EUR/USD ist im Juni auf ein neues Jahrestief gefallen. Letzten Freitag hat sich eine untergeordnet bullische Tages-Reversalkerze mit einer langen Lunte gebildet, die kurzfristig eine technische Erholung und die Bildung eines untergeordneten Verlaufstiefs zulässt. Übergeordnet ist der Chart noch stark bärisch, so dass unter dem Freitagstief mit einem Rückgang bis 1,1875 und 1,1645 gerechnet werden müsste. Spätestens dann dürfte die US-Notenbank nervös werden. Bisher hat es so gut wie niemand auf dem Radar, aber man sollte die Möglichkeit einer konzertierten Notenbank-Intervention auf der Rechnung haben. Erst mal zum Chart, der wie folgt aussieht:

Intakter Abwärtstrend
Der Euro befindet sich gegenüber dem US-Dollar seit Mai 2011 in einem Abwärtstrend, der den Kurs von 1,4939 (Mai 2011) bis Freitag auf 1,2287 geführt hat. Im Bereich des Jahrestiefs 2008 prallte der Kurs am Freitag nach oben ab. Oberhalb von 1,2287 ist eine technische Erholung bis maximal 1,3500 möglich, darunter sind Rücksetzer bis 1,1875 (Jahrestief 2010) und 1,1645 (Jahrestief 2005) zu erwarten. Darunter wäre theoretisch sogar noch eine beschleunige Abwärtsbewegung bis zur Parität möglich. Mitte Juni findet die Wahl in Griechenland statt (siehe roter Pfeil). Börsen mögen keine Unsicherheit. Danach könnte es zu einer Erholung kommen, wenn alle Karten auf dem Tisch liegen. Ob die lange anhalten würde, ist jedoch unsicher, da Spanien das wesentlich größere Problem darstellt.
Starker US-Dollar schlecht für US-Wirtschaft
Der US-Notenbank Fed kann die Kursentwicklung von EUR/USD nicht gefallen. Es ist Wahljahr und der starke US-Dollar geht einher mit einer deflationären Tendenz aller Assetklassen. Für den US-Arbeitsmarkt ist die jüngste US-Dollar-Stärke nachteilig. Die Fed will eigentlich einen schwachen US-Dollar. Durch die aktuelle Lage ergeben sich für die deutsche Exportwirtschaft Vorteile und für die US-Wirtschaft Nachteile. Dadurch sinkt für den amtierenden Präsidenten Barack Obama die Chance wiedergewählt zu werden. Insbesondere in Wahljahren beeinflussen die US-Präsidenten hinter verschlossenen Türen die Notenbank-Politik in erheblichem Ausmaß.
Konzertierte Notenbank-Intervention?
Die Fed hat alle Register gezogen, um die Wirtschaft künstlich aufzupäppeln. Es wird eine Nullzinspolitik gefahren, es wurden gewaltige Mengen an Anleihen aufgekauft (Quantitave Easing) und über die „Operation Twister“ werden die Zinsen am langen Ende künstlich nach unten gedrückt. Der einzige Markt, den die Fed noch nicht „manipuliert“ hat, ist der Devisenmarkt. Gerade jetzt würde ein schwächerer US-Dollar der US-Wirtschaft wieder auf die Beine helfen.
EUR/USD ist noch kein Panik-Indikator
Noch wurden wichtige Chartmarken bei EUR/USD wie die 1,1875 und 1,1645 nicht unterschritten. Trotz der deutlichen Abgaben, zeigt der Kursrückgang noch keine typischen Panikmuster, die sich durch eine massiv beschleunigte Abwärtsdynamik und „Wasserfall-artige“ Verluste kennzeichnen. Der Chart von EUR/CHF zeigt, was passieren kann, wenn wichtige Marken gerissen werden und der Markt in Panik verfällt. Nach Unterschreiten der 1,2000 ist der Kurs in wenigen Wochen in der Spitze um fast 20 Prozent gefallen. Wie an der Eiger Nordwand ging es senkrecht nach unten. Den volkswirtschaftlichen Schäden musste durch eine Intervention Einhalt geboten werden. Derzeit wird die 1,2000 verteidigt. Die Schweizer Notenbank zog damals sogar negative Zinsen in Erwägung, um dem Kapitalzufluss Einhalt zu gebieten.

