Gerüchten zufolge soll ein Händler der Citigroup für die Verwerfungen verantwortlich gewesen sein. Man will das untersuchen, heißt es. Da sind wir aber mal gespannt. Denn in der Tat: Der Aktienkurs der Citigroup hatte in dem plötzlichen Ausverkauf deutlich weniger verloren als alle anderen Finanztitel.
Andere „Begründungen“ lauten, ein Händler habe sich vertan und Millionen mit Milliarden verwechselt. Es wird wohl niemand von mir erwarten, dass ich das glaube.
Wir werden uns an solchen Spekulationen auch nicht beteiligen. Fest steht: Die Trends sind hinüber – und uns ist das sehr recht. Wir und die Leser des Antizyklischen Börsenbriefs sitzen nämlich auf hohen Cash-Reserven und werden jetzt erst einmal ganz gemütlich abwarten.
Und wer geglaubt hatte, die Anleger würden wegen der Schuldenkrise einen Bogen um US-Staatsanleihen machen, der sollte sich einmal den folgenden Kursverlauf der 30jährigen US-Bonds ansehen.

Warum uns das besonders auffällt: Schon in der April-Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs hatten wir vermutet, dass man jetzt mit einem deflationären Schock versuchen könnte, die Anleger wieder in US-Staatsanleihen zu treiben.
Denn wer bitteschön soll denn über Staatsanleihen die Schulden der Vereinigten Staaten finanzieren, wenn nicht Anleger, die einfältig genug sind, dieses Zeug trotz der mickrigen Renditen immer noch zu kaufen?
Et Voilà, den deflationären Schock, den hatten wir jetzt. Die Begründung, wie es zu dem Einbruch kommen konnte, ist eigentlich zweitrangig. Was zählt, ist das Ergebnis: Und siehe da, der Aktienmarkt sieht katastrophal aus – und schon jagen die Anleger wieder den US-Staatstiteln hinterher. Sie prügeln sich geradezu um die Schuldpapiere eines Landes, das den Griechen hinsichtlich der Verschuldung keineswegs nachsteht. Ganz so, wie wir das vermutet hatten.
Was auch interessant ist: Da wurde am Donnerstagabend querbeet alles verkauft, was nicht niet- und nagelfest war. Nur ein Sektor nicht: Goldaktien standen wie der Fels in der Brandung, einige legten inmitten der schönsten Panik zweistellig zu. Auch das kommt für uns nicht überraschend.
Sollte man nach dem Crash jetzt also am Aktienmarkt einsteigen? Bleiben Sie ganz gelassen: Der Point & Figure Chart des Dow Jones, der sagt uns, dass wir mit Neuengagements jetzt jede Menge Zeit haben. Es wird ein schöner Sommer werden, jedenfalls für uns und die Leser des Antizyklischen Börsenbriefs:

Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema:
Manchmal ist der gesunde Menschenverstand erstaunlich präzise, weitblickend gar und er bringt die Dinge mit einigen wenigen, manchmal auch etwas rustikalen Worten auf den Punkt. Der folgende Satz etwa stammt von einem Automechaniker, der in dieser Woche meinen Wagen repariert hat.
„Mia zoin etz für de Griechen und de Schpania und wemma seiba koa Goid mehr ham, dann zoid für uns koana“!
Die schriftdeutsche Übersetzung lautet sinngemäß etwa, dass wir Deutschen mit leeren Händen dastehen werden, nachdem wir mit unserem Geld halb Europa von seinen Schulden befreit haben.
Wenn man sich derzeit die abendfüllenden TV-Diskussionen ansieht, die Tag für Tag über den Bildschirm flimmern, dann geht es dabei immer wieder um Fragen, die eigentlich völlig überflüssig sind. Nach hinten blickend wird etwa analysiert, was falsch gelaufen ist im Zuge der Weltfinanzkrise. Oder Maybrit Illner fragt mit besorgtem Blick in die Kamera, ob das Rettungspaket für Griechenland richtig oder falsch ist, und ob es wohl rechtzeitig ankommen wird.

