Die französische Präsidentschaftswahl und die erste Parlamentswahl in Griechenland Anfang Mai sorgten entgegen meiner Prognose ja nur für eine kurzzeitige Entspannung im Sinne des „Fait Accompli“ – der vollendeten Tatsache, die an der Börse gemeinhin niemanden mehr interessiert. Das Motto war sehr schnell: Nach der Wahl ist vor der Wahl. Es fragt sich daher, wie die Märkte nun mit dem Wahlergebnis der französischen und griechischen Parlamentswahlen am vor uns liegenden Wochenende umgehen werden. Weitere Wahlen stehen nun nicht mehr an, doch bedeutet das automatisch, dass die Börsen sich nun wieder erholen werden? Fraglos ist die Wahl in Griechenland wichtiger als die französische und würde ein Wahlausgang, der auf einen Euro-Austritt der Hellenen hindeutet, kurzfristig sicher noch für Unruhe sorgen. Doch Sie kennen meine Einstellung: Am Ende hängt die weitere Tendenz davon ab – wie Altmeister André Kostolany es sagte – ob es mehr Dummköpfe gibt, als Papiere, oder mehr Papiere als Dummköpfe – und damit letztendlich von der Stimmung. Sie verrät uns, sofern wir sie richtig deuten, den Investitionsgrad der Anleger.

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Derzeit ist die Deutung nicht einfach. Auf der einen Seite haben wir längerfristige Investoren, die insgesamt sehr vorsichtig sind und auf relativ viel Cash sitzen dürften. Das bestätigt auch der jüngste Fund Manger Survey von Bank of America Merrill Lynch. Die dort befragten institutionellen Investoren haben die Cash-Quoten stark erhöht. Auf der anderen Seite gibt es nach meinem Empfinden aber auch eine Menge eher kurzfristig agierender Akteure, die auf eine baldige Erholung hoffen. Dafür spricht auch die Tatsache, dass die leichte Bodenbildung und Erholung in den vergangenen zwei Wochen schon wieder zu einer Verbesserung der Stimmung geführt hat. Beispielsweise ist der Hulbert Stock Newsletter Sentiment Index (HSNSI) von – 27,9 Prozent für Standardaktien auf zwischenzeitlich nur noch – 0,1 Prozent und bei Technologiewerten von – 47,1 Prozent auf nur noch – 23,5 Prozent gestiegen. Bei Consensus sah das Bild ähnlich aus. Von nur noch 47 Prozent Bullen ist der Wert jüngst wieder auf 56 Prozent gestiegen. Das sind natürlich alles sehr verhaltene Werte, harte Kaufsignale sind es jedoch auch nicht und der schnelle Stimmungsumschwung deutet auf noch zu viel Hoffnung kurzfristiger Player hin. Ohnehin kommt diese Korrektur nicht aus Europa, wie die Kommentare uns glauben machen wollen. Mögen die Nachrichten auch aus Europa kommen, in den USA war die Stimmung und damit die Überinvestition zu groß. Das haben vor allem die US-Börsenbriefe signalisiert, die auch immer noch zu wenig Abkühlung zeigen, wobei es hier zuletzt jedoch zumindest zu einer weiteren Eintrübung gekommen ist. Der wahrscheinlichste Verlauf der Kurse dürfte daher eine eher noch längere Fortsetzung der Seitwärtsbewegung sein, wobei eine Aufwärtsreaktion nach den Griechenlandwahlen auf jeden Fall möglich ist. Gewisse Angst dürfte schon bestehen, was auch der HSNSI signalisiert, denn gestern fiel die Stimmung wieder auf – 8,5 Prozent für Standardwerte und – 35,3 Prozent für Technologiewerte, trotz steigender Kurse an der Wall Street. Aus deutscher Sicht kommt auch noch der große Verfallstag heute mit ins Spiel. Oft neigt der Markt am Montag danach zur Schwäche, es war aber manchmal auch schon umgekehrt.

Ich weiß, klarere Prognosen wären schöner, aber die lassen sich eben nur bei eindeutigen Konstellationen stellen, und die haben wir derzeit nicht.

Mehr von und über Stefan Riße erfahren Sie unter www.rissesblog.de

Stefan Riße, ist Portfolio Manager bei der Vermögensverwaltung HPM Hanseatischen Portfoliomanagement in Hamburg. Bekannt ist er durch seine jahrelange Tätigkeit als Börsenkorrespondent für den Nachrichtensender N-TV. Sein aktuelles Buch „Die Inflation kommt“, belegte 2010 erste und zweite Plätze auf den bekannten Wirtschaftsbuch-Bestsellerlisten.