Henry Hub Natural Gas – das Erdgas in den Vereinigten Staaten – kostet nur noch knapp über 2,30 Dollar – und da es sauber verbrennt wird es von US-Präsident Obama in dessen Wahlkampf als die „wichtigste alternative Energiequelle“ bezeichnet. Der Präsident bewirbt Erdgas als saubere Energie, dessen Vorkommen eine Versorgung der USA noch für mindestens einhundert Jahre sichern werden. Die gewinnverwöhnte Ölindustrie der Vereinigten Staaten, die schon seit Jahrzehnten aufgrund schwindender Reserven zunehmend Macht an staatlich kontrollierte Konzerne wie PetroChina oder Saudi Aramco verliert, wittert eine neue große Chance im Schiefergas. Unternehmen wie Anadarko Pete Corp, die mit der Erschließung der Gasvorkommen betraut sind, zählen an der US-Börse zu den Anlegerlieblingen, da die Kurse von einem historischen Hoch zum nächsten eilen. Die große Geschäftschance, die alle wittern: Die USA könnten in abesehbarer Zukunft zu einem Exporteur von Erdgas werden und dann von den mehr als fünfmal höheren Weltmarktpreisen profitieren.

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Fast zeitgleich jedoch sind große Mengen Gas einfach verschwunden. Das US-Energieministerium senkte jüngst seine Reservenschätzung und ließen verlauten, die USA verfügten lediglich noch über 13,6 Billionen Kubikmeter dieses unkonventionellen Schiefergases, das sind 42% weniger als bislang angenommen. Die Korrektur wird auf einen Schätzfehler zurückgeführt, ausgelöst durch ungenaue Informationen. Ursprünglich wurde die förderbare Menge noch bei 23,4 Billionen Kubikmeter angenommen. Besonders das hochgelobte Marcellus-Schiefergas enttäuscht. Die dortigen Reserven wurden gar um zwei Drittel gesenkt. Bereits im vergangenen Jahr klagte der Texaner Energieanalyst Henry Groppe die Euphorie der Gasindustrie in den USA an. Sie übernehme sich, die Vorkommen werden zu hoch angesetzt und sind überzogen, die Reservoirs, die mit horizontalen Bohrmethoden erschlossen werden, würden schnell erschöpft sein.

Natürlich sind 13,6 Billionen Kubikmeter Gas immer noch sehr viel. Dies alleine würde den Gasbedarf der Vereinigten Staaten zwanzig Jahre decken können, wenn man den US-Gasverbrauch des Jahres 2010 von 0,68 Billionen Kubikmeter annimmt. In der Gasindustrie wird die Prognosenreduzierung des Energieministeriums aber bestimmt Fragen aufwerfen. Ist der Export des Erdgases auf den Weltmarkt, wie ihn etwa Cheniere Energy über den Umbau eines LNG-Terminals ab dem Jahr 2015 beabsichtigt, wirklich im großen Stil sinnvoll, wenn es jetzt doch weniger Gas in den USA gibt? Und wird dies politisch tragbar sein, wenn durch den Export des Gases nach Übersee die Binnenpreise für den Verbraucher noch mehr steigen werden?

In der Gasbranche lässt man nun etwas Vorsicht walten. Cheniere, einer der größten Optimisten, der sich massiv verschuldet hat, um große Abbaukapazitäten für Schiefergas aufzubauen, senkte seine Förderung im Januar um 14,2 Millionen Kubikmeter, oder acht Prozent. Auch eine Rolle spielte dabei der seit Beginn der Schiefergasförderung im Jahr 2005 fortwährend immer nur weiter fallende Preis. Er rutschte im Januar bis auf 2,25 Dollar und damit auf den tiefsten Stand seit dem Jahr 2002. Im Jahr 2005 lag er noch bei 15 Dollar. Auch wenn die Preise sich zuletzt wieder auf 2,50 Dollar erhöht haben – eine große Erleichterung ist das kaum, besonders nicht für die hoch verschuldeten Schiefergaskonzerne. Die Euphorie an der Börse ist aber ungebrochen: Obwohl sich die niedrigen Gaspreise zum Menetekel entwickeln könnte, sprang Cheniere ungeachtet der negativen Nachrichten Mitte Februar auf ein neues Vierjahreshoch.