Man sorgt sich, ob die Griechen es überhaupt wollen, das Rettungspaket, oder ob sie vielleicht vorher noch ihre eigene Regierung in die Wüste schicken werden. Dann wäre womöglich alles umsonst gewesen, die ganze schöne Rettung.
Solche Fragen sind unsinnig. Unsinnig deshalb, weil man längst nicht mehr darüber diskutieren kann, ob und wie man ein auf ungezügelten Konsum basierendes Finanzsystem noch retten könnte. Die Menschen sollten den Tatsachen ins Auge blicken. Und Tatsache ist: Das Finanzsystem aktueller Prägung ist nicht mehr zu retten, es wird an dem ihm eigenen Zinseszinseffekt zugrunde gehen, der zur Folge hat, dass die Schulden immer schneller wachsen.
Bewährtes Rezept...
Blicken wir einmal zurück: Vor fast drei Jahren begann es plötzlich an allen Ecken und Enden zu brennen. Den Ausbruch der US-Immobilienkrise glaubte man im Sommer 2007 durch ein einfaches und scheinbar bewährtes Rezept eindämmen zu können. Mehr Geld sollte ausbügeln, was zu viel Geld angerichtet hatte.
Man „rettete“ die Banken und eine Zeitlang sah es tatsächlich so aus, als werde die Finanzkrise wieder verschwinden. Doch die Ruhe war trügerisch. Wieder hilft uns der gesunde Menschenverstand: Es ist vollkommen logisch, dass die Staaten massive Probleme bekommen, wenn ihnen in einer Bankenkrise nichts anderes einfällt, als das System mit noch mehr Geld zu überschwemmen.
Die Folge ist nämlich, und das war schon lange vorherzusehen, dass die Staaten ihre Haushalte ruinieren, indem sie die Banken mit Steuergeldern rauspauken. Leider gibt es nun keine weitere Instanz, bei der die Staaten den Giftmüll abliefern könnten, den sie den Banken abgekauft haben. Es hilft nur noch der Weg in den Staatsbankrott.
Deshalb würde es jetzt eigentlich um die Zeit danach gehen. Um die Frage etwa, wie ein neues, ein stabiles Finanzsystem aussehen müsste, eines, das langfristig überlebensfähig ist. Welche Merkmale es aufweisen muss, damit es nicht an sich selbst zugrunde geht. Und wie man die Zeit des Übergangs sozialverträglich gestalten kann.
Schuld sind immer die anderen...
Doch all das wird nicht passieren. Alles deutet darauf hin, dass die Politiker so weiter wursteln wie bisher. Dass sie hoffen werden, erst die nachfolgende Regierung möge die ganze Härte des Schlamassels zu spüren bekommen. Diese wiederum wird die Schuld an dem Desaster dann genüsslich der vorangegangenen Regierungsmannschaft in die Schuhe schieben...
Und die Politik hat noch ein anderes Kalkül: Damit keine Panik aufkommt, werden die Menschen unter tätiger Mithilfe der Massenmedien angelogen. Tagtäglich liefern Zeitungen und Fernsehen besten Anschauungsunterricht in Sachen Volksverdummung. Das Ende wird deshalb für uns alle umso schmerzlicher ausfallen...
Dass dieses alte Denken, das uns die ganze Misere erst eingebrockt hat, noch lange nicht ausgemerzt ist, das kann man Tag für Tag und an jeder Ecke eindrucksvoll beobachten. Bankberater etwa geben einem heute den „guten Rat“, man solle sich doch hoch verschulden, etwa in Höhe der eigenen Lebensversicherung. Dann sei bei einem Währungsschnitt die Lebensversicherung zwar wertlos – die Schulden seien aber auch entwertet. Lachen Sie nicht, uns liegt die Mail eines Lesers vor, der von seinem Bankberater exakt diesen Rat erhalten hat.
Dabei steht es überall mit großen Lettern angeschrieben, dass der Weg des ungehemmten Konsums und der maßlosen Verschuldung in die Sackgasse führt. Doch da die Menschen das offenbar immer noch nicht verstehen wollen, werden noch sehr viel härtere Zeiten auf uns zukommen, bis sich diese Erkenntnis durchzusetzen beginnt.
Wenn erst unsere Regierung die Renten um 20 oder 30 Prozent kürzen, die Gehälter der Staatsdiener halbieren und die Mehrwertsteuer auf 25 Prozent anheben muss, erst dann werden viele Mitbürger aufwachen.
Wir geben unseren Lesern deshalb auch nicht den schwachsinnigen Rat einiger Banker, man möge sich jetzt hoch verschulden. Denn natürlich werden sich die Staaten ihrer Schulden entledigen, ganz elegant, und so wie sie das seit Jahrtausenden immer gemacht haben. Nämlich auf Kosten der Allgemeinheit.
Das heißt die Staaten werden irgendwann neu beginnen – ohne Schulden. Wir aber nicht. Wir werden unsere Schulden dann eben in einer neuen Währung bedienen. Deshalb muss man schon heute mit dem neuen Denken anfangen. Eine Konsequenz lautet, die eigenen Schulden so weit wie nur irgend möglich abzubauen.
„Hurra, wir retten den Euro“
Den Gipfel der Inkompetenz hat am Mittwochabend aber ganz ohne Zweifel Dr. Silvana Koch-Mehrin erklommen. Unter dem Titel „Hurra, wir retten den Euro“ war es in der Sendung „hart aber fair“ in der ARD um die Frage gegangen, wer uns eigentlich am Ende retten soll. Ein nicht ganz unwichtiges Thema, und man hätte vermuten können, dass sich da der geballte Sachverstand der Republik versammeln würde. Leider war dem nicht so.

