Das Chance - Risiko - Verhältnis, oft mit CRV abgekürzt spielt im erfolgreichen Trading eine zentrale Rolle und wird Ihnen sicherlich bereits das ein oder andere Mal über den Weg gelaufen sein.

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Im Gegensatz zur vielleicht augenscheinlichen Vermutung, hat das CRV nichts mit der Erfolgswahrscheinlichkeit des nächsten Trades zu tun, zumindest nicht direkt, sondern das CRV beschreibt, wie ihr potenzieller Gewinn aus dem nächsten Trade in Relation zum eingegangenen Risiko steht.

Nehmen wir folgendes Beispiel: Sie möchten Aktie X zum aktuellen Kurs von 107,04 Euro kaufen. Dieses Geschäft sichern Sie mit einem Stopploss bei 99,50 Euro ab und das Ziel dieses Geschäfts liegt bei einem Kurs von 135,00 Euro. Mit Hilfe dieser Größen können Sie nun das CRV dieses Handelsgeschäfts bestimmen, in dem Sie den potenziellen Gewinn durch das anfängliche Risiko dividieren.

Der potenzielle Gewinn (Chance) ergibt sich aus der Differenz Ihres Zielkurses und dem Einstandspreis:

Chance = 135,00 Euro - 107,04 Euro = 27,96 Euro

Ihr anfängliches Risiko ergibt sich aus der Differenz des Einstandspreises und Ihrem anfänglichen Stopploss:

Risiko = 107,04 Euro - 99,50 Euro = 7,54 Euro

Durch Division dieser beiden Größen erhalten Sie nun das CRV für dieses Geschäft:

Was sagt nun diese Kennzahl aus?

Anhand des CRV können Sie lediglich sehen, was Sie für einen Euro den Sie riskieren, an Gewinn erwarten, sofern Ihr Ziel erreicht wird. Im obigen Beispiel erwarten Sie also, pro riskiertem Euro, 3,71 Euro an Gewinn zu erwirtschaften.

Schön und gut, aber wie bringt mich das weiter?

In Bezug auf den nächsten Trade nicht viel, denn mit dem CRV haben Sie keinen Anhaltspunkt, ob das nächste Geschäft ein Gewinner oder Verlierer wird. Aber für Ihren langfristigen Erfolg ist das CRV eine wichtige Aussage, denn mit zunehmendem CRV steigen auch Ihre Chancen, langfristig zu gewinnen. So zumindest der einhellige Tenor in vielen Publikationen zum Thema Trading. Der Grund hierfür scheint logisch, denn je größer Ihr CRV ist, desto öfter können Sie sich einen Verlierer leisten.

Nehmen wir an, Sie gehen auch zukünftig nur Geschäfte ein, bei denen das CRV mindestens 3,71 beträgt. Dann können Sie theoretisch 3,71 Mal in Folge das gesamte Risiko verlieren und bräuchten erst beim nächsten Trade einen Gewinn, um insgesamt auf Plus-Minus Null zu kommen (Gebühren außen vor gelassen). D.h., Sie wären bereits mit einer Trefferquote von nur 22 % langfristig kein Verlierer. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass oftmals zu lesen ist, nur Trades mit hohen CRVs einzugehen, aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Der richtige Umgang mit dem CRV

Im Allgemeinen wird empfohlen nur Geschäfte einzugehen, bei denen das CRV mindestens 1,5 oder 2 beträgt und ein Trade soll umso besser sein, umso größer das CRV ist. Das Problem ist jedoch, dass Sie die Chance nur schätzen können - anders als das Risiko, das durch Ihr festes Stopploss bereits vor Tradebeginn fest definiert ist. Eine Schätzung macht diese Kennzahl jedoch sehr anfällig, denn es stellt sich die Frage, wie realistisch ist es wirklich, dass die Aktie den Zielkurs erreicht? Diese Frage ist NICHT sicher zu beantworten, sondern wird eher von Erfahrungswerten gestützt. Auch können statistische Untersuchungen genutzt werden, um die Chance möglichst gut bestimmen zu können. Hat sich bspw. eine Aktie bereits 30 % seit Jahresbeginn vom Tief aus nach oben bewegt und Sie wissen aus einer entsprechenden Analyse, dass in der Vergangenheit die Schwankungsbreite innerhalb eines Jahres nur selten mehr als 40 % war, so können Sie die aktuelle Chance mit einem Kursgewinn von nochmals 10 % bestimmen. Auch zentrale Unterstützungen oder Widerstände können für die Bestimmung der Chance herangezogen werden.

