Bevor man sich freut, sollte man genau darüber nachdenken, was da eigentlich passiert. Es muss nämlich überhaupt nichts mit einer positiven Grundüberzeugung zu tun haben.

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Notenbanken kaufen sich und dem Markt Zeit. Durch Verbalakrobatik, immer tiefere Zinsen und immer mehr frisches Geld halten sich Märkte und Wirtschaft über Wasser. Die zugrundeliegenden Probleme sind dadurch nicht verschwunden. Notenbanken kaufen letztlich nur Zeit. Sie zögern das Unvermeidliche ein klein wenig hinaus.

Der Weg zu immer negativeren Zinsen kann tatsächlich als letzter Versuch gewertet werden, das Ruder doch noch herumzureißen. Es ist eine Verzweiflungstat und das Greifen nach Strohhalmen. Das Rad dreht sich dabei immer schneller. Notenbanken werden quasi stündlich aggressiver.

Der Zusammenbruch wird dadurch nicht verhindert, sondern nur hinausgezögert. Anders ist es in unserem Geldsystem nicht möglich, allerdings weiß keiner, ob es 2017 oder erst 2057 soweit sein wird. Die Zeichen deuten an, dass es nicht 2057 sein wird, sondern deutlich früher. Genaues Timing ist natürlich kaum möglich. Ein Zusammenbruch kommt plötzlich.

Notenbanken haben die Hoffnung, dass sie mit ihren Maßnahmen die Katastrophe abwenden können, sich die Lage beruhigt, die Wirtschaft konsolidiert und der nächste Termin für einen Reset um Jahrzehnte verschoben werden kann. Als Beobachter der Notenbankpolitik muss man an dem Erfolg so seine Zweifel haben.

Inzwischen sind die Zentralbanken so verzweifelt, dass sie durch ihre immer neuen Maßnahmen den Kollaps selbst herbeiführen werden. Sie sind extrem ungeduldig, dabei braucht eine Konsolidierung (Schuldenabbau, Abbau von Überkapazitäten) sehr viel Zeit. Nach der Großen Depression der 1930er Jahre verging deutlich mehr als ein Jahrzehnt, bis sich die Lage normalisierte. Der Zweite Weltkrieg spielte dabei eine große Rolle. Überkapazitäten wurden abgeschöpft und Staaten hatten Grund genug ihre Ausgaben massiv zu erhöhen.

Eine Krise wie in den 30er Jahren oder die letzte Krise bedürfen deutlich mehr Zeit, um wieder ausgebügelt zu werden. Die Erwartung, dass das innerhalb von 5 oder 10 Jahren geht, ist an der Realität schlichtweg vorbei. Notenbanken scheinen nun jedoch das Gefühl zu haben, dass die Lage innerhalb der nächsten 12 Monate bereinigt sein muss. Da sich jedoch wenig tut und der Fortschritt langsam ist, versuchen sie mit der sprichwörtlichen Brechstange (der Notenpresse) den Prozess zu beschleunigen. Im Endeffekt machen sie die Lage dadurch schlimmer.

Viele Jahre haben die Notenbanken einigermaßen nachvollziehbar agiert. Nicht jede Maßnahme war gut, aber das kann man im Nachhinein leicht sagen. Ohne die Notenbanken wäre die Finanzkrise sehr viel schlimmer geworden. Dass Zentralbanken handelten, war absolut korrekt. Inzwischen ist jedoch jegliches Maß verloren. Eine langsame Entschuldung und Konsolidierung wird nicht zugelassen. Notenbanken bekämpfen nicht mehr Systemrisiken, sie sind das Systemrisiko.

Für Anleger ist es schwer, mit dieser Lage umzugehen. Es kann gut sein, dass der Markt die nächste Runde der gelpolitischen Lockerung gut aufnimmt und es zu einer Fortsetzung des Bullenmarktes kommt – neue Allzeithochs inklusive. Vermutlich handelt es sich dabei um einen sogenannten Crack-up-Boom (Katastrophenhausse). Eine Katastrophenhausse findet statt, wenn Menschen das Vertrauen in Papiergeld verlieren.

Wenn das Vertrauen in Papiergeld verloren geht, dann will jeder sein Bargeld in Sachwerte umtauschen. Bargeld wird quasi zur heißen Kartoffel, die jeder weitergeben möchte. Das wird getan, indem Sachwerte wie Aktien (Unternehmensanteile), Metalle oder Immobilien gekauft werden. Sie werden gekauft, weil Menschen Angst vor Wertverlust haben, nicht weil sie an die Wirtschaft glauben.

