Argumente dafür, dass wir kurz vor dem ganz großen Zusammenbruch des Aktienmarktes mit epischem Bärenmarkt stehen, gibt es zur Genüge. Es geht dabei nicht einmal so sehr um die offensichtlichen Risiken wie einer unberechenbaren chinesischen Wirtschaft und einer Notenbank, die jederzeit – trotz aller Beteuerungen – den Yuan schlagartig um 20 % abwerten könnte.

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Eine schlagartige Abwertung des Yuan um 20-25 %, wie es einige Analysten für möglich halten, würde die Weltmärkte auf Talfahrt schicken. Es würde ein Schock durch das ganze System gehen. Insbesondere würde China so viel Deflation in den Rest der Welt exportieren, dass die Notenbanken schlichtweg nichts mehr tun könnten.

Neben den Sorgen um China, die ich persönlich für berechtigt, aber übertrieben halte, gibt es geopolitische Risiken. Der niedrige Ölpreis kann mittelfristig den ganzen Mittleren Osten destabilisieren. Geht den Regierungen das Geld aus, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein zweiter Arabischer Frühling die ganze Region destabilisiert. Es muss nicht gleich ein Verlauf wie in Syrien sein, doch denkbar ist es.

Die Sorgen um eine Abkühlung der US-Wirtschaft sind ernst zu nehmen, doch auch hier sehe ich persönlich keine immanente Gefahr. Die Bilanzen der US Haushalte sind solide. Der Konsum, der zwei Drittel der Wirtschaftsleistung ausmacht und der Dienstleistungssektor stehen auf stabilem Fundament.

Kurz- bis mittelfristig gibt es vor allem ein Risiko, welches unterschätzt wird. Das ist der Zusammenbruch der Europäischen Union. Die Flüchtlingskrise ist ein Aspekt, der an der Zukunft der EU zweifeln lässt. Statt Integration disintegriert sich die Staatengemeinschaft. Es geht dabei insbesondere um die große Errungenschaft des gemeinsamen Binnenmarktes. Die Abschottung einzelner Länder gefährdet das Konzept. Das war bis vor kurzem undenkbar, vor allem auch, weil man dachte, dass wenn etwas überlebt, dann der Wirtschaftsraum.

Viele Länder, wie etwa Großbritannien, zweifeln schon lange an einer politischen Union. Die Briten streben schongeraume Zeit an, die EU zu einem reinen Wirtschaftsbündnis zu degradieren. Anderen Ländern ist dieser Gedanke sympathisch. Brüssel mischt sich für ihren Geschmack zu stark in innere Angelegenheiten ein. Das mag man sehen wie man will, doch letztlich wollten alle Länder immer und unter allen Umständen die Beibehaltung des Wirtschaftsraumes. Genau das steht nun auf der Kippe.

Der Zerfall der Europäischen Union, wie wir sie kennen, ist näher als viele denken. Bricht die politische Union auseinander und wird Schengen aufgegeben, was bleibt dann noch? – Kurz gesagt, es bleibt nichts mehr. Ein Ende der Union, so unwahrscheinlich sie vielen erscheinen mag, ist aktuell noch greifbarer als zu den schlimmsten Zeiten der Eurokrise.

Das Referendum über den Verbleib der Briten in der EU im Sommer kann der Union den Rest geben, angesichts der aufgeheizten Stimmung. Übersteht die EU den Sommer, dann ist die Gefahr nicht komplett gebannt, aber die Wahrscheinlichkeit erhöht sich für ein Fortbestehen der Union. Anleger müssen sich vor dem Referendum Großbritanniens auf nervöse Märkte einstellen.

Ich gehe davon aus, dass die Krise gemeistert werden kann. Meine persönliche Grundüberzeugung bleibt positiv. In den vergangenen zwei Wochen habe ich viel Positives über die Perspektiven des Aktienmarktes geschrieben. Auf absehbare Zeit sehe ich derzeit keinen Grund etwas an dieser Überzeugung zu ändern. Langfristig ist das eine andere Sache.

Bei allem Optimismus darf man die unterschwelligen Probleme nicht ignorieren. Die Debatte um das Referendum Großbritanniens, die Flüchtlingskrise und die immer neuen Lockerungen der Zentralbanken verdeckt die Sicht auf die größte Herausforderung, die die Welt zu meistern hat: Schulden.

Die Eurokrise ist schon fast nur noch eine entfernte Erinnerung. Anleger tun gut daran sich sehr genau die Geschehnisse in Erinnerung zu rufen, denn die Eurokrise wird zurückkehren, nur diesmal nicht allein in der Eurozone, sondern global. Die Welt steuert auf eine Schuldenkrise zu, die auch die Zentralbanken kaum noch verhindern können.

Die Grafik zeigt die Entwicklung der öffentlichen und privaten Schulden seit 2005. Die Staatsschulden lagen damals bei gerade einmal 27 Billionen Dollar. Das entsprach einer Verschuldung in Relation zur Weltwirtschaftsleistung von 57 %. Ende 2015, so die Schätzungen, ist der Schuldenberg auf 60 Billionen angewachsen, was einer Verschuldung von 75 % entspricht.

Die privaten Schulden sind nicht weniger schnell gewachsen. Sie standen vor 11 Jahren noch bei 97 Billionen und sind inzwischen auf gut 140 Billionen angewachsen. Die Gesamtverschuldung der Welt in Bezug auf die Wirtschaftsleistung steht demnach bei ca. 250 % und ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht.