Ein großes Problem besteht aber weiterhin: Trader träumen gerne! Gerade so eine anfällige Größe wie das Abschätzen des potentiellen Gewinns in einem Trade kann schnell der eigenen Stimmungslage zum Opfer fallen. Man ist heiß auf´s Trading und/oder sieht einen neuen großen Bullenmarkt vor der Tür, dann ist man schnell dabei, die Ziele unrealistisch hoch einzuschätzen. Gleiches dürfte auf Situationen zutreffen, in denen man seit einiger Zeit diverse Verluste kassiert hat. Auch hier neigen wir dazu, das Potential eines Trades zu überschätzen, vor allem in Kombination mit den dazugehörigen Wahrscheinlichkeiten. Wenn wir drei oder vier Mal hintereinander verloren haben, dann ist eine Argumentationskette wie diese nicht weit: Jetzt muss es doch einmal klappen mit der Trendwende. Wie tief soll der Kurs denn noch fallen?

Dass es bei dem Thema CRV gar nicht ohne eine gewisse Ignoranz geht, wird schnell deutlich, wenn wir uns anschauen, wo denn die nächsten Widerstände zu finden sind. Steigen wir Long in einen Trade ein, dann scheint es wahrscheinlich, dass der Kurs den Freiraum bis zum nächsten Widerstand wohl überbrücken können sollte. Den ersten Widerstand nach unserem Einstieg finden wir jedoch meist nur wenige Cent oder Euro oberhalb dessen. Sie können es gerne einmal ausprobieren. Nehmen Sie sich einen x-beliebigen Chart auf Tagesebene und markieren Sie einen virtuellen Einstiegspunkt. Nun beginnen Sie beim Wochenchart und zeichnen lediglich alle horizontalen Unterstützungen und Widerstände und alle Trendlinien hinab bis zum Stundenchart ein. Ich bin mir relativ sicher, dass Sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen werden. Würden wir so systematisch vorgehen, ließen sich kaum Trades finden, in denen das CRV größer als 1 wird. Folglich sind wir bereits gezwungen, lediglich die „wichtigen“ Widerstände und Unterstützungen für unsere Analyse heranzuziehen. Wir sortieren aus und dies ist eine weitere Fehlerquelle.

Kommen wir an dieser Stelle zu einem weiteren entscheidenden Punkt. In den letzten Ausgaben des CFD-Reports habe ich Ihnen eine ganze Reihe von Indikatoren vorgestellt und diese tradingtechnisch näher unter die Lupe genommen. Im Groß war das Ergebnis enttäuschend. Standardeinstellungen bei den klassischen Indikatoren zu handeln, ist meist nicht profitabel. Bei den meisten dieser Tests haben wir den Indikator als Allrounder genutzt. Er hat unser Einstiegssignal geliefert, aber auch den Ausstieg (und im weiteren Sinne auch das Trailingstopploss). Was, wenn wir in dieses Geflecht das CRV einbauen?

Unser neues Ziel lautet nun, mit Hilfe des Indikators zwar einen Einstieg zu finden, aber sowohl die Stoppsetzung als auch die Zielfindung laufen „getrennt“ vom Indikator. Der Ausstieg aus einer Longposition erfolgt nicht mehr, wenn der Indikator ein Verkaufssignal liefert, sondern, wenn entweder unser Stoppkurs oder aber unser anvisiertes CRV erreicht wurde.

Für eine grundlegende Analyse der Zusammenhänge greifen wir auf unseren letzten Indikatorentest zurück, den Supertrend-Indikator. Im CFD-Report 43/14 haben wir diesen ausführlich beschrieben. Um die Analyse nicht unnötig zu verkomplizieren, konzentrieren wir uns an dieser Stelle lediglich auf die Longseite. Schließlich geht es nicht darum, auf Basis des Supertrend-Indikators ein erfolgreiches Tradingsystem zu erstellen, sondern um das Wesen des oft zitierten CRVs weiter einzugrenzen. Kosten & Co bleiben deshalb ebenfalls außen vor.

Gehen wir im Deutschen Aktienindex long, wenn die Standardeinstellung des Supertrends (10, 3) ein Longsignal generiert und lassen die Position so lange laufen, bis der Tagesschlusskurs wieder unter den Supertrend zurückfällt, dann erhalten wir den in Abbildung 1 dargestellten Kontoverlauf. Der dazugehörige Performancereport ist in Abbildung 2 zu sehen. Dieser Ansatz entspricht dem typischen unoptimierten Trendfolgesystem. Man steigt ein und lässt die Gewinne laufen, bis der Trailingstopploss (in diesem Fall der Supertrend) ausgelöst wird. Was passiert nun, wenn wir stattdessen ein Kursziel einbauen, welches dem X-fachen unseres Stopploss entspricht?

