Der Euro eröffnet heute (07.26 Uhr) bei 1.3035, nachdem im Verlauf der letzten 24 Handelsstunden Tiefstkurse im europäischen Handel bei 1.2974 markiert wurden. Der USD stellt sich gegenüber dem JPY auf 80.00. In der Folge notiert EUR-JPY bei 104.25, während EUR-CHF bei 1.2014 oszilliert.

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Gestern kam es erst einmal zu Standortbestimmungen seitens der europäischen Politik. Frau Lagarde als Chefin des IWF sagte zur Zukunft der Eurozone: "Es wird sie geben und sie wird solide sein.“ Diese Sichtweise freut uns, gleichwohl sind die aktuellen Entwicklungen Grundlage für Unsicherheiten, die die Außenwahrnehmung belasten.

Nachdem Herr Westerwelle in seiner Funktion als Außenminister bereits bei den Festivitäten der französischen Botschaft am Sonntag die Möglichkeit und auch hohe Wahrscheinlichkeit eines Wachstumspakts erörterte, kam es gestern zu Einlassungen des Kanzleramts und des Finanzministeriums.

Sowohl Frau Dr. Merkel als auch Herr Kampeter (Staatssekretär Finanzministerium) betonten in marginaler Abstufung der Schärfe, dass der Fiskalpakt als Grundlage der zukünftigen Stabilitätsunion nicht zur Disposition stünde. Alle Euro-Partner hätten sich zu dem Fiskalpakt bekannt, den Weg in eine Stabilitätsunion zu gehen. Der Fiskalpakt sei ein Instrument dafür. Diese Meinung teile ich. Derartige Vereinbarungen/Verträge sind nicht Handelsgut, dass bei Regierungswechseln beliebig abgeändert werden kann. Verfassungen, der Fiskalpakt ist so etwas wie eine Finanzverfassung der Eurozone, sind ja auch nicht beliebig disponierbar. Dazu passen die Einlassungen des EU-Gruppenchefs Juncker.

Juncker lehnt auch nach der Wahl von Francois Hollande zum französischen Präsidenten ein Aufschnüren des Fiskalpakts ab. "Ich habe ihm deutlich gemacht, dass einiges geht und einiges eben nicht", sagte Juncker am Montagabend im ZDF. "Was nicht geht, ist eine Totalaufschlüsselung des verabredeten Fiskalpakts. Das werden viele nicht mitmachen wollen." Einverständnis gebe es indes in Europa, dass man Wachstumsimpulse brauche. Schließlich müsse man in Europa auch Perspektiven bieten und Hoffnung machen. So habe die Wahl in Griechenland gezeigt, dass dort eine gewisse Hoffnungslosigkeit herrsche. "Dieses Dilemma müssen wir beenden." Hollande setzt sich dafür ein, den Pakt um wachstumsfördernde Elemente zu ergänzen. Juncker sagte, Hollande habe ihn heute angerufen und er habe dem designierten Präsidenten seine Position dabei klargemacht.

Erfrischend sind die Adressen aus Deutschland an den zukünftigen französischen Präsidenten Hollande. Frau Dr. Merkel betonte, dass Präsident Hollande in Berlin mit offenen Armen empfangen werde unter Verweis darauf, dass die deutsch-französische Zusammenarbeit essenziell für Europa sei. Regierungssprecher Seibert sagte, dass die gute und enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich auch mit Hollande fortgesetzt werde. Die Bundeskanzlerin sei überzeugt, dass der französische Präsident ein verlässlicher Partner sein werde.