Händler an der NYMEX in New York verfolgen das Treiben der Politik und der Industrie mit wachsendem Interesse. Sie wittern eine Trading-Chance, sollte der Gaspreis jetzt auf die Fördermengensenkungen reagieren – neben Cheniere sind auch andere Konzerne wie Exxon oder ConocoPhillips ähnlich vorgegangen, um zumindest ein Zeichen zu setzen. Die Gaskonzerne werden deswegen nicht Pleite gehen. Das Gas befindet sich meist in den gleichen Gesteinsschichten wie das weitaus profitablere Öl, sodass die Konzerne selbst bei den niedrigen Gaspreisen insgesamt noch Gewinne schreiben. Dennoch könnten Sie ihre Gewinne noch steigern, indem sie den Gaspreis durch das einfache Gesetz zwischen Angebot und Nachfrage nach oben treiben. Derzeit ist der US-Markt überversorgt, während die Gasnachfrage gefallen ist. Eine Mitschuld trägt daran die Schiefergasindustrie selbst. Denn sie war im Jahr 2008 der größte Gegner von Präsident Obamas Plänen, den Emissionshandel in den USA einzuführen. Dies hätte aber die Schließung schmutziger Kohlekraftwerke und den Bau neuer sauberer Erdgaskraftwerke zur Folge gehabt, und die Gaskonzerne hätten weitaus mehr Gas verkaufen können, zu vermutlich höheren Preisen. Dennoch oder vielleicht auch gerade deshalb kann man erwarten, dass die Produzenten in diesem Jahr ihre Fördermengen weiter senken werden, um ihre Gewinne zu erhöhen. Ist daher jetzt der Boden beim Erdgas erreicht?

Der Markt wittert eine Chance. Darauf deutet ein sprunghafter Anstieg der durchschnittlichen täglichen Schwankungsbreite. Sie war im Herbst bis auf 10 Cent gefallen und erreichte damit den niedrigsten Wert seit Frühjahr des Jahres 2000. Im Bereich von 2,30 Dollar, wo ungefähr die Produktionskosten liegen, sprangen die Preise im Januar zweimal dynamisch an – einmal um 18%, einmal um zehn Prozent. Preissprünge in der Umgebung der Produktionskosten und in der Nähe möglicher wichtiger Tiefstpunkte könnten eine Trendumkehr andeuten. Die durchschnittliche tägliche Schwankungsbreite war Mitte Februar wieder bis auf 17 Cent angestiegen.

Eine Problematik muss man allerdings verstanden haben, wenn es um langfristige Erdgas-Investments geht: Während die Terminkurve wegen dem je nach Jahreszeit unterschiedlichen Verbrauchs zwischen Sommer und Winter steigt, fällt sie vom Winter zum Sommer wieder ab. Über ein ganzes Jahr steigt sie jedoch um aktuell 41%, was bedeutet, dass ein Zertifikat, das auf ein ganzes Jahr gehalten wird, schon um 41% steigen muss, nur dass der Einstiegskurs gehalten werden kann. Der Gaspreis müsste somit von 2,50 Dollar bis auf 3,53 Dollar steigen, und das Zertifikat würde nach einem Jahr erst bei darüber hinaus gehenden Kursanstiegen an Wert gewinnen.

Dabei sind jedoch noch nicht die Währungsrisiken beachtet. Denn sollte der Euro zum US-Dollar weiter aufwerten, oder andes ausgedrückt: der US-Dollar gegenüber dem Euro weiter abwerten, so würde dies zu Verlusten in der Spekulation auf steigende US-Gaspreise führen. Denn wer auf steigende Rohstoffe setzt, der setzt immer auch auf die Entwicklung des Dollars. Fällt dieser unerwartet, dann verliert die Rohstoff-Spekulation wegen diesen Dollarverlusten ebenfalls an Wert. Würde das Währungspaar Euro zum US-Dollar auf ein Jahr gesehen also etwa um sechs Prozent aufwerten, so würde dies Währungsverluste in entsprechender Höhe bedeuten.

Dennoch könnte sich eine Spekulation auf steigende Gaspreise als lukrativ herausstellen. Die Erdgasindustrie in den USA ist das Epizentrum eines Booms im Bereich des Schiefergases, der jetzt beginnt, die ganze Welt zu erfassen. Die US-Industrie hat ein Interesse daran, diesen First-Mover-Vorteil zu nutzen, um Technologie für die Erschließung des Schiefergases in die ganze Welt verkaufen zu können. Dabei könnte das Weiße Haus auch eine politische Agenda verfolgen: Nämlich jene, Russland in Europa und Asien zu schwächen. Da es Schiefergasvorkommen in Europa und Nordafrika gibt, die mit Hilfe der amerikanischen Technologie erschlossen werden können, schwächt das die Verhandlungsposition von Gazprom – und das gilt auch für China, das jedoch erst damit beginnt, Probebohrungen durchzuführen. Erdgas hat also eine spannende Zukunft.

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Aus dem Blog:

6.02.2012 15:18

Erdgas: Kauf eines Turbo-Optionsscheins

Hebel Fünf