Die Euroschuldenkrise greift um sich. Während sich alle Welt Gedanken um eine Lösung macht, wie es mit dem Euro weiter geht, drucken sie im Chiemgau ihr Geld einfach selbst. Und die Regierung unterstützt das. Mit Protest oder Auflehnung gegen den Euro hat das allerdings nichts zu tun. Im Gegenteil: Der Chiemgauer wurde jüngst vom ehemaligen Finanzminister Theo Waigel als eine „interessante, regionale Entwicklung“ bezeichnet, die er unterstützt. Der Chiemgauer ist kein Einzelfall. Komplementärwährungen haben Hochkonjunktur.

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Jeder, der einmal in einem Freizeitpark von Walt Disney war, wurde schon damit konfrontiert: Mit dem Disney-Dollar. Das Konzept der Komplementärwährungen macht weltweit Schule. Während der Disney-Dollar wohl primär aufgrund seines Unterhaltungswertes eingeführt wurde, hofft man in Japan mit einer ähnlichen Komplementärwährung den Weg aus der jahrzehntelangen Deflation finden zu können. Der Weg: Stärkere lokale Kooperation. Das Ziel: Eine verbesserte lokale Kreditaufnahme. Auch wenn die Hoffnung, die Deflation zu überwinden, überzogen war, zeigte gerade die Zeit nach dem Erdbeben von Kobe, dass Komplementärwährungen auf lokaler Ebene wirksam die Wirtschaftstätigkeit verbessern konnten. In Japan entstanden im Jahr 1995 und danach Netzwerke, in denen soziale Pflegedienste entweder in Yen abgerechnet oder auch auf Zeitkonten gutgeschrieben werden können. Diese Zeitgutschriften können auch an Familienmitglieder übertragen werden, etwa an solche, die hilfsbedürftig sind.

Die Idee von Komplementärwährungen ist nicht neu. Vor gut einhundert Jahren gab es in Deutschland bereits das Wära-Geld. Es trug dazu bei, dass ein Braunkohlebergwerk in Schwanenkirchen nordöstlich von München trotz Weltwirtschaftkrise zwischen 1926 und 1931 wieder in Betrieb genommen werden konnte, indem die damals in Erfurt ansässige Wära-Tauschgesellschaft einen Kredit in Wära ausstellte, den die Banken in Schwanenkirchen bis dato vehement ablehnten. Das Besondere am Wära-Geld: Es hatte einen monatlichen Wert-Schwund von einem Prozent - musste also möglichst bald wieder in Umlauf gebracht werden. Das Ziel hier: Die Geldumlaufgeschwindigkeit soll erhöht werden, und damit die Wirtschaftstätigkeit. Der Schwund konnte aber auch durch den Erwerb von Wertmarken ausgeglichen werden - das war aber nur unter Inkaufnahme zusätzlicher Kosten möglich. Trotz des Erfolges - in Schwanenkirchen arbeiteten 1931 wieder 60 Bergleute und das Wära-Geld brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung, der die ganze Region erfasste - verbot das Reichsfinanzministerium im Zusammenhang mit den Brüningschen Notverordnungen von 1931 das Wära-Experiment in Schwanenkirchen. In Schwanenkirchen und Umgebung breiteten sich nach dem Wära-Verbot wieder Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Niedergang aus.

Sie sind also effizient, die Komplementärwährungen. Vielleicht hat man sich deswegen siebzig Jahre später wieder an sie erinnert. Im Oktober 2001 begann der Trend der Regionalwährungen in Deutschland nämlich von neuem. Damals wurde in Bremen ein regional begrenzter Gutscheinring eingeführt - zahlreiche weitere folgten in Städten wie das bereits genannte Chiemgau, Ainring, Pfaffenhofen, Göttingen, Witzenhausen, Gießen, Hagen, Schopfheim, Siegen, Berlin, Düsseldorf, Dresden, Kamenz, Zwönitz, Hitzacker oder Neustadt. Sie unterscheiden sich in ihrer grundsätzlichen Ausgestaltung, sind aber nie eine konkurrierende Einrichtung zum Euro, sondern stets an ihn gebunden und auch in den Euro zurücktauschbar.