Aktien werden nicht gekauft, weil von Unternehmen erwartet wird, dass sie höhere Gewinne schreiben. Sie werden gekauft, weil sie trotz schlechter Aussichten noch immer werthaltiger sind als Papiergeld, welches zwangsläufig durch hohe Inflation immer weniger wert wird. In ihrer Verzweiflung treiben die Notenbanken die Menschen irgendwann dazu, aus Bargeld zu flüchten. Das leitet die Katastrophenhausse ein.

Beispiele gibt es dafür sehr wenige. Diejenigen die es gibt sind gleich besonders extrem. Dazu gehörte die Entwicklung während der Hyperinflation in Deutschland. Gleiches geschah in Simbabwe vor knapp einem Jahrzehnt. Man muss bei uns nicht gleich tausende Prozent Inflation befürchten, doch in der aktuell angespannten Lage reichen vermutlich schon 5 % Inflation, um einen Fluchtreflex auszulösen. Notenbanken können aus ihrer Niedrigzinspolitik nicht schnell genug aussteigen, um der Inflation entgegenzuwirken. Das wird das Vertrauen in die Notenbanken und damit in das Papiergeld so stark beschädigen, dass es es zur Flucht aus Bargeld kommt.

Anleger können unter solchen Umständen erst einmal steigende Kurse erwarten. Ob es wirklich dazu kommt, ist noch vollkommen offen. Zentralbanken haben aktuell die Wahl zwischen Pest und Cholera. Entweder lockern sie weiter und führen einen Crack-up-Boom herbei, oder sie lassen eine Marktbereinigung zu. Die Folge: eine ähnliche Entwicklung wie in den 30er Jahren.

Eine Marktbereinigung wird sich früher oder später nicht verhindern lassen. Die Frage ist nur, ob vor der Bereinigung noch ein Boom kommt. Das könnte so ähnlich wie in Japan aussehen. Grafik 1 zeigt die Aktienindizes aus Japan, Deutschland, Frankreich und den USA im Vergleich. In Japan stieg die Inflation von 1972 bis 1975 von 5 % auf 25 %. In der gleichen Zeit konnten Aktien 100 % gewinnen. Es folge eine Konsolidierung von 40 %. Das sieht auf den ersten Blick gar nicht so schlimm aus.

Im Vergleich zu damals wächst heute die Bevölkerung nicht mehr, der Staat ist hoch verschuldet und die Wirtschaftswunderzeiten sind vorbei. Heute sähe das vollkommen anders aus – nämlich sehr viel mehr wie die Zeit in Japan nach 1990. Der Crack-up-Boom der 80er Jahre beschleunigte die Inflation lediglich auf 5 % (von 0 %). Aktien gewannen 150 %. In einer ersten Abwärtswelle verloren Aktien 60 % an Wert.

Japan ist noch immer dabei sich aus der Krise herauszuarbeiten. Das mag besonders lang und schmerzhaft erscheinen, doch ein Blick auf eine ganz lange Historie von Aktienmarktentwicklungen in Grafik 2 zeigt, dass es nicht so ungewöhnlich ist. Nach dem Exzess im Jahr 1929 brauchte der US Markt 25 Jahre, um sich aus der Krise herauszuarbeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg braucht Japan knapp 30 Jahre, um sich aus dem Loch zu befreien. Im 19. Jahrhundert brauchten die USA von 1835 bis 1863, um eine klare Fortsetzung des Aufwärtstrends zu generieren.

Viele Analysten sind immer noch der Meinung, dass man mit Aktien nichts falsch machen kann. Wer wirklich viel Zeit hat (30 Jahre und mehr), der mag Recht haben. Nun ist aber nicht jeder in einem Alter, indem man auch mal 30 Jahre warten kann... Ein bisschen Timing sollte man schon haben.

Große Bereinigungen brauchen Jahrzehnte. Derzeit ist nicht klar, ob wir in den USA und Europa die Übertreibung und folgende Konsolidierung nach der Jahrtausendwende schon hinter uns gelassen haben oder ob wir uns in einer Fortsetzung befinden. Aus technischer Sicht sollte die Bereinigung abgehakt sein, aus wirtschaftlicher Sicht schlittern wir gerade erst so richtig Richtung einer neuen Krise. Da fehlt einem der blinde Glaube an die Technik.

Die großen Zusammenbrüche, die der Markt bisher vorzuweisen hatte, führten Indizes zwischen 60 und 85 % nach unten. Das auszusitzen kosten sehr viel Sitzfleisch und sollte vermieden werden. Bevor man als Anleger bei der kommenden Runde an geldpolitischer Lockerung einen Fluchtinstinkt in Sachwerte hat, sollte man genau überlegen, in welchen Sachwert man investiert. Der Katastrophenhausse folgt für gewöhnlich ein katastrophaler Zusammenbruch.