Von Herbert Rude
FRANKFURT--Gute Konjunkturdaten haben die Bären an den Aktienmärkten auf dem falschen Fuß erwischt. Die italienische Industrieproduktion ist im Mai um 0,8 Prozent gestiegen, erwartet worden war ein Rückgang um ein halbes Prozent. Die britische Industrie hat im Mai sogar ein Prozent mehr hergestellt als im April, auch hier war ein Minus erwartet worden. "Das hat die Stimmung gedreht", sagt ein Händler. Der DAX gewinnt 1,3 Prozent auf 6.470 Punkte, der Euro-Stoxx-50 legt ähnlich stark zu.
"Mit der heutigen Entwicklung scheint sich das Blatt zu Gunsten der Bullen zu ändern", meint Stephen Schneider, Marktanalyst der WGZ-Bank. Sollte es bei der Tendenz bleiben, dürfte die Dynamik den DAX über den Widerstand bei gut 6.615 Punkte hieven. "Als nächstes Ziel käme dann ein Niveau von etwa 6.900 Punkten in Betracht", meint Schneider.
Julius Bär warnt zwar, der kurzfristige Ausblick für Aktien bleibe schwierig. Es gebe aber erste Anzeichen einer Erholung "Nichts überstürzen, aber bereitstehen", rät Julius-Bär-Analyst Christoph Rinniker.
Am Markt werden laut Händlern nun hektisch Positionen zurückgekauft, die im Vorfeld der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverfassungsgericht verkauft worden waren. Die Karlsruher Verfassungshüter entscheiden über Klagen gegen den europäischen Rettungsschirm ESM und den Fiskalpakt.
Viele Marktteilnehmer bleiben deshalb auch trotz der guten Konjunkturdaten skeptisch: "Im vergangenen Jahr, als das Bundesverfassungsgericht den Rettungsplan für Griechenland für verfassungsgemäß erklärt hat, gab es eine kurze Rally", erinnert sich Chris Beauchamp von IG Index. Um den Euro zu retten, brauche es aber mehr als gut begründete Urteile deutscher Gerichte. Selbst wenn das oberste Gericht die Verfassungsmäßigkeit des ESM feststellen sollte, habe dieser noch lange nicht die Feuerkraft, Spanien und Italien auch wirklich zu retten.
Dass die Richter am Vormittag mündlich über die Eilanträge verhandeln, zeigt, welch hohe Priorität sie dem Verfahren beimessen. In der Regel wird über solche Eilverfahren schriftlich entschieden. Das Urteil des Zweiten Senats wird schon Ende Juli erwartet. Wichtig ist, ob das Gericht bis zu seiner endgültigen Entscheidung die beiden Verträge blockiert. Damit wäre Bundespräsident Joachim Gauck untersagt, mit seiner Unterschrift die Gesetze auszufertigen. Sie könnten somit nicht in Kraft treten.
Das Finanzministertreffen in Brüssel hat keine Weg weisenden Ergebnisse gebracht. Spanien wurde ein Jahr mehr Zeit zur Rückführung seines übermäßigen Defizits eingeräumt. Das Land hat nun Zeit bis 2014, um sein Defizit unter die vom Maastricht-Vertrag geforderten drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken.
Mit der besseren Stimmung an den Aktienmärkten zieht auch der Euro wieder an. Mit 1,2316 US-Dollar liegt er wieder über der Marke von 1,23 Dollar. Die Renditen spanischer und italienischer Staatsanleihen kommen deutlich zurück, die Renditen deutscher Langläufer drehen dagegen leicht nach oben.
Technologiewerte mit Intel-Coup an der Spitze
An der Spitze der Gewinner liegen Technologie-Aktien, deren Branchenindex im Stoxx 2,3 Prozent gewinnt. Intel steigt mit 4 Milliarden Dollar bei ASML ein. ASML-Aktien schießen um etwa 9 Prozent in die Höhe. Die Titel von Infineon steigen um 4,5 Prozent und die von Alcatel um 3,2 Prozent. Der Coup Intels hat die schwache Prognose von Advanced Micro Devices (AMD) in den Hintergrund gedrängt, obwohl sie als weiteres Warnsignal für Halbleiterwerte bewertet werden. Der Chip-Hersteller rechnet nun für das zweite Quartal mit einem Umsatzrückgang von 11 Prozent, nachdem er zuvor eine Spanne von minus 3 bis plus 3 Prozent für den Umsatz prognostiziert hatte.
Linde-Aktie durch Kapitalerhöhung belastet
Auch Auto-Werte ziehen kräftig an. VW-Vorzüge steigen um 2,3 Prozent, nachdem der PKW-Bereich von Volkswagen das Absatzwachstum im Juni noch einmal beschleunigt hat. Thyssen-Aktien bauen ihre Erholung mit einem Plus von gut 4 Prozent aus, das Anleger-Magazin Barron's hat in der neuen Ausgabe Perspektiven für eine Kursverdoppelung aufgezeigt. Sogar der Druck auf Linde-Aktien wegen der Kapitalerhöhung wird geringer, derzeit verlieren sie nur noch 0,8 Prozent. "Der Großteil des Kaufs von Lincare wird über bereits syndizierte Kreditlinien gedeckt. Daher dürfte die Verwässerung des Gewinns überschaubar sein", meint ein Marktteilnehmer. Linde erhöht das Kapital um rund 1,4 Milliarden Euro oder 7,6 Prozent.
Evotec kooperiert, der Markt jubiliert
Die Zusammenarbeit von Evotec und Janssen Pharmaceuticals wird an der Börse gefeiert. "Evotec hat wie versprochen eine Kooperation mit einem der großen Player geliefert", sagt Elmar Kraus, Analyst der DZ-Bank. Damit sollte Evotec stärker von dem schnell wachsenden Geschäft der Diabetes-Indikation profitieren. Mit der Vorabzahlung habe sich die Zusammenarbeit mit der Howard Hughes Medical Institute bereits ausgezahlt. Für den Analysten ist die Aktie ein Kauf mit einem Kursziel von 4 Euro. Evotec ziehen um 15,6 Prozent auf 2,43 Euro an.
=== INDEX Stand +-% Euro-Stoxx-50 2.259,42 +1,41% Stoxx-50 2.433,37 +0,81% DAX 6.482,25 +1,48% FTSE 5.677,55 +0,89% CAC 3.198,10 +1,31% EUREX Stand +-Ticks Bund-Future 143,73 -24 DEVISEN zuletzt '+/- % Di, 8.45 Uhr Mo, 18.00 Uhr EUR/USD 1,2311 0,14% 1,2293 1,2303 EUR/JPY 97,8377 0,27% 97,5717 97,9884 EUR/CHF 1,2010 0,00% 1,2010 1,2009 USD/JPY 79,4750 0,13% 79,3750 79,6550 GBP/USD 1,5528 0,12% 1,5509 1,5509 === Kontakt zum Autor: herbert.rude@dowjones.com DJG/hru/raz
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