Die Grafik enthält eine Prognose bis zum Jahr 2027. Als Annahme gilt ein Wachstum der Staatsschulden von durchschnittlich 7 % pro Jahr. Das ist fast ein Prozentpunkt weniger als in der Zeit von 2005 bis 2015. Ganz aus der Welt gegriffen scheint dieses hohe Schuldenwachstum nicht.
Die Privatschulden (Haushalte, Unternehmen) dürften mit einer Jahresrate von 2,5 % wachsen. Das ist ebenfalls geringer als der Durchschnitt der letzten 10 Jahre (3,5 %). Wenn sich also lediglich die Geschichte der letzten Jahre fortsetzt, dann enden wird im Jahr 2027 mit einem Schuldenberg von unglaublichen 340 Billionen Dollar. Demgegenüber würde eine Wirtschaftsleistung von 113 Billionen stehen – unter der Annahme, dass die Weltwirtschaftsleistung mit durchschnittlich 3 % pro Jahr wächst.

Die Annahmen sind nicht aus der Luft gegriffen und stellen ein mögliches Szenario dar. Den Schulden stehen momentan Vermögenswerte von 450 Billionen gegenüber. Netto hat die Welt also ein Vermögen von ungefähr 250 Billionen. In Relation zu den Assets steht die Verschuldungsquote bei lediglich 44 %. Bis 2027 kann diese Quote auf 53 % steigen. Das sind alles noch keine Zahlen, die einen den Angstschweiß auf die Stirn treiben, doch es darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass durch 140 Billionen zusätzliche Schulden in den kommenden 10 Jahren lediglich 50 Billionen an Nettovermögenswerten hinzukommen.

Wie man es dreht und wendet, die zusätzlichen Schulden schaffen kaum Mehrwert. Die Schuldenquoten steigen unaufhaltsam. Dass das nicht ewig gut gehen kann, dürfte jedem klar sein. Global betrachtet erscheint das Problem nicht unbedingt drängend, denn den Schulden stehen hohe Vermögenswerte gegenüber. Man muss jedoch beachten: das Vermögen ist extrem ungleich verteilt.

Diejenigen, die sich verschulden (Staaten, Privathaushalte), haben oftmals nur einen geringen Teil der Vermögenswerte. Das Vermögen liegt in der Hand einiger weniger. Den reichsten 1 % der Weltbevölkerung gehört 50 % des gesamten Vermögens. Die Schulden liegen größtenteils bei den 99 %, die wenig Vermögen haben. Die Verschuldung derer, die kaum Vermögen haben, liegt nicht bei 44 % der Vermögenswerte, sondern vermutlich sehr viel näher bei 100 %. Hinzu kommen die Verpflichtungen der Staaten, die sie eingegangen sind, aber erst in den kommenden Jahren tatsächlich fällig werden. Dazu gehören Renten, Kosten des Gesundheits- und Sozialsystems.

Kein weiß, wie hoch die Verschuldung steigen muss, damit diese Zeitbombe explodiert, doch sie wird explodieren. Das kann in zwei Jahren oder auch erst in 10 Jahren sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Zeitpunkt näher ist als viele denken, ist groß. Die Schulden werden schließlich von den Vermögenden bis zu einem gewissen Teil finanziert. Man denke nur an Unternehmensanleihen, die von institutionellen Investoren gekauft werden. Kommen diesen Investoren Zweifel an der Schuldentragfähigkeit, dann beginnt das Kartenhaus schnell in sich zusammenzufallen.

So etwas haben wir bereits 2008 erlebt. Das nächste Mal ist die Sache jedoch sehr viel schlimmer, denn es geht letztlich auch um die horrenden Schulden der Staaten. Einige bezeichnen die Staatsschuldenkrise der Welt bereits als das neue Subprime Krise.

2008 konnten die Zentralbanken und Staaten das Finanzsystem vor dem Kollaps retten. Vor allem die Bankenrettungen durch Staaten hatten große Wirkung. Viele Staaten hat eben diese Bankenrettung in Bedrängnis gebracht. Nun sind viele Ländern nicht mehr in der Lage ihre Banken zu retten, weil es die Staaten selbst sind, die gerettet werden müssen.

Eine Geldflut durch die Zentralbanken kann das Problem kaum lösen. Auch sie sind letztlich auf Vertrauen angewiesen und dahinter steht auch oft der Staat. Zentralbanken können die Schulden der Staaten zwar aufkaufen, doch eine solche Monetarisierung führt letztlich zu hoher Inflation. Man darf sich auch fragen, wie groß das Vertrauen in die Zentralbanken noch ist, wenn die Staaten, die hinter den Zentralbanken stehen und sie rekapitalisieren müssten, bankrott sind.

Eine schonende Lösung gibt es für das Problem nicht. Entweder wird noch mehr Geld gedruckt, was zur Weginflationierung der Schulden führt oder es muss eine Vermögensumverteilung stattfinden. Bedenkt man, dass weltweit immer mehr über die Abschaffung des Bargeldes diskutiert wird, sodass die Konten immer schön prall gefüllt sind, könnte man schon fast auf verschwörerische Ideen kommen. Wird die Nutzung von Bargeld eingeschränkt, dann lassen sich nicht nur negative Zinsen besser durchsetzen, sondern es lässt sich auch sehr viel besser ein Bail-In (Entschuldung von Banken und Staaten über die Enteignung der Bürger) bewerkstelligen.