Dazu bauen wir unsere Ausstiegslogik entsprechend um und greifen auf einen simplen Stoppmechanismus zurück. Schaltet der Supertrend von rot auf grün, gehen wir Long und platzieren den Stopploss pauschal 5 Prozent unterhalb unseres Einstiegskurses. Unser Ziel entspricht einem variablen Vielfachen dieses Stopps. Wollen wir ein CRV von 2 erreichen, läge unser Kursziel bei 2 * 5 % = +10 % über dem aktuellen Schlusskurs. Ausgehend von diesem Ansatz lassen wir nun einmal verschiedene CRVs von 0,4 – 10 in 0,2er Schritten durchlaufen. Wie wir in Abbildung 3 erkennen können, ist es nicht so, dass mit zunehmender CRV-Größe auch unsere Profitabilität steigt. Ein CRV von 3,6 führt noch zu einem Gesamtprofit vor Kosten von knapp 3.250 Punkten, während ein CRV von 3,8 das Ergebnis massiv einbrechen lässt. Hier wären lediglich 1.325 Punkte vor Kosten zusammengekommen.

Entscheidend für dieses Ergebnis ist das Wechselspiel von CRV und Wahrscheinlichkeit. Bereits aus der Logik heraus sollte klar sein, dass das Erreichen größerer Ziele einfach unwahrscheinlicher ist. Je größer unser CRV und damit potentieller Gewinn wird, desto unwahrscheinlicher ist es jedoch, dass dieses Ziel auch erreicht wird. Die zentrale Frage ist: welcher der beiden gegenläufigen Effekte hinsichtlich der Profitabilität überwiegt? Abbildung 3 zeigt sehr deutlich, dass wir diesbezüglich keine pauschale und allgemeingültige Antwort geben können. In diesem Fall hätte das Diagramm stetig ansteigen (CRV kompensiert den Wahrscheinlichkeitsverlust) oder stetig fallen (CRV kompensiert den Wahrscheinlichkeitsverlust nicht) müssen.

An diesem Problem ändert auch die Tatsche wenig, wenn wir als Ausgangsbasis einen anderen Stopp wählen. Statt der 5 % können wir auch einen von 10 % oder 3 % wählen, wie in Abbildung 4 zu sehen. Hier haben wir einen 3 % Stopp gewählt und diesen wiederum mit CRVs von 0,4 bis hin zu 10 getestet. Eine einheitlich steigende oder fallende Kurve ist auch hier nicht zu erkennen.

Zusammenfassung

Dem ein oder anderen mag die vorliegende Analyse zum CRV relativ theoretisch oder zumindest mathematisch erscheinen. Deshalb aber sind die Erkenntnisse dieser nicht weniger wert. Auf den vorangegangenen Seiten haben wir uns das Chance-Risiko-Verhältnis ein wenig genauer angeschaut und sind der Frage nachgegangen, ob dieses vielleicht der Schlüssel zum Erfolg ist. So jedenfalls kommt es oftmals herüber, gemäß dem Motto: Handele nur Trades, die ein großes CRV mitbringen und die Gewinne kommen von alleine.

Schön wäre es, aber die Realität sieht anders aus. Ein großes CRV hat zwar einen positiven Einfluss auf die Performance, führt jedoch gleichzeitig zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ziel auch erreicht wird. Zu einer Performancesteigerung kommt es nur dann, wenn die Performanceverbesserung des hohen CRVs die Nachteile der kleineren Wahrscheinlichkeit kompensiert. Ob und bei welchen CRVs dies der Fall ist, kann pauschal nicht gesagt werden. Dies ist explizit von den gewählten Einstiegssignalen & Co abhängig. Klassisch würde ein Trade mit einem CRV von 3 besser bewertet werden, als einer mit einem CRV von nur 0,6. Wie aber Abbildung 4 schön zeigt, wäre angesichts unserer Einstiegslogik und einer Stoppsetzung von 3 % im DAX das vermeintlich schlechtere CRV die bessere Option. Immerhin hätte hier ein Gewinn erzielt werden können, während das CRV von 3 selbst vor Kosten eine negative Performance mit sich brachte.

Nur weil wir im nächsten Trade ein Potential von 3:1 sehen, heißt dies noch nicht zwangsläufig, dass es sich um eine gute Tradingidee handelt. Das wäre auch zu schön um wahr zu sein, denn wozu müssten wir uns dann noch Gedanken zur Positionsgröße oder auch zum Einstieg machen, wenn eine solch einfache Regel pauschal zu einer erfolgreichen Strategie führen würde. Wenn Sie also mit dem CRV als Maßstab für eine Tradebewertung arbeiten, dann sollten Sie dieses auch in einer vernünftigen Art und Weise machen. Vermeiden Sie die oben angesprochenen Fehler und seien Sie sich des Zusammenhangs zwischen CRV und Wahrscheinlichkeit (Trefferquote) bewusst.