Als Mitglied des Bundesvorstandes der FDP sollte Silvana Koch-Mehrin zumindest wissen, dass die Steuereinnahmen in Deutschland nicht steigen, sondern sinken. Ex-Finanzminister Hans Eichel hatte den peinlichen Ausrutscher natürlich bemerkt und versuchte galant, die Fehleinschätzung zu korrigieren. Doch die Dame blieb stur und beharrte trotzig auf ihrer falschen Meinung.
http://www.welt.de/politik/deutschland/article7500393/Steuerschaetzer-erwarten-39-Milliarden-Euro-Luecke.html
Mindestens so entlarvend ist es aber, wenn die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments in einer TV-Diskussionsrunde zum Thema Finanzen auftritt und ganz offensichtlich keine blasse Ahnung davon hat, was derzeit in unserem Finanzsystem geschieht.
Dazu folgende Episode:
Am Ende der Sendung hatte der Moderator die Podiumsgäste gebeten, eine Schätzung abzugeben, um welchen Betrag die deutschen Staatsschulden in der 75 Minuten dauernden Sendung gestiegen sein könnten.
Wüssten Sie es? Dann raten Sie mal. Dass alte Hasen, wie Ex-Finanzminister Hans Eichel oder Altmeister Kurt Biedenkopf mit ihren Schätzungen einigermaßen richtig liegen würden, war keine Überraschung.
Auch Freunde von mir, denen ich die Frage vorgelegt habe, wussten mindestens ungefähr Bescheid. Ärzte übrigens, Grundschullehrer und Handwerker - also eben gerade keine Finanzfachleute.
Und Frau Koch-Mehrin? Sagen wir mal so: Es ist überraschend, dass jemand, der in einer Fernsehsendung auftritt, in der es um brennende Fragen wie Staatsbankrott und Milliardenhilfen geht, so vollkommen ahnungslos ist, wie die Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments.
6.000 (sechstausend !) Euro lautete die Schätzung der blonden Dame. In Wahrheit sind es 20 Millionen, also etwa dreitausend mal so viel.
Nun ist Koch-Mehrin ja nicht irgendwer, sondern in Europa an höchster Stelle in Amt und Würden tätig. Das heißt, wir werden dort ganz offensichtlich von Leuten regiert, die keine blasse Ahnung davon haben, was eigentlich los ist. Und solche Leute wollen jetzt den Euro retten. Das zu beobachten wird sicherlich noch sehr unterhaltsam werden. Der Spaß geht schon los, wie man sieht:

Es bleibt nur zu hoffen, dass die ARD bei nächster Gelegenheit ein glücklicheres Händchen bei der Auswahl ihrer Studiogäste hat.
Wie wir die Lage jetzt einschätzen und was wir unseren Lesern raten, das lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die vor wenigen Tagen erschienen ist.
Anmeldemöglichkeit (1) : Das Drei-Monats-Abo des Antizyklischen Börsenbriefs
Anmeldemöglichkeit (2) : Das Jahres-Abo des Antizyklischen Börsenbriefs
Zum Autor:
Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG, und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de und www.antizyklischer-aktienclub.de



