Münchner Runde, gestern Abend im Bayerischen Fernsehen. Der „Wirtschaftsweise“ Peter Bofinger im Streitgespräch mit Roland Tichy, Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Tichy hat sich schon länger strikt positioniert und rät den Griechen, auszutreten. Selbst Bofinger, ein linker Keynesianer der den Griechen gerne mehr Zeit gönnen möchte, wollte nicht ausschließen, dass das für Griechenland womöglich besser sein könnte. Er fürchtet aber weitreichende Folgen für die gesamte Währungsunion, möglicherweise deren Zusammenbruch. Und er sagte sinngemäß: Wir wissen nicht, wie ein Austritt auszusehen hat. Es ist Neuland.

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Dem würde Jonathan Tepper vom Londoner Analysehaus „Variant Perception“ vehement widersprechen. Tepper, der zusammen mit John Mauldin das Buch „Endgame“ geschrieben hat, untersuchte historische Beispiele für Auflösungen von Währungsgemeinschaften. Demnach haben im letzten Jahrhundert ganze 69 Staaten einen „Exit“ vollzogen. Der Mechanismus ist kompliziert, aber durchführbar, und die Beispiele der Vergangenheit zeigen einen Weg auf, so Tepper.

Sie können die gesamte 53-seitige Studie auf englisch hier nachlesen.

Tepper kommt am Ende zu fünf Schlussfolgerungen bzw. Erkenntnissen.

1. Was macht man mit den bestehenden Währungen
In fast allen Fällen wurden „alte“ Banknoten vorübergehend genutzt, allerdings mit Stempeln markiert. In einer Übergangszeit waren diese Noten gesetzliches Zahlungsmittel. Nach dem Druck der neuen Noten in neuer Währung wurden die alten Scheine für ungültig erklärt

2. Ankündigung und Überraschungselemente
Überraschung ist wichtig, denn je früher die Bürger Bescheid wissen, desto eher können sie Gegenmaßnahmen ergreifen. Sprich, Gelder von den Banken abziehen, zuhause bunkern oder sogar ins Ausland transferieren. Ein Prozess, der in Griechenland bereits zu beobachten ist.

3. Kapitalkontrollen
In den allermeisten Fällen wurden Kapitalverkehrskontrollen eingeführt.Das betraf früher im wesentlichen Banknoten und Münzen, und muss heute natürlich auch den wesentlich größeren elektronischen Zahlungsverkehr umfassen.

4. Abwertung von Auslandsschulden
Die meisten Staaten haben sich ihrer Schulden zum Teil entledigt, indem sie sie entweder gar nicht mehr bedient haben oder aber zu Umtauschraten der alten in die neue Währung, die nicht der Realität entsprachen. So könnte z.B.Griechenland einen offiziellen Umtauschkurs von 1:1 festlegen, während der sich am Markt bildende Kurs einer neuen Drachme eher bei 1:2 liegen dürfte.

5. Monetäre und fiskalische Unabhängigkeit
Historische Beispiele zeigen, dass die Staaten, welche die neue Währung unter staatliche Kontrollen stellten und somit ihre Ausgaben mit der Druckerpresse bezahlten, unter hoher Inflation und starker Währungsabwertung litten. Länder mit unabhängigen Zentralbanken hatten stabilere Währungen. Für Griechenland könnte die Lösung darin liegen, stark abzuwerten und später eine relativ unabhängige Zentralbankpolitik einzuführen.

Tepper geht aber über die historische Analyse weit hinaus. Er leitet aus den empirischen Befunden bemerkenswert klare Handlungsanleitungen ab, sozusagen eine „Roadmap to Exit“ in 13 Schritten.

1. Parlamentssondersitzung an einem Samstag.
Verabschiedung eines Gesetzes, dass alle Details des Exits regelt: Abstempeln der Banknoten, Demonetarisierung der alten Banknoten, Kapitalkontrollen, „Neubewertung“ der Schulden. Diese Bestimmungen würden allesamt über das Wochenende in Kraft treten.

2. Schaffung einer neuen WährungIdealerweise sollte sie so heißen wie die Währung vor der Währungsunion. Alles Geld, Einlagen und Schulden innerhalb des Landes würden in diese Währung umdenominiert. Das könnte z.B. aus Vereinfachungsgründen 1:1 geschehen, z.b. 1 neue Drachme = 1 Euro

3. Alleinige Ermächtigung der nationalen Zentralbank zur Geldpolitik
Damit wird der Zustand vor der Währungsunion wieder hergestellt. Um ihre Glaubwürdigkeit und um niedrige Zinsen und geringe Inflation zu erreichen, sollte es ihr idealerweise verboten sein, direkte Staatsfinanzierung zu betreiben.

4. Sofortige Einführung von Kapitalkontrollen über das Wochenende
Das gilt sowohl für physisches Geld als auch insbesondere elektronische Transfers.

5. Ankündigung von „Bankferien“
Nach dem Wochenende soll den Banken die Gelegenheit gegeben werden, alle ihre Banknoten zu stempeln und die dringendsten Änderungen an den elektronischen Zahlsystemen durchzuführen.

6. Sofortige öffentliche „Stempeloperation“
Alle Euro-Noten werden abgestempelt, dazu sollten um das Exit-Datum herum eigene „Währungsbüros“ eingerichtet werden.

7. Sofortiger Druck neuer Banknoten
Sobald genug neues Geld hergestellt wurden, dürfen die gestempelten alten Banknoten nicht mehr als gesetzliches Zahlungsmittel gelten.

8. Die neue Währung frei handeln lassen
Das würde zur gewünschten Abwertung beitragen und dabei helfen, Wettbewerbsfähigkeit zurückzuerlangen.

9. Vorbereitung auf Masseninsolvenzen
Vereinfachte Verfahren und mehr Ressourcen für entsprechende Gerichte, um mit einem unvermeidbaren Anstieg von Pleiten klar zu kommen.

10. Verhandlungen mit den Gläubigern
Restrukturierung der Staatschulden im Ausland mit dem IWF und dem „Pariser Club“

11. Vorabinformationen an die EZB und die globalen ZentralbankenDieser Schritt ist notwendig, damit die unweigerlich auf den Exit folgenden internationalen Turbulenzenmöglichst gering gehalten werden.

12. Verhandlungen mit der EZB
Behandlung von Vermögen und Schulden. Wahrscheinlich die beste Lösung: Erklärung der Zahlungsunfähigkeit und Reduzierung oder Löschung der Schulden.

13. Arbeitsmarktreformen
Flexiblere Arbeitsgesetze, Abnabelung der Löhne von der Inflation, stattdessen Orientierung an der Produktivität. Inflation wird unweigerlich als Folge der Abwertung auftreten. Das Land muss zwingend die Abwertung mit Strukturreformen begleiten.

Immerhin ein Fahrplan, wenn auch in Einzelpunkten fragwürdig. Warum sollte jemand freiwillig seine Euroscheine abstempeln lassen? Sollte die Regierung nicht lieber schon vor dem Exit die neue Währung gedruckt haben? Ist es realistisch, dass die Zentralbank Staatsschulden zumindest am Anfang nicht finanziert?

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Daniel Kühn
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