Auch wenn es im vergangenen Jahr an den Börsen insbesondere ab Spätsommer heiß herging, war auf einen stets Verlass, den Zertifikate-Markt. Denn selbst im „Horror-Monat“ August, in dem der DAX nach dem erstmals so richtigen Bewusstwerden der Euroschuldenkrise einen historischen 20-prozentigen Absturz innerhalb nur weniger Handelstage erlebte, ließen sich die Zertifikate-Anleger nicht aus der Ruhe bringen. Dies zeigte sich an der gleichzeitigen Abwärtsbewegung im Sektor von gerade einmal 4,1 Prozent, preisbereinigt sogar von nur 0,8 Prozent laut Umsatzstatistik des Deutschen Derivate Verbandes (DDV). Doch wie war das möglich? Ganz einfach dadurch, dass sich rund zwei Drittel des Volumens allein in Garantie-Produkten und nur eine ganz unwesentliche Rate von kaum mehr als einem Prozent in gehebelten „Zocker-Papieren“ konzentrierte. An diesem „Missverhältnis“ hat sich bis heute wenig geändert, genießt das Sicherheitsbedürfnis der Investoren doch nach wie vor oberste Priorität. Dem Zertifikate-Markt half es darüber hinaus das ganze Jahr über zu einer stabilen Entwicklung mit einem investierten Gesamtvolumen von fast immer über einer Mrd. Euro.

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Verunsicherung spricht für Zertifikate

An der eher defensiven Weichenstellung der Anleger dürfte sich auch 2012 trotz des fulminanten Börsenauftakts wenig ändern. Dafür spricht schon allein eine Verunsicherung in einem nie zuvor gekannten Ausmaß, die sogar die lange Zeit als absolut sicher geltenden Staatsanleihen in Frage stellt. Eine Ausgangssituation, die eigentlich so ganz nach dem Geschmack der Zertifikate-Branche sein dürfte. Denn nur sie kann sich wie keine andere schnell und flexibel an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen und Investoren jeglicher Couleur mit dem individuell passenden Produkt versorgen. Allerdings sollten sich Anleger bei Inhaberschuldverschreibungen gerade vor dem Hintergrund der schwelenden Schuldenkrise auch der existenziellen Gefahr eines Zahlungsausfalls des Emittenten bewusst sein und dessen individuelle Bonität in ihre Investments miteinbeziehen. Ein detaillierter Überblick hierzu findet sich auf der Internetseite des DDV (www.deutscher-derivate-verband.de). Auch eine breite Streuung über mehrere Anbieter könnte falls thematisch bzw. produkttechnisch möglich, für etwas Entspannung sorgen.

Produktzahl explodiert

Dass zu einer komfortablen Angebotssituation natürlich auch ein entsprechend umfangreiches Anlageuniversum gehört, versteht sich von selbst. Doch auch in diesem Punkt setzt die Zertifikate-Industrie Maßstäbe. So nahm die Zahl der gelisteten Papiere im vergangenen Jahr ausgehend von einem Stand bei rund 600.000 Papieren fast von Monat zu Monat bis auf ein Niveau von knapp 880.000 Produkten kontinuierlich zu und betrug Ende 2011 nach einem Rücksetzer im traditionell eher aktivitätsarmen Dezember immer noch über 816.000. Eine Zahl, die ebenso unglaublich erscheint, wie sie höchstwahrscheinlich nur eine kurze Zwischenstation auf dem Weg zur bald erreichten ersten „Zertifikate-Million“ sein wird. Davon ist laut der letzten Emittenten-Umfrage des DDV auch etwa ein Drittel der Anbieter überzeugt und die müssten es als gleichzeitige Erzeuger eigentlich auch wissen.

Produktentwicklung seit Januar 2011:

Januar 2011 595.720
Februar 2011 654.730
März 2011 676.126
April 2011 713.197
Mai 2011 754.624
Juni 2011 713.590
Juli 2011 766.392
August 2011 837.929
September 2011 826.478
Oktober 2011 859.665
November 2011 878.525
Dezember 2011 816.436
Januar 2012 851.283

Quelle: Deutscher Derivate Verband

Theorie hier, Praxis da

Die gewaltige Produktflut führt allerdings auch zu Schwierigkeiten. Denn wie soll der Anleger hier überhaupt noch das individuell für sich beste Papier finden? Ganz einfach sagen die Anbieter, man braucht „nur“ zu einem der vielen im Web vorhandenen Auswahltools greifen. Klingt plausibel, leider sind aber viele davon emittentenabhängig, zu ungenau oder weisen zum Teil sehr gravierende Fehler in der Datenbasis auf, so dass die Suche schnell zu einer langwierigen Sisyphus-Arbeit ausarten kann. Der „Fehlerteufel“ hat sich Übrigens auch bei vielen neuen Produktinformationsblättern (PIBs) eingenistet, die ja eigentlich für mehr Transparenz sorgen sollten. Anlegern sei deshalb angeraten, auch wenn es mitunter schwer fällt, jedes potentielle Zertifikat wie früher zusätzlich mit dem verbindlichen Verkaufsprospekt abzugleichen.

