Max Gunther, Autor der „Zürich-Axiome“, stellte fest: Die Schweizer gehören zu den klügsten und besten Spekulanten der Welt – und orientieren sich dabei an Regeln, die als Zürich-Axiome bekannt wurden.
In einer
12-teiligen Serie behandeln wir im Traders Journal die Thesen Gunthers.
In der letzten Ausgabe haben wir die Prognosen behandelt. Heute geht es um das Thema Muster.

Anzeige

Axiom 1 (Risiko): Hier
Axiom 2 (Gier): Hier
Axiom 3 (Hoffnung): Hier
Axiom 4 (Prognosen):Hier
Axiom 5 (Muster): Hier
Axiom 6 (Mobilität): Hier
Axiom 7(Intuition): Hier
Axiom 8 (Okkultes): Hier
Axiom 9 (Optimismus und Pessimismus): Hier
Axiom 10 (Konsens): Hier
Axiom 11 (Sturheit): Hier
Axiom 12 (Pläne): Hier

Axiom 5: Über Muster: „Die Welt der Finanzen ist eine Welt der völligen Unordnung und des äußersten Chaos“.

Mit seinem fünften Axiom, das er auch als „Königs-Axiom“ bezeichnet, knüpft Max Gunther nahtlos an das Axiom über Prognosen an. Wo prinzipiell keine Prognosen möglich sind, weil das Chaos herrscht, kann und darf es auch keine „Muster“ geben. Denn wenn es welche gäbe, könnte man wiederum Prognosen erstellen.
Gunther bezeichnet den Glauben, innerhalb des Chaos Muster erkennen zu können, als „Ordnungsillusion“. Auch hier, wie im Axiom über Prognosen, geht er genauso mit dem Rasenmäher über alle Methoden hinweg bzw. untersucht sie gar nicht erst näher. Gerade die Technische Analyse hätte aber eine differenziertere Betrachtung verdient (er behandelt sie sehr kurz und und unfundiert in einem Nebenaxiom). Denn sie sagt ja eben nicht: Es wird so oder so kommen – sondern letztlich geht es in der Charttechnik um Szenarioanalysen mit unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten.

Dass es keine völlig verlässliche Musteranalyse geben kann ist völlig klar. Gunther bringt das auch richtig auf den Punkt: „Trotzdem suchen Fondsmanager noch immer fieberhaft nach der sagenhaften Formel...Sie und ich kennen natürlich den Grund, warum sie die Formel nicht finden: Sie existiert nicht“.
Das würde ich so unterschreiben! DIE Formel existiert tatsächlich nicht, sie kann gar nicht existieren. Aber warum muss man dann gleich jeden approximativen Ansatz verteufeln?
In seiner „Beweisführung“ geht Gunther auch auf Fonds ein und deren regelmäßige Underperformance. Sein Argument: Die Fondsmanager sind top ausgebildet und - was das Börsenwissen angeht – der Masse der Anleger formal überlegen. Darüber hinaus steht ihnen ein gewaltiger technischer Apparat zur Seite, von Assistenten über beste Anbindung an die Märkte hin zu leistungsstarken Analysetools. Und dennoch – da hat Gunther leider recht - schaffen sie es in der Mehrheit nicht, ihre Benchmark (z.B. den DAX) zu schlagen.
Woran liegt das? Tatsächlich wird der überwältigende Teil der Umsätze an den Börsen von institutionellen Anlegern getätigt, und das sind eben vorwiegend Fonds. Das heißt ganz simpel und vereinfacht gesprochen, dass die Outperformance der einen Marktteilnehmer auf die Underperformance der anderen Marktteilnehmer durchschlägt. Es können nicht alle DAX-Fonds den DAX schlagen, ja nicht mal eine Mehrheit. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass der Fonds ja ein Kostengerüst hat (Personalkosten etc.), welches performancemindernd wirkt.
Eine Analogie gibt es beim Thema „Intelligenz“. Fragen Sie mal in Ihrem Bekanntenkreis herum,wie sich die Menschen selbst einstufen: unterdurchschnittlich, durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent. Die Antwort wissen Sie schon vorher. Aber es ist ganz klar, dass eine große Mehrheit unmöglich überdurchschnittlich intelligent sein kann (außer die verbleibende Minderheit ist unglaublich dämlich). Und so kann eben auch keine große Mehrheit der DAX-Fonds den DAX outperformen. Tatsächlich werden sie aufgrund ihrer Kostenstruktur im Schnitt underperformen.

