisemitisch. Selbst der SPIEGEL schreibt, dass sich der Zusammenhang zwischen Deutschlands Schuld am Zweiten Weltkrieg und seinem besonderen Engagement für das europäische Zusammenwachsen in jedem Sozialkundebuch findet.

Dennoch dreht sich die öffentliche und mediale Diskussion bislang weniger um die eigentlichen Inhalte des Buchs als vielmehr um diesen einen Satz. Es ist schwer zu sagen, ob Sarrazin diesen Effekt als gezielte Provokation oder als Marketing für seine Bücher anstrebt oder ob ihm nur die Cleverness oder rhetorische Eleganz fehlt, um entsprechenden Fallen der Fragesteller aus dem Weg zu gehen.

Zu wünschen ist ihm, dass er solche Klippen künftig bewusst umschifft. Die Konstruktionsfehler des Euro und die Gefahren von Eurobonds sowie der laufenden Umverteilungspolitik sind viel zu gravierend, als dass man Kritik an ihnen einfach ruhigstellen kann. 41 Prozent der Deutschen sind laut einer jüngsten Umfrage für eine Rückkehr zur D-Mark. In der Parteienlandschaft spiegeln sich diese Forderungen noch nicht annähernd wider. Thilo Sarrazins Argumente sind in der Mehrzahl wichtig und richtig. Er sollte jedoch versuchen, sie nicht durch Eigentore zu schwächen.

Über den Autor:

Roland Klausarbeitet als freier Autor in Frankfurt/Main und ist aktiver Investor. An der Börse Stuttgart ist er als Marktbeobachter tätig und analysiert das Geschehen an den Börsen unter anderem auf n-tv und dem Deutschen Anlegerfernsehen. Für den amerikanischen Finanzsender CNBC und den deutschen Nachrichtenkanal N24 berichtete er von 2004 bis 2009 vom Frankfurter Börsenparkett.In seinem Buch „Wirtschaftliche Selbstverteidigung“ analysiert er die Schuldenkrise und liefert konkrete Ratschläge, wie man sich vor den entstehenden Risiken schützen kann. Sie erreichen Ihn unter www.wirtschaftliche-selbstverteidigung.de