Ein Kommentar von Jochen Stanzl (Rohstoff-Report.de) - „Beispiellos“ – „Unerwartet“ – „völlig überraschend“ – damit und mit anderen Ausrufen wurde die Leitzinssenkung von Brasiliens Notenbank um 50 Basispunkte über Nacht von Analysten kommentiert. Europa ist in den Fängen der Staatsschuldenkrise. Brasilien droht sich anzustecken.

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Im Juli gab es bereits eine hitzige Debatte darüber, ob in Brasilien eine Kreditkrise drohen könnte. Angefangen hat mit dem Thema - wie soll es anders sein - ein Hedgefonds. Paul Marshall und Amit Rafpal vom Hedgefonds Marshall Wace haben Anfang Juli Schlagzeilen gemacht, als sie auf die Verschlechterung des Kreditsektors in Brasilien in einem Kommentar in der "Financial Times" hinwiesen. Die beiden Hedgefonds-Manager schrieben unter anderem, dass der Zinssatz für Privatkredite seit Anfang 2010 von 41% auf 47% gestiegen sei. Hierzulande würde man Wucherzinsen dazu sagen. In Brasilien führt man dies auf die Anhebungen der Leitzinsen durch die dortige Zentralbank zurück. Und diese hat jetzt überrascht.

Normalerweise ist Leitzinspolitik eine konservative und von langer Hand geplante Angelegenheit. Da wird von „Zinszyklen“ und kryptischen „Communiqués“ gesprochen, in denen jede auch noch so kleine Wortänderung die Märkte sanft und frühzeitig auf mögliche Änderungen der Geldpolitik vorbereiten sollen. Da ist es umso erstaunlicher, wenn eine Zentralbank einen sorgfältig am Markt kommunizierten und seit Monaten andauernden Zyklus von Zinserhöhungen plötzlich über Nacht nicht nur beendet, sondern umkehrt und die Märkte mit einer großen Zinssenkung um 50 Basispunkte überrascht. Droht etwas Ähnliches auch bei der EZB?

Die brasilianische Zentralbank Copom (Comitê de Política Monetária) hat über Nacht den Leitzins um 50 Basispunkte von 12,5% auf 12% gesenkt. In einem ausführlichen Communiqué erklärte sie, dass die Eintrübung des globalen makroökonomischen Umfelds zu einer Intensivierung des brasilianischen Wirtschaftsabschwungs beitragen könnte. Außerdem habe die Eintrübung die Gefahr einer allzu stark steigenden Inflation verringert. Zukünftige Zinsschritte würden an der weiteren Entwicklung der makroökonomischen Daten ausgerichtet.

Der abrupte Strategiewechsel wird dazu beitragen, die „Volatilität der brasilianischen Renditekurven zu erhöhen“, kommentieren Analysten von Barclays. Wie in Spanien, Italien in Griechenland – wenngleich in weitaus geringerem Ausmaß – steigen auch die Renditen der brasilianischen Bundesobligationen an. Die Analysten weisen aber darauf hin, dass die Regierung und Notenbank Brasiliens koordiniert auf die konjunkturellen Entwicklungen reagiere. Das werde aber nichts daran ändern, dass die brasilianische Regierung ab jetzt mehr Zinsen auf ihre Schulden zahlen müsse.

Tony Volpon von Nomura Securities hatte im Juli bereits die Spekulationen über eine Kreditkrise in Brasilien heruntergespielt. Er sehe keine solche Entwicklung. Dennoch sei die Überbelastung des Verbrauchers durch die Wucherzinsen bei Privatkrediten in Brasilien eine "unterschätzte Gefahr für das Wirtschaftswachstum."

Jetzt wird wieder über die chinesische Leitzinspolitik spekuliert. Die People’s Bank of China befindet sich in einem Straffungszyklus und hat die Zinsen mehrere Male hintereinander angehoben. Dabei schwingt auch eine Hoffnung mit: Jene nämlich, dass China den Westen dieses Mal wieder mit einem großen Konjunkturpaket und mit Zinssenkungen zur Seite stehen wird. Doch die Hoffnungen könnten enttäuscht werden. China verdaut immer noch die inflationären Folgen, die das massive Konjunkturpaket aus dem Jahr 2008 bis heute hat. Aus Notenbankkreisen hört man, dass es keine Zinssenkungen geben wird. Das gilt sowohl für Peking, als auch für Brüssel. Aber Überraschungen sind jederzeit möglich, wie Rio jetzt eindrucksvoll gezeigt hat.

Autor: Jochen Stanzl, Chefredakteur Rohstoff-Report

Der Rohstoff-Report ist eine Publikation der BörseGo AG