Politische Börsen haben kurze Beine – sagt man. Seit rund 4 Jahren wird man das Gefühl nicht los, dass diese Beine kontinuierlich wachsen. Die Abhängigkeit der Finanzmärkte von der Politik hat ein historisches Ausmaß angenommen, ohne hier in die grassierende „immeritis“ verfallen zu wollen („immer mehr Menschen“…“es wird immer schwieriger…“). Es lässt sich kaum glaubwürdig bestreiten, dass zumindest eine ganze Branche – die Banken –unmittelbar am Tropf der Notenbanken hängt und mittelbar am Willen der Politik, die Finanzinstitute chronisch zu retten.

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Natürlich gibt es immer Unternehmen, die scheinbar ein Eigenleben besitzen und auf einer Insel der Glückseligkeit leben. Bei Apple hat man diesen Eindruck. Es existiert sich natürlich auch etwas komfortabler, wenn man auf 100 Mrd. USD Cashreserven sitzt. Das eine oder andere Industrie-Unternehmen muss dagegen Kredite aufnehmen um produzieren zu können, und ist dafür auf ein funktionierendes Bankensystem angewiesen. Die unabhängige Funktionsfähigkeit dieses Systems ist schon lange nicht mehr gegeben. Ohne Zentralbank geht überhaupt nichts mehr. Nun mag man zwar einwenden, dass Zentralbanken genau aus diesem Grunde geschaffen wurden – nämlich um den Geschäftsbanken ihren Betrieb überhaupt erst verlässlich zu ermöglichen. Dennoch ist die Abhängigkeitsbeziehung erschreckend.

In Europa ist das noch viel schlimmer als in den USA, weil dort die Fristenkongruenz traditionell eine wichtige Rolle spielt. D.h. langfristige Ausleihungen sind auch langfristig refinanziert, durch entsprechende Einlagen bei den Kreditinstituten oder Anleihen. In Europa grassiert das Tagesgeldfieber, nun ja wer mag sich schon noch auf lange Sicht binden? Verdenken kann man es niemandem. Eine Analogie findet sich übrigens in den Problemen der offenen Immobilienfonds. Zuletzt zerlegte es den früher hochgelobten SEB Immoinvest. Wenn man jeden Tag seine Anteile zurückgeben kann, und die Fondsgesellschaft dann auszahlen muss, dann gibt es mit absoluter Sicherheit irgendwann Probleme. Das offene Modell eignet sich nicht für Anlagen, die nicht ohne weiteres liquidierbar sind. Ein Aktienfonds verkauft eben Teile des Bestands an Aktien, wenn Anteilsscheine zurückgegeben werden. Aber versuchen Sie mal, ein Bürogebäude über Nacht zu verkaufen. Oder einen 3 Jahre laufenden Kredit innerhalb von ein paar Tagen einzutreiben.

Die Einlagenproblematik ist in Deutschland derzeit gar nicht existent, wohl aber im europäischen Ausland. Eher im Gegenteil, deutsche Banken werden aus dem Ausland zugebombt mit Geld: Woher kommt es? Aus den Krisenländern. Von den dortigen wohlhabenden Bürgern. Den auswärtigen Banken fehlt dieses Geld auf der Einlagenseite (Passiva), während sie gar nicht in der Lage sind ihre Aktiva entsprechend abzubauen. Sie versuchen also, mit zunehmend schlechten Sicherheiten, von der Zentralbank Kredite zu bekommen. Diese Situation spiegelt sich in den inzwischen berühmt-berüchtigten Target2-Salden der nationalen Zentralbanken wieder. Die Bundesbank weist nunmehr eine entsprechende Forderung von über 600 Mrd. EUR gegen die EZB aus. Da sieht man erst, wie viel Geld das europäische Ausland in den letzten Jahren verlassen hat. Sie können davon ausgehen, dass diese Fluchtbewegung ordentlich zur Krisenverschärfung beigetragen hat und noch nicht am Ende angelangt ist. Kann man es den Griechen, Italienern, Spaniern, Portugiesen übelnehmen, wenn Sie versuchen ihr Geld in Sicherheit zu bringen? Nein - es will doch keiner morgens aufwachen, geschlossene Banken vorfinden und feststellen, dass der Euro im eigenen Land nicht mehr nationale Währung ist.

Wie soll man diese Problematik, die auf mangelndem Vertrauen basiert, dauerhaft lösen? Ein Weg wäre ein europäischer Bundesstaat, den aber wahrscheinlich eine relativ große Mehrheit der Bürger ablehnt. Die Vereinigten Staaten von Europa sind eine schöne Illusion. Europa hat aber nur eine gemeinsame Zukunft als Europa der Vaterländer, und diese sind und bleiben Nationalstaaten. Das hat zuletzt wieder der Historiker Arnulf Baring in dankenswerter Klarheit erläutert, auch wenn er dafür erneut verbal einstecken musste. Die Mentalitäten sind zu unterschiedlich, von der fehlenden gemeinsamen Sprache ganz zu schweigen.

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend muss man konstatieren, dass der Euro von vornherein keine gute Idee war, auch wenn er zweifellos viele Vorteile bietet. Ich glaube dennoch, dass er als Währung überleben wird. Natürlich nicht ewig, sowenig wie irgendeine andere Papiergeldwährung. Mehrere Länder werden den Euroraum verlassen, davon bin ich überzeugt. Die einzige plausible Alternative dazu wäre der Ausstieg eines einzigen Landes, und das ist Deutschland. In einem Extremszenario wäre das denkbar, wenn auch sehr unwahrscheinlich. Für so einen Schritt müsste Deutschland entweder mit Frankreich brechen, was ich für fast ausgeschlossen halte, oder aber genau diesen Weg mit den Franzosen absprechen – sozusagen als finaler Rettungsplan für Europa. Dann wäre die Grande Nation die neue Führungsmacht in der Eurozone, und Deutschland mehr oder weniger isoliert. Das würde dem einen oder anderen dort und hier wahrscheinlich sogar gefallen.

Daniel Kühn

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