Unser Trader ist gut gelaunt. Er hat am Vorabend (aus charttechnischen Gründen) einen Put-Optionsschein auf eine Aktie erworben, und über Nacht ist die Aktie tatsächlich um 20 Prozent eingebrochen, nachdem eine Gewinnwarnung veröffentlicht wurde. Unser Trader überschlägt im Kopf, dass sich sein Put-Optionsschein ungefähr verachtfacht haben müsste. Unser Trader ist happy, endlich hatte er einmal Glück, er will sofort verkaufen! Doch nachdem er einen Blick auf die Kurse geworfen hat, verfinstert sich sein Blick. Der Emittent stellt keine Kurse für seinen Schein, weder im direkten Emittentenhandel noch an den Börsen (an denen auch der Emittent als Market Maker für den Schein zuständig ist). Der Trader wartet zehn Minuten und entschließt sich dann, beim Emittenten (einer großen deutschen Bank) anzurufen.

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Trader: Guten Morgen. Warum stellen Sie für den Schein mit der WKN XYZXYZ keine Kurse mehr?

Emittent: Guten Morgen, ich sehe mal nach. Für den Schein XYZXYZ sehe ich hier eine Kursindikation von 1,12 zu 1,15 Euro auf dem Schirm.

(Der Emittent will Sie für dumm verkaufen. Er hat eine interne Kursindikation auf dem Schirm, aber das heißt nicht, dass er diesen Kurs auch extern stellt.)

Trader: Das kann nicht sein. Mein Broker zeigt mir keinen Kurs für diesen Schein an. Und auch andere Broker haben keinen Kurs.

Emittent: Wer ist denn bitte ihr Broker, wenn ich fragen darf?

Trader: Ich bin bei Broker XYZ.

Emittent: Dann möchte ich Sie bitten, direkt beim Broker XYZ anzurufen. Der wird ihnen bestimmt weiterhelfen.

(Der Emittent will Sie für dumm verkaufen. Wenn der Emittent keine Kurse stellt, kann auch Ihr Broker nichts machen. Bleiben Sie hart!)

Trader: Aber wenn Sie keine Kurse stellen, kann mir doch auch mein Broker nicht weiterhelfen! Ich habe auch auf den Seiten anderer Broker nachgesehen. Es werden nirgendwo Kurse angezeigt.

Emittent: Da bin ich leider überfragt.

Trader: Ich muss schon sagen, dass es eine ziemliche Unverschämtheit ist, dass Sie offenbar immer dann keine Kurse mehr stellen, wenn sich der Basiswert mit einem Kurssprung in die Richtung des Anlegers entwickelt...

Emittent: Einen kleinen Moment bitte, ich frage mal nach wegen des Scheins. Bitte haben Sie etwas Geduld.

(Der Gesprächspartner sagt nichts mehr. Entweder er erkundigt sich wirklich, oder er hält einfach mal die Luft an. Man kann nie wissen.)

Schätzungsweise eine Minute vergeht.

So, da bin ich wieder. Es ist in der Tat so, dass wir für den Schein XYZ aktuell keine Kurse stellen, weil wir die Aktie wegen der turbulenten Marktlage aktuell nicht richtig bepreisen können.

(Eine glatte Lüge! Der Emittent kann die Aktie sehr wohl bepreisen, sie wird ja rege gehandelt. Die Umsätze liegen sogar bei einem Vielfachen eines normalen Handelstages. Außerdem hat Ihr Gesprächspartner ja vorher verraten, dass er eine interne Kursindikation für den Schein auf seinem Schirm hat. Das Problem ist, dass der Emittent keine Kurse für den Schein stellen WILL. Vielleicht war er nicht komplett gehedgt und müsste einen Verlust verbuchen, wenn die ganzen Privatanleger den Schein ausgerechnet jetzt abstoßen. Da wartet der Emittent lieber, ob die Kurse sich nicht noch mal in seine Richtung bewegen. Oft ist die erste Reaktion auf eine Nachricht ja übertrieben. Das weiß der Emittent und ist geduldig.)

Trader: Aber die Aktie wird doch sehr aktiv gehandelt! Außerdem haben Sie doch vorher gesagt, dass Sie eine interne Kursindikation für den Schein haben!

Emittent (zögerlich): Moment, da muss ich noch einmal nachfragen.

(2 Minuten später) Sind Sie noch da?

Trader: Ja!

Emittent: Also es ist wie ich gesagt habe. Wir können aktuell keine Kurse für den Schein stellen.

Trader: Wann werden Sie denn voraussichtlich wieder Kurse stellen?

Emittent: Ich kann Ihnen da leider keine genaue Uhrzeit nennen.

Trader: Aber sie werden heute noch Kurse stellen?

Emittent: Auch das kann ich leider nicht garantieren. Möglicherweise (aha!) werden wir später wieder Kurse stellen.

Trader: Ich finde das eine Unverschämtheit. Die Konsequenz kann für mich nur sein, dass ich in Zukunft keine Scheine ihres Hauses mehr erwerbe, wenn Sie immer dann keine Kurse mehr stellen, wenn sich der Kurs stark in die Richtung des Anlegers entwickeln müsste!

Emittent: Moment, ich erkundige mich noch einmal.

(5 lange Minuten vergehen. Wahrscheinlich hofft ihr Gesprächspartner, dass Sie einfach auflegen. Aber Sie haben Geduld! Denn sie haben nicht bei der 0900-Abzock-Nummer des Emittenten angerufen - obwohl es diese gibt - sondern bei einer ganz normalen Rufnummer mit Vorwahl 069.)

So, da bin ich wieder. Um wie viele Scheine geht es denn, die Sie verkaufen wollen?

Trader (zögerlich): Es geht um x Scheine. (Der Trader nennt absichtlich keine zu hohe Zahl. Das dürfte seine Erfolgsaussichten erhöhen.)

Emittent: Einen kleinen Moment bitte.

(Eine Minute vergeht.)

Da bin ich wieder. Mir wurde eben gesagt, dass wir sehr wohl Kurse für den Schein stellen!

(Siehe da: Wie von Wunderhand erscheinen in dem Moment, als sich der Gesprächspartner wieder meldet, Kurse auf dem Schirm. Mit einem ganz ordentlichen Spread zwar, aber mit einer solchen Kleinigkeit will sich unser Trader jetzt nicht mehr beschäftigen. Er hat einen Gewinn von knapp 700 % eingefahren, da gönnt er dem Emittenten sogar den etwas größeren Spread. Aber er nimmt sich vor, den Emittenten genau im Auge zu behalten und vorerst keine Scheine dieses Emittenten mehr zu kaufen.)

Die Konversation basiert auf einem realen Gespräch, das mit einem Emittenten geführt wurde. Natürlich funktioniert es nicht immer, telefonisch zu verlangen, dass Kurse gestellt werden, wenn der Emittent einfach kein Interesse daran hat. Aber die Erfolgsaussichten sind höher, als man meinen sollte, obwohl die Emittenten tatsächlich nicht einmal verpflichtet sind, Kurse zu stellen.