Emittenten skeptisch, Anleger preisbewusst

Die jährlich bei 24 Zertifikate-Häusern durchgeführte Erhebung brachte außerdem zutage, dass sich für knapp dreiviertel der Emittenten die Wettbewerbsbedingungen weiter verschärft haben, weshalb in der Branche in diesem Jahr auch überwiegend mit einem gewissen „Anbieter-Sterben“ gerechnet wird. Zu dieser Einschätzung beigetragen hat sicher auch die im zweiten Halbjahr 2011 von drei Viertel der Befragten als schlechter empfundene Geschäftslage, die sich auch 2012 nur für ein Drittel zum Besseren entwickeln dürfte. Der Stachel scheint also bei den Banken nach dem etwas verkorksten Jahr 2011 noch ziemlich tief zu sitzen, waren doch die Befragungsergebnisse noch im Jahr zuvor genau umgekehrt ausgefallen. Dies zeigt sich auch an der Beantwortung der Frage nach dem Haupt-Wettbewerbsfaktor. Dabei wird schnell klar, dass für den heutigen überwiegend konsumunkritischen Menschen nicht nur „Weihnachten unterm Baum entschieden“ wird, sondern dass auch in das Verständnis der Anleger mit einem Votum von fast 48 Prozent mittlerweile ganz eindeutig die „Geiz-ist-geil“-Mentalität eingekehrt ist, so dass sich Emittenten in erster Linie nur noch über die Preis-Schiene von ihren Mitkonkurrenten abheben können. Zum Vergleich waren zwölf Monate zuvor nur rund 17 Prozent dieser Ansicht gewesen. Das spricht wiederum dafür, dass man sich wohl schon in Sachen Produktqualität und Service zu stark aneinander angeglichen hat, hoffentlich dabei auf einem höheren Niveau.

Megatrend Sicherheit

Wer auf die Struktur-Karte setzen möchte, dem bleibt deshalb einzig der Zertifikatemarkt als Spielwiese übrig, indem er sich sein Depot aktiv aus diversen Produkttypen selbst zusammenstellt. Über allem schwebt dabei wie eingangs bereits erwähnt, das Thema Sicherheit in Form eines zum Laufzeitende nach einigen Jahren verbrieften Kapitalschutzes. Ein Trend, der auch in diesem Jahr anhalten bzw. sogar weiter zunehmen dürfte. Davon ist laut der DDV-Umfrage auch der Großteil der Emittenten mit einem Votum von allein 75 Prozent überzeugt. Besonders attraktiv stellen sich für den Investor in diesem Zusammenhang die sogenannten zinstragenden Garantie-Strukturen dar, die ausgehend von simplen Fest- oder Stufenzinsanleihen mit einer fixen Verzinsung bis hin zu Produkten mit flexiblen „Floating“-Komponenten reichen. Letztere schützen den Anleger vor einem Zinsanstieg, indem sie den laufenden Kupon an bestimmte Zins-Benchmarks wie die periodenbezogenen EURIBOR-Sätze im Interbankenhandel anbinden. Wer sich darüber hinaus vor dem „Gespenst“ Inflation fürchtet, kann stattdessen auch auf Papiere setzen, deren Verzinsung sich nach der Teuerungsrate richtet, ausgedrückt meist durch die Veränderungdes Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) ex Tabak für eine bestimmte Region wie die Eurozone. Fast 48 Prozent des Gesamtvolumens entfallen mittlerweile auf Fixed-Income-Strukturen, was den allgemeinen Zinsnotstand ganz eindrücklich vor Augen führt. Sind doch viele Investoren bereit, sich für einen kleinen Zinszuschlag sogar ein zusätzliches Emittentenrisiko mit ins Depot zu holen. Allerdings hat die Schuldenkrise den Anleger bereits gelehrt, dass Begriffe wie „Sicherheit“ oder „Risiko“ mittlerweile zu einer reinen Definitionssache geworden sind und Staatsanleihen längst ihren Status als „Witwen- und Waisenpapiere“ verloren haben.

Autor: Armin Geier, http://www.godmode-trader.de/zertifikate

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