Alle Asterix-Hefte beginnen mit der Einleitung: „Wir befinden uns im Jahre 50 v.Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“

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Bezogen auf Polen könnte der Spruch lauten:„Wir befinden uns im Jahre 2012 n.Chr. Ganz viele Experten sehen den Euroraum vor einem Zerfall und als unattraktiv für weitere Beitrittsländer an. Doch ein von unbeugsamen Euro-Befürwortern bevölkertes Land hört nicht auf, die Euro-Mitgliedschaft anzustreben.“

Polnische Regierung ist Euro-positiv eingestellt
Die polnische Regierung um Premierministier Tusk fährt einen pro-europäischen Kurs, der auch in der Bevölkerung mehrheitlich auf Zustimmung trifft. Zwar gibt es keine konkreten Aussagen, wann man der Gemeinschaftswährung beitreten wird, dass man dies will, hat man zuletzt jedoch noch mehrfach bekräftigt. Dies liegt natürlich an den wirtschaftlichen Vorteilen, die ein Beitritt mit sich bringen würde. Dementsprechend ist die Politik, darauf ausgerichtet, die Konvergenzkriterien des Maastrichter Vertrags auch einzuhalten. Die Staatsverschuldung lag im Jahr 2011 mit 56,3 Prozent noch unter der Maastricht-Vorgabe von 60 Prozent. Um den Euro-Beitritt nicht zu gefährden, ist die Regierung ab einem Schuldenstand von 55 Prozent verpflichtet, Sparmaßnahmen zur Verhinderung eines weiteren Schuldenanstiegs einzuleiten, was man jüngst auch getan hat. Das Budgetdefizit soll laut der Regierung 2012 bei rund 3,0 Prozent liegen. Auch bei der Inflation ist man bemüht, den Preisanstieg nicht aus dem Ruder laufen zu lassen.

Leitzinsen zuletzt mehrfach erhöht
Polen hat chronische Inflationsprobleme. Anfang der 1990er Jahre war die Auslandsverschuldung höher als der Staatshaushalt. Zudem müssen über schlecht ausgebaute Verkehrswege viele Gebrauchsgüter eingeführt werden, was die Preise in die Höhe treibt. Während in anderen Ländern eine Quasi-Nullzinspolitik verfolgt wird, hat die polnische Zentralbank (Narodowy Bank Polski, NBP) den Leitzins im letzten Jahr viermal erhöht. Bis Ende April rechneten die Notenbanker für 2012 noch mit einer Inflationsrate zwischen 3,6 und 4,5 Prozent, weshalb der Leitzins im Mai 2012 ein weiteres Mal auf 4,75 Prozent erhöht wurde. Die polnischen Verbraucher erwarten im laufenden Jahr einen Preisanstieg von 4,3 Prozent, nach 4,2 Prozent im Vorjahr. Die Kerninflation stieg im April im Jahresvergleich um 4,0 Prozent, nach 3,9 Prozent im März. Gegenüber dem Vormonat gab es einen Anstieg um 0,6 Prozent. Im Schnitt der letzten sechs Monate betrug die monatliche Teuerung 0,55 Prozent. Von ihrem zentralen Inflationsziel von 2,50 Prozent ist die NBP damit weiterhin weit entfernt. Seit dem Jahr 2008 wurde das Inflationsziel abgesehen von wenigen Monaten im Jahr 2010 immer deutlich verfehlt, was den derzeit recht hohen Leitzins erklärt.

Eines der wachstumsstärksten EU-Länder
Trotz der Belastung durch den hohen Leitzins dürfte Polen im laufenden Jahr eines der wachstumsstärksten EU-Länder bleiben. Nach einem Wachstum von 4,2 Prozent im Vorjahr, rechnet die Deutsche Bank für das laufende Jahr mit einem BIP-Plus von 2,3 Prozent. Die polnische Notenbank rechnete vor der letzten Zinserhöhung noch mit einem Wachstumswert zwischen 2,2 und 3,8 Prozent. Aufgrund der Zinserhöhung und der Eurokrise dürfte aber bald eine Abwärtsrevision seitens der Zentralbanker anstehen. Der Exportanteil in die EU liegt bei immerhin 80 Prozent. Die aktuelle Wachstumsschwäche der Handelspartner schränkt damit die polnischen Wachstumsperspektiven deutlich ein, was sich negativ auf das Bruttoinlandsprodukt auswirken wird.

Zloty ist Hebel auf den Euro
Der Chart zeigt sehr schön, dass der Zloty derzeit eine Hebelwährung auf den Euro ist. Zu dem Zeitpunkt, wo die Aktienmärkte aufgrund der letzten Eskalationsstufe in der Eurokrise wieder mächtig und Druck kamen, drehte EUR/PLN nach oben (siehe Pfeil). Der Kurs stieg dabei von 4,1000 auf rund 4,4000 um satte 7,3 Prozent. Zeitgleich legte der US-Dollar kräftig zu, wobei der Euro gegenüber den meisten Währungen massive Abgaben verbuchte. Damit ist auch klar wie es weiter geht. Verschärft sich die Krise und tritt Griechenland nach den Wahlen im Juni gar aus der Währungsunion aus, kommt bei EUR/PLN oberhalb der 4,4000 das Dezemberhoch 2011 von 4,6000 ins Blickfeld. Sollte sich die Lage in der Eurozone beruhigen, kann der Kurs im Jahresverlauf wieder auf 4,1000 zurücksetzen.

Chart steht im Kaufmodus
Derzeit steht der Chart im Kauf. Es hört sich etwas paradox an. Aber sollte der Euro gegenüber den meisten seiner Haupthandelswährungen unter Druck kommen, dürfte er gegenüber dem Zloty weitere Kursgewinne verbuchen. Mit anderen Worten: Scheint im Euroraum die Sonne, leuchtet sie in Polen noch heller und EUR/PLN wertet ab. Hat der Euroraum einen Schnupfen, bekommt der Zloty gleich die Grippe, was sich schon alleine durch den beschriebenen hohen EU-Exportanteil ergibt. Je schlechter es dem Euro geht, desto besser sind dann die Chancen auf Kursgewinne gegenüber dem Zloty.

Jens Lüders, Technischer Analyst und Redakteur bei Godmode-Trader.de

Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten derzeit nicht investiert.

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