Die deutschen Vertreter zeigten sich in ihren Einlassungen Richtung Wachstumspakt einmal mehr als ordnungspolitisch orientiert. So sagte Herr Seibert, dass eine Wachstumspolitik in Europa aus Strukturreformen bestünde. Seibert lehnte eine Wachstumspolitik basierend auf Verschuldung ab. Hier gibt es Raum für Konfrontation mit Frankreich. Die deutsche Position definiert den Ausgangspunkt für einen Kompromiss. Lassen Sie mich bildlich sprechen. Die deutsche Position fordert zunächst zu 100% "gesundes kerniges Schwarzbrot“ als Wachstumspolitik, nachdem es bereits 30 Monate lang das "Schwarzbrot“ deutscher fiskalischer Strukturpolitik als Einheitsdiät gab, während die französische Politik voraussichtlich auch "französische Erdbeerkonfitüre“ als Belag fordern wird. Mit anderen Worten ist eine kurzfristig wirkende konsumtive Komponente gekoppelt mit einer mittel-langfristigen "Schwarzbrotstrategie“ am Ende der Kompromiss. Dabei sollte der Konfitüreanteil die 25%-Marke nicht übersteigen.

Wir haben gestern betont, dass die Politik drei konkurrierende Ziele mittel- und langfristig vereinbaren muss. Neben fiskalischer Solidität sind es konjunkturelle und gesellschaftspolitische Stabilität. Deutschland hat sich 30 Monate damit durchgesetzt, eine solitäre Fokussierung auf fiskalische Reformen in den schwachen europäischen Ländern durchzusetzen. Das war im Hinblick auf die hohen Defizite vertretbar und sachlich angemessen. In den letzten sechs Monaten haben sich in den Reformländern verstärkt konjunkturelle und in der Folge gesellschaftspolitisch ernst zu nehmende Destabilisierungen ergeben. Derartige Entwicklungen dürfen nicht sportlich ignoriert werden. Die Stabilität der Konjunktur und der Gesellschaft ist ebenso elementar wie fiskalische Stabilität für das Fortbestehen und die Weiterentwicklung der Eurozone.

Wir wünschen der bundesdeutschen Regierung die nötige Weitsicht. Die Durchsetzung guter Politik ist kein linearer Prozess, sondern ein diplomatisches Kunststück, bei dem man bisweilen auch zwei Schritte zurückgehen muss, um dann drei Schritte voranzugehen. Das gilt um so mehr, als dass die deutsche Politik sich schlussendlich 30 Monate durchsetzte und damit circa 10 Schritte nach vorn gekommen ist. Diesen Fortschritt sollte man nicht durch solitäre Fokussierung auf ungehemmte Durchsetzung ordnungspolitischer Ansätze riskieren. Ich denke, der Diplomat Otto von Bismarck hätte intern ähnlich argumentiert Bezüglich Griechenlands gibt es aus Berlin eine klare Positionierung. Regierungssprecher Seibert betonte, dass es bei allen europäischen Vereinbarungen bleiben müsse. Die Verträge sind geschlossen und gelten.

Das ist zunächst grundsätzlich richtig. Nach den massiven Einbrüchen der griechischen Wirtschaft und der neuen politischen Konstellation in Athen stellt sich jedoch die Frage, ob die Umsetzungen der zusätzlich geplanten Reformen (11 Mrd. Euro Volumen) ähnlich wie in Spanien gestreckt werden können, um der griechischen Wirtschaft Luft zum Atmen zu lassen und auch den politischen Risiken aus Athen entgegenzuwirken. Für das laufende Jahr wird eine weitere Kontraktion der Wirtschaftsleistung von 5% prognostiziert nach -12% in den Jahren 2010 - 2011. Wie Herr Regling als Chef des Euro-Rettungsschirms EFSF gestern so treffend formulierte, hätte ein Austritt Griechenlands katastrophale Folgen für Griechenland selbst, aber würde auch für die staatlichen Gläubiger und Banken der Eurozone teuer werden.

Es gilt, die Fakten der Strukturerfolge bei Griechenland nicht aus den Augen zu lassen. Das Waren- und Dienstleistungsbilanzdefizit ist von 2008 auf 2011 um 55% reduziert worden. Die Strukturerfolge der Haushaltsgenesung sind markant, wenn man den Einbruch der Konjunktur berücksichtigt. Wir hatten die Daten im gestrigen Report thematisiert. Es macht grundsätzlich für Griechenland Sinn, diesen schmerzhaften Weg weiterzugehen und dabei die Solidarität der Eurozone zu erleben.