1,1645 bei EUR/USD entspricht 1,2000 bei EUR/CHF
Ein kleines Land wie die Schweiz ist natürlich nicht mit der Weltwirtschaft Nr. 1 vergleichbar. Aber Analogien im Kursverlauf sind unübersehbar. Die 1,2000 bei EUR/CHF könnte der 1,1645 bei EUR/USD entsprechen. Die Fed kann kein Interesse daran haben, dass diese Marke dauerhaft fällt und es zur Kurseskalation kommt, bei welcher der EUR/USD-Kurs als „Panik-Indikator“ vom Markt wahrgenommen werden würde, was auch die Probleme im Euroraum verschärfen würde. Bisher waren die Verluste noch relativ moderat. Noch hält sich die Stärke des US-Dollar-Index in Grenzen. Es ist kaum zu erwarten, dass die Fed alleine eingreifen würde, vielmehr wäre eine konzertierte Aktion zu erwarten an der auch die EZB beteiligt sein wird. Am wahrscheinlichsten ist ein Eingreifen an oder unter signifikanten Unterstützungsmarken, wo auch Glattstellungen und Gewinnmitnahmen der EUR/USD-Shortspekulanten zu erwarten sind.
Zeitachse ist wichtig
Zyklisch gesehen stieg EUR/USD in der zweiten Jahreshälfte in der Vergangenheit meistens an, während das erste Halbjahr oft schwächer war. Das zyklische Jahrestief findet sich statistisch im Mittel am 15. Juni, also in zeitlicher Nähe zur Griechenland-Wahl. Ab diesem Zeitpunkt ist zyklisch gesehen eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit für bis zum Jahresende wieder steigende Kurse gegeben. Ein etwas höheres Verlaufstief wird oft im September gebildet, dass in zeitlicher Nähe zur September-Schwäche am Aktienmarkt liegt. Dies ist z.B. beim Dow Jones oder DAX30 der mit Abstand schwächste Jahresmonat. Das Jahreshoch bei EUR/USD ist dann meistens Ende Dezember zu finden. Der US-Dollar-Index selber tendiert von Mitte September bis Ende Dezember meist schwächer. Zyklische Einflüsse sind jedoch immer schwächer als schwerwiegende Fundamentalfaktoren und politische Dauerkrisen.
Weitere Verluste möglich
Sollte die laufende Erholung nicht weitergehen, wären mittelfristig weitere Verluste bis in den Unterstützungsbereich von 1,1875/1,1645 zu erwarten. Darunter wäre ein panikartiger Abverkauf wie bei EUR/CHF beim Fall unter die 1,2000 zu erwarten. Dass die globalen Notenbanken dies zulassen, ist unwahrscheinlich. Aufgrund der Korrelation der Devisenpaare untereinander würde dann auch der Yen zu stark werden, was für Japan schwerwiegende wirtschaftliche Probleme hervorrufen würde. Zyklisch ist ebenso die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass EUR/USD im Bereich der genannten Marken wieder etwas stärker wird. Vielleicht ist dann sogar gar kein Eingreifen der Währungshüter notwendig. Die „Schuldenwelt“ braucht ein inflationäres Umfeld und kein Deflationsszenario. Bis September ist die Gefahr weiterer Jahrestiefs aus heutiger Sicht aber erhöht.
Jens Lüders
Technischer Analyst und Redakteur bei Godmode-Trader.de
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Offenlegung gemäß §34b WpHG wegen möglicher Interessenkonflikte: Der Autor ist in den besprochenen Wertpapieren bzw. Basiswerten derzeit nicht investiert.



