Europa blickt wieder nach Griechenland. Egal wie die Neuwahlen am Sonntag auch ausgehen, das Ergebnis wird die Märkte bewegen und kann in der kommenden Woche für heftige Turbulenzen sorgen.

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EU-Währungskommissar Olli Rehn hat schon mal vorsichtshalber seine Teilnahme am G20-Gipfel in Mexiko abgesagt. Er will nach der Wahl in Griechenland am Sonntag jederzeit für Krisengespräche erreichbar sein. Es sei nicht zu verantworten, dass sich Rehn 14 Flugstunden entfernt von Europa aufhalte oder unerreichbar im Flugzeug sitze, sagte Rehns Sprecher der Financial Times Deutschland (FTD). Der Abflug von Bundeskanzlerin Angela Merkel zum G20-Gipfel wurde aus "terminlichen und reisetechnischen" Gründen um 12 Stunden auf Mitternacht in der Nacht zu Montag verschoben. Die Bundesregierung hat laut Regierungssprecher Steffen Seibert für Sonntagabend aber keine Krisengespräche mit den Euro-Partnern geplant und wartet vorerst den Ausgang der Wahl ab. "Jetzt lassen wir Griechenland mal wählen", sagte Seibert. Derweil bereiten sich die wichtigsten Notenbanken der Welt auf eine konzertierte Aktion vor, um die Märkte notfalls mit weiteren Milliardenbeträgen zu fluten, wie Reuters berichtet. EZB-Präsident Mario Draghi sagte demnach, dass man bei Bedarf weitere Liquidität bereitstellen werde. Die EZB wollte die Medienberichte aber nicht kommentieren.

Wenig Schlaf in der Nacht auf Montag dürften jedenfalls die Bankmanager in Frankfurt, London und Paris bekommen. Der Vorstand der HypoVereinsbank hat bereits öffentlich angekündigt, am Sonntagabend eine Notkonferenz abzuhalten, sollten bei den Wahlen die Reformgegner eine Mehrheit im Parlament bekommen. Dann müssten beispielsweise Vorkehrungen beim Zahlungsverkehr getroffen werden, sagte Vorstandssprecher Theodor Weimer laut einem Bericht von Dow Jones Newswires. Man wolle schließlich nicht der Letzte sein, der noch Euro nach Griechenland überweist. Bei der Deutschen Bank und der Commerzbank sind für Sonntagabend aber laut Medienberichten keine Telefonkonferenzen geplant, weil erst in einigen Tagen feststehen dürfte, wie es in Griechenland wirklich weitergeht.

Es geht um viel bei den Neuwahlen in Griechenland. Sollten die pro-europäischen Parteien Nea Dimokratia und Pasok keine Mehrheit zur Bildung einer stabilen Regierung erhalten, steht der Spar- und Reformkurs auf der Kippe. Das Linksbündnis Syriza will die Sparvereinbarung mit EU und IWF durch einen "nationalen Plan für Wiederaufbau und Wachstum" ersetzen. Damit würde auch ein baldiger Euro-Austritt drohen. Denn die Bundesregierung und andere internationale Partner pochen auf eine Erfüllung der griechischen Zusagen. Andernfalls droht eine Zahlungseinstellung aus dem europäischen Rettungsschirm und Griechenland würde innerhalb kurzer Zeit in die Staatspleite rutschen. In EU-Kreisen wurde zuletzt allerdings auch diskutiert, ob man Griechenland vielleicht doch etwas mehr Zeit bei der Umsetzung der Reformen geben könnte. Das fordern auch die pro-europäischen Parteien in Griechenland. Allerdings müssten dann zusätzliche Milliardenhilfen für Griechenland geschnürt werden, was kaum mehrheitsfähig sein dürfte.

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger rechnet mit einem unkontrollierten Euro-Austritt Griechenlands, sollten die Reformkritiker als Sieger aus der Parlamentswahl hervorgehen. "Wenn in Griechenland Kräfte an die Macht kommen, die die vereinbarten Sparprogramme nicht fortsetzen, wird es zu einem unkontrollierten Ausscheiden Athens aus dem Euro kommen - mit der großen Gefahr einer Kettenreaktion in anderen Ländern", sagte Bofinger den "Nürnberger Nachrichten" (Samstag).

Im Falle einer solchen Kettenreaktion würde an den Märkten wohl darauf spekuliert werden, dass auch Länder wie Portugal, Spanien und Italien die Eurozone früher oder später verlassen müssen. Das könnte auch bei Banken und Versicherern in Ländern wie Frankreich und Deutschland schwere Verluste zur Folge haben. Die Krise würde ganz Europa in den Abgrund ziehen.

Ein Euro-Austritt Griechenlands könnte im Ernstfall ganz schnell gehen. Im EZB-Rat ist nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" bereits ein Streit darüber entbrannt, ob Griechenland weiter als zahlungsfähig gelten kann, wenn die Neuwahl von den Reformgegnern gewonnen wird und es anschließend zu einem Ansturm auf die griechischen Banken kommt. Die Bundesbank setze sich dafür ein, dass Griechenland in einem solchen Fall vom Zahlungsverkehrssystem Target 2 abgeschnitten wird, berichtet die FAZ. Damit wäre Griechenland faktisch aus dem Euro ausgeschlossen.

Wie die Wahlen ausgehen, ist derweil völlig unklar. In den vergangenen beiden Wochen durften in Griechenland keine Umfragen mehr veröffentlicht werden. Nach den letzten Befragungen zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Reformbefürwortern und -gegnern ab. Gerüchten zufolge könnte die konservative Nea Dimokratia aber möglicherweise doch stärkste Kraft werden - dies sollen "geheime" (unveröffentlichte) Umfragen gezeigt haben. Der jüngste Kursanstieg am griechischen Aktienmarkt wurde von Händlern jedenfalls so gedeutet. Ob die Reformbefürworter auch eine Mehrheit der Parlamentssitze erringen und damit eine stabile Regierung auf die Beine stellen können, ist aber sehr fraglich. So oder so dürfte die nächste Woche von hoher Volatilität geprägt sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kurse an den wichtigsten europäischen Börsen einbrechen oder es aber zu einer kräftigen Erholungsrally kommt, ist hoch. Die nächsten Tage dürften sehr spannend werden.

Oliver Baron
Redakteur BoerseGo.de

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