Die politische Lage bleibt in Griechenland jedoch sehr angespannt. Herr Samaras hat gestern bei der Regierungsbildung kapituliert. Nun ist die extreme Linke gefordert, eine Regierungsbildung auf die Beine zu stellen. Die Wahrscheinlichkeit eines Fehlversuchs ist sehr hoch. Falls dieser Ansatz fehlschlägt, werden Neuwahlen in Griechenland innerhalb der folgenden drei Wochen wahrscheinlich.

Die Lage ist unübersichtlich und forciert Risikoaversion gegenüber der Eurozone. Die von Herrn Regling geäußerten Bedenken und Sorgen sind ernst zu nehmen. Falls die Griechen neu wählen sollten und weiter den Weg des Protests und der Emotion gehen und sich damit gegen die Hände wehren, die Griechenland 100 Mrd. Schulden erlassen haben, die Griechenland durchfinanzieren und ihnen ordnungspolitisch und strukturell zu einem schmerzhaften, aber nachhaltigem Neuanfang verhelfen, dann entspräche das Selbstmord aus Angst vor der Genesung. Für die Eurozone bedeutete es eine temporäre Verschärfung der Krise, aber auch die Befreiung von einer schweren Hypothek.

Wenden wir uns den gestern veröffentlichten Daten zu:

Die Auftrageingänge der Deutschen Industrie müssen unsere "Freunde“ bei "Markit“ den Atem rauben. Nachdem Tim Moore (Chefvolkswirt von“Markit“), Credit Suisse und Bantleon darauf verwiesen, dass "Markit“ anders als IFO stärker das Momentum abgreift und nur das produzierende Gewerbe befragt, für das der Auftragseingang der Industrie steht, stellt sich noch stärker als zuvor die Qualitätsfrage bezüglich des "Markit PMI“!

Der deutsche Auftragseingang nahm per März unerwartet stark um 2,2% im Monatsvergleich zu. Die Prognose war bei verhaltenen 0,5% angesiedelt. Mehr noch wurde der Vormonatswert von +0,3% auf +0,6% revidiert.

Mit anderen Worten haben wir in der Momentumfrage via Aufträge in Deutschland per Februar und März eine positive Tendenz, die insbesondere per März ausgeprägt ist. "Markit“ hatte den PMI per Januar bei 51,0 Punkten, per Februar bei 50,2 Punkten und per März bei 48,4 Punkten (Rezession!) erfasst.

Im Jahresvergleich kam es bei dem Auftragseingängen der Industrie zu einem Rückgang um -1,2% nach zuvor -5,8% per Februar 2012. Der Index der deutschen Auftragseingänge hat aktuell das höchste Niveau seit Oktober 2011 markiert.

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In den USA verzeichneten die Verbraucherkredite eine signifikante Ausweitung per Berichtsmonat März um 21,36 Mrd. USD. Die Prognose lag bei lediglich 9,8 Mrd. USD nach zuvor 9,27 Mrd. USD (revidiert von 8,73 Mrd. USD).

Diese Entwicklung kann man seitens der Verbraucher als Ausdruck von Zuversicht interpretieren und zusätzlich als Beleg einer verfestigten positiven Grundtendenz der Konjunktur in den USA. Die Neuverschuldung löst jedoch nicht das Problem der unverändert hohen Privatverschuldung in den USA. Mithin bleibt etwas Wasser im Wein zurück.

Der nachfolgende Chart bildet das Gesamtvolumen der Verbraucherkredite ab. Deutlich wird, dass die Konsolidierung der privaten Haushalte aus dieser Sichtweise heraus in Frage steht.

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Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das eine neutrale Haltung in der Parität EUR-USD favorisiert. Ein Ausbruch aus der Bandbreite 1.2600 - 1.3200 eröffnet neue Opportunitäten.

Viel Erfolg!

© Folker Hellmeyer
Chefanalyst der Bremer Landesbank

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