Nebenaxiom V: Vorsicht vor der Historiker-Falle!
Kurz zusammengefasst: Geschichte wiederholt sich – nicht! Oder jedenfalls nicht verlässlich. Mal wiederholt sie sich, mal nicht. Nur weil die gleichen Rahmenbedingungen wie „damals“ auftreten, muss daraus nicht die gleiche Folge resultieren. Jedenfalls, so meint Max Gunther, lässt sich kein Geld damit verdienen, die Geschehnisse der Vergangenheit auf die Zukunft zu übertragen. Das konkretisiert er noch näher in weiteren Nebenaxiomen.

Nebenaxiom VI: Achtung vor der Illusion des Chartisten!
Die Illusion des Chartisten bezeichnet Gunther als die „graphische Erweiterung“ der Historiker-Falle. Hier offenbart er deutliche Wissenslücken. Er kritisiert den „Jargon der Chartisten“, den ein Außenstehender nicht versteht - und meint damit vornehmlich sich selber. Die Quintessenz des Axioms lautet, dass der Chart völlig wertlos ist, es keine (sich wiederholenden) Muster gibt und damit ein Blick auf den Chart vor dem Kauf oder Verkauf nutzlos ist. Somit bleibt – wie so oft bei Gunther – nur Glück und Zufall übrig, wenn es um richtige Kauf-und Verkaufszeitpunkte geht.

Nebenaxiom VII: Korrelation und Kausalität sind oft Illusionen
Wieder interessanter und auch fundierter ist dieses Nebenaxiom, und das nicht nur im Börsenbereich. Der Glaube an Kausalitäten, also ursächliche Zusammenhänge, wenn Ereignisse in engem zeitlichen Zusammengang auftreten, ist allgegenwärtig. Sie ist auch die Basis von Aberglauben und allerlei Hokuspokus. Auch Börsen-Klamauk gehört dazu, und hier hat Gunther mit seiner Häme durchaus Recht.
Denn Börsen-Regeln wie das Super-Bowl-Omen sind tatsächlich hanebüchener Unsinn.Von etwas anderem als Zufall auszugehen macht da keinen Sinn, und somit kann man mit derlei Möchtegern-Zusammenhängen nichts anfangen, außer darüber zu lächeln.
Menschen neigen in der Tat dazu, überall kausale Zusammenhänge zu konstruieren, auch wenn es geradezu lächerlich erscheint. So gibt es Fußball-Fans, die mit Überzeugung schwören, wenn Sie im Stadion waren habe die eigene Mannschaft nie verloren. Zufall könne das doch nicht sein oder?
Gunthers Opening-Geschichte liest sich noch witziger: Ein Mann steht jeden Tag an der Straße, wedelt mit den Armen und stößt seltsame Schreie aus. Ein Polizist kommt auf ihn zu und fragt was er macht. „Ich halte die Giraffen fern!“ „Aber es gab hier nie Giraffen“, meinte der Polizist. Darauf der Mann: „Da sehen Sie mal, wie gut ich meinen Job mache!

Nebenaxiom VIII: Vorsicht vor dem Trugschluss des Glücksspielers!
Hier offenbart sich, dass Gunther – wenn er bisher von der überragenden Rolle des Glücks beim Spekulieren sprach – eigentlich Zufall meinte. Denn ein systematisches Glück in dem Sinne, dass jemand dauerhaft und vor allem berechenbar vom Schicksal bevorzugt würde, verneint er – er warnt sogar ausdrücklich vor diesem Irrglauben.
Es handelt sich um eine Spielart der Ordnungsillusion. Nur dass hier nicht die Umwelt, sondern die eigene Person als geordnet wahrgenommen wird.
Tatsächlich kommt es immer wieder zu Phasen, in denen es scheinbar „läuft“. 5mal hintereinander richtig gesetzt beim Roulette, 10 positive Börsen-Trades hintereinander, jeder kennt ähnliche Situationen. Darüber darf man sich zurecht freuen, aber man muss einsehen: Es steckt kein System dahinter!
Es gelingt aber den wenigsten (siehe Nebenaxiom VII), hier KEINE Kausalität zu vermuten. ICH HABE HEUTE MEINEN GLÜCKSTAG! Und so wird das Glück überdehnt, der Zufall immer wieder herausgefordert, bis alles wieder verspielt ist.
Die Gesetze der Statistik verlangen gerade zu, dass an manchen Tagen scheinbar alles wie am Schnürchen läuft. An anderen scheint alles schlecht zu sein, incl. dem Wetter. Entscheidend ist: Es herrscht hier keine Kausalität. Und damit kann in nullkommanichts alles wieder vorbei sein.

Fazit:
- Suchen Sie keine Ordnung, wo keine existiert.
- Konstruieren Sie keine ursächlichen Zusammenhänge, wo keine existieren.
- Die Rolle des Zufalls bei der Spekulation ist überwältigend
- Sie haben immer ein großes Risiko, falsch zu liegen.
- Seien Sie immer bereit zu reagieren, wenn Sie tatsächlich falsch liegen.