Als erstes in ganz Deutschland bekannt wurde der Chiemgauer. Er war eigentlich als kleines Projekt einer Walldorfschule ins Leben gerufen worden, die sich mit einer eigenen Währung finanzieren wollte, wenn Menschen in umliegenden Geschäften einkaufen gehen. Die Unternehmen sollten dabei einen Teil ihrer Umsätze, die sie mit dem Geld erwirtschaften, an die Schule spenden. Im Gegenzug machte die Schule auf alle teilnehmenden Unternehmen aufmerksam, wodurch jeder Teilnehmer einen Vorteil hatte. Das Projekt, das im Jahr 2003 mit 70.000 „Chiemgauern“ gestartet wurde, mauserte sich schnell zu dem größten Regionalprojekt seiner Art in Deutschland. Heute wurden bereits fünf Millionen „Chiemgauer“ ausgegeben und die Zahl der teilnehmenden Unternehmen wuchs seit 2003 von 20 auf 625.

Der „Chiemgauer“ kann im Verhältnis eins zu eins gegen Euro an mittlerweile 42 Ausgabestellen erworben werden - das sind vor allem die lokalen Banken. Wer Chiemgauer zurück in Euro tauschen möchte, zahlt eine Gebühr. Außerdem verliert das neue Papiergeld an Wert. Immer zum Quartalsende muss man den Chiemgauer erneuern. Mit einer Marke, die für 2% des jeweiligen Gutscheinwerts erworben werden muss, wird der Chiemgauer erneuert. Scheine, die älter als drei Jahre sind, werden ungültig. Das Ziel: Die Umlaufgeschwindigkeit soll erhöht werden – diesen Gedanken verfolgte bereits das Wära-Geld vor siebzig Jahren. Außerdem kann der Chiemgauer ohne Verlust direkt bei teilnehmenden Unternehmen zum Kauf von Gütern und Dienstleistungen eingesetzt werden – wie normales Geld eben auch. Der Vorteil dabei ist aber, dass der Umsatz bei den Unternehmen in der Region landet und nicht irgendwo anders.

Die teilnehmenden Unternehmen zahlen beim Rücktausch des „Chiemgauer“ eine Gebühr zwischen 5-10% des Tauschwertes - davon gehen 2% an die Gesellschaft des „Chiemgauer“ - während der Rest an eine Einrichtung gespendet wird, die sich das Unternehmen aussuchen kann - etwa eine Schule oder einen Kindergarten. Mittlerweile stehen 234 teilnehmenden Vereine und Einrichtungen zur Auswahl. Neben dem sozialen Zweck zeigt sich ein weiterer positiver Effekt: Die teilnehmenden Unternehmen berichten über wachsende Kundenbindung und steigende Einnahmen. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch in anderen Regionen Deutschlands, wo Komplementärwährungen eingeführt wurden.

Aber auch in anderen Ländern verbreiten sich Komplementärwährungen. In Griechenland, wo das nicht-bezahlen von Steuern, Bustickets oder anderen staatlichen Abgaben mittlerweile schon zum Volkssport geworden ist, kommen Alternativen zum Euro gut an. Das Online-Tausch-Netzwerk Ovolos.gr hat nach dem Start Ende des Jahres 2010 bereits über 5000 Mitglieder. Sie können beliebige Dienstleistungen und Produkte kaufen, verkaufen oder handeln. Die an der Ostküste Griechenlands beliebte virtuelle Währung TEM ist ein weiteres Beispiel. Es wird als „lokales Tausch- und Solidaritätsnetzwerk Magnesia“ angepriesen und erfreut sich wachsender Beliebtheit, da TEMs zwar durch Euros, aber alternativ auch durch Arbeitsleistung oder Tauschgeschäfte erworben werden können. Die Athener Zeitbank – ein weiteres Konzept - verfolgt einen anderen Ansatz. Bei ihr können Arbeitsleistungen getauscht werden – also etwa Auto putzen gegen Haare schneiden. Die Leistungen können aber nur erarbeitet, nicht aber mit Euros gekauft werden.

Fazit: Komplementärwährungen sind natürlich keine Lösung für die Probleme der Euroschuldenkrise. Aber es zeigt sich, dass es ein Fehler sein kann, nur nach der Globalisierung als Allheilmittel zu rufen, und dabei die Nachbarschaftshilfe und das unmittelbare soziale Umfeld zu vergessen. Komplementärwährungen tragen dazu bei, Regionen näher zusammenrücken zu lassen - eine positive Entwicklung.