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Der 19.EU-Gipfel hat begonnen und die Finanzmärkte stehen in den Startlöchern um auf neue Informationen aus Brüssel sofort reagieren zu können. Jedoch wurden im Vorfeld des Gipfels die zum Teil sehr hochgesteckten Erwartungen vieler Beobachter schon wieder mächtig entäuscht, nachdem bekannt gegeben wurde, dass der Fahrplan zur Fiskalunion erst ab Dezember 2012 beschlossen werden soll. Damit haben die europäischen Politiker schon im Vorfeld einen gemeinsamen Fahrplan in Punkto Fiskalunion für diesen EU-Gipfel verworfen. Das ist auch am Wechselkurs des EUR/USD nicht spurlos vorbei gegangen, dessen charttechnische Verfassung von Tag zu Tag schlechter zu werden scheint und zuletzt in Kurse unterhalb der Marke von 1,25 USD mündete. Wie im Chartbild zu sehen befindet sich der Kurs des EUR/USD nach einem kurzfristigen Aufwärtstrend wieder auf dem absteigenden Ast in Richtung lokaler Tiefstkurse vom 1. Juni 2012, die kurz unter der Marke von 1,23 USD lagen. Den Mangel an Entschlossenheit bei der politischen Führung in Europa könnten die weltweiten Finanzmärkte als eine weitere Runde im Spiel um Zeit auffassen und die Reaktion darauf könnte sich vor allem in weiter steigenden Zinsen für Staatsanleihen aus Spanien und Italien äußern. Damit könnte sich für diese Länder das Problem der Staatshaushaltsfinanzierung zunehmend verschärfen und die Spirale der Eurokrise würde sich weiter nach unten drehen. Vor dem Hintergrund der Rezession und den hohen Arbeitslosenzahlen in Spanien und Italien werden sich die Regierungschefs auf dem EU-Gipfel wohl zu einem Wachstumspaket durchringen können, das insgesamt 130 Mrd. Euro beinhalten soll und als Stimulus für die Konjunktur der am Boden liegenden Volkswirtschaften eingesetzt werden soll. EU-Institutionen, wie etwa die Europäische Investmentbank, oder auch EU-Projektbonds könnten die Kanäle sein, um das Geld an der richtigen Stelle einzusetzen. Eine Vergemeinschaftung der Schulden, sprich Eurobonds, scheint aus Sicht der starken Wirtschaften in der EU eine völlig überzogene Forderung zu sein, die Bundeskanzlerin Merkel zu Äußerungen bewegten läßt, wie etwa „…nicht solange ich lebe…“. Weitere Vorschläge zu einer Flexibilisierung des EFSF oder des ESM spaltet Europa ebenfalls in zwei Lager. Ein direkter Kauf von Staatsanleihen über diese Rettungsschirme käme einer Vergemeinschaftung gleich, so die Überzeugung der Vertreter der wirtschaftlich starken EU-Länder. Eine Überraschung beim EU-Gipfel könnte es in Punkto Bankenunion geben. Vielleicht können sich die Regierungschefs auf eine Erklärung einigen, wie eine vereinte Bankenaufsicht und ein gesamt-europäischer Einlagensicherungsfonds aussehen könnte und welche Institution die erforderlichen Aufgaben ausführen. Jedoch wäre mit einem gemeinsamen Statement der EU-Regierungschefs zur Bankenunion keine der drängenden Fragen gelöst. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Gestaltung der politischen Union, die auf diesem Gipfel eine untergeordnete Rolle spielen könnte. Solange die Fiskalunion nicht auf den Weg gebracht werden kann drücken die EU-Regierungschefs wohl in diesem Punkt auf die Bremse. Alles in allem beibt das Marktsentiment also äußerst unangenehm für Euro Bullen. Jedoch zeigt der etwas längerfristigere Tageschart anhand der in grün und rot eingezeichneten Trendlinien, dass der Kurs des EUR/USD in der Vergangenheit nach längeren Abwärtstrendphasen oftmals eine ausgedehnte Korrektur einlegte. Dieser Logik folgend könnte der Kurs des EUR/USD nach dem EU-Gipfel nochmals einen Anlauf auf die Marke bei 1,28 USD starten, und sich dann weiteres Aufwärtspotential bis in den Bereich um 1,30 USD erarbeiten. Sollten die Kurse nach dem EU-Gipfel unter die Marke von 1,23 USD rutschen, dann könnte eine Beschleunigung des langfristigen Abwärtstrends einsetzen. Ein erstes Kursziel könnte die Marke von 1,20 USD sein.

Oliver Bossmann, Analyst ETX Capital