• „Nous n'aurons pas de seconde chance"

    Samstag 10.12.2011, 00:25 Uhr
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    Was diese komische Überschrift soll? Das waren die markigen Worte von Frankreichs Staatschef Sarkozy im Vorfeld des Brüsseler Krisengipfels. Es ist eine ziemlich eindeutige Aussage. Doch darauf kommen wir gleich.

    Zumindest ein Gutes hat das Durcheinander ja, das wir an den Finanzmärkten gerade erleben: Es wird zumindest nicht langweilig. Und Börsenkommentatoren finden mit spielerischer Leichtigkeit Themen, über die sie sich auslassen können. Das geht inzwischen so weit, dass sich der Verfasser eines Wochenkommentars am Freitagabend tunlichst alle paar Minuten vergewissern sollte, ob sich nicht zwischenzeitlich Dinge ereignet haben, die das bisher Gesagte obsolet erscheinen lassen. Manchem Kollegen mag das allmählich zuviel werden. Man kann das verstehen: In dieser Woche wurde der 15. Gipfel zur Rettung des Euro veranstaltet...

    Was der mit allen seinen Vorgängern gemeinsam hat? Der im Vorfeld angekündigte große Wurf zur Rettung der Gemeinschaftswährung ist ausgeblieben. Was statt dessen jetzt passieren soll:

    Die 17 Eurostaaten werden strengere Haushaltsregeln und nationale Schuldenbremsen einführen. Und der Europäische Gerichtshof wird darüber wachen, dass mit diesen Schuldenbremsen kein Schlendrian getrieben wird. In einen Nebensatz wurde dann noch die Vereinbarung verpackt, dass private Gläubiger bei der Rettung insolventer Staaten in Zukunft außen vor bleiben werden. Mit anderen Worten: Ab sofort wird nur noch der Steuerzahler haften. Eine bessere Steilvorlage für weitere Turbulenzen in Europa hätten die Politiker kaum liefern können...

    Und sonst? Keine Eurobonds? Keine Käufe problematischer Staatsanleihen durch die Europäische Zentralbank? Kein dreifach, oder besser fünffach gehebelter Rettungsschirm für den Euro? Keine Banklizenz für den EFSF? Statt dessen ein britischer Regierungschef, der den Euro-Ländern in die Suppe spuckt und mit seinem Beharren auf einen stärkeren Schutz des britischen Finanzsektors die ganz große Lösung verhindert?

    Nicht, dass wir für Eurobonds plädieren würden, oder gar für massive Eingriffe der EZB in die Staatshaushalte der Problemländer - aber war es nicht genau das, was sich die Märkte erhofft hatten?

    Die US-amerikanischen Rating-Agenturen werden sich die Hände reiben. Denn nach dem Trauerspiel von Euro-Gipfel Nummer 15 wird das taktische Spielchen mit den Herabstufungen erst so richtig losgehen. Wenn der Einfluss der Rating-Agenturen nicht ganz kurzfristig gekappt wird, dann werden die Renditen, die angeschlagene Euroländer den Investoren bieten müssen, schon in Kürze sehr viel stärker klettern, als sie das ohnehin schon tun.

    Auch die Senkung der Leitzinsen durch die EZB in dieser Woche könnte schneller verpuffen als manchem lieb ist. Bei Licht besehen ist der Schritt ein weiteres Warnsignal: Die Zinsen in Europa befinden sich wieder auf Rekordtief, man könnte auch sagen auf „Krisentief“, ähnlich wie zwischen Frühjahr 2009 und April 2011. Die offensichtlich anvisierte Zinserhöhungsphase ist Geschichte, noch ehe sie richtig begonnen hat.

    Zinsen auf Krisenniveau? Das könnte bedeuten, dass die gefürchtete Inflation doch noch etwas länger auf sich warten lässt, als viele das jetzt vermuten. Sollte der Euro auseinanderfallen, und diese Option muss man nach dem Euro-Gipfel dieser Woche weiterhin im Hinterkopf behalten, dann wird zunächst einmal nicht Inflation unser größtes Problem sein:

    Wenn die Banken keine Kredite mehr ausreichen, weil sie entweder selbst vom Konkurs bedroht sind, oder aber deren Kunden, dann findet das viele Geld gar nicht den Weg dorthin, wo es inflationär wirken könnte. Eines hat die Krise seit Sommer 2007 nämlich unmissverständlich klar gemacht: Zeiten einer Kreditklemme sind keine inflationären Zeiten. Ganz im Gegenteil...

    Man kann es drehen und wenden wie man will: Das alles sind keine positiven Signale.

    Im Vorfeld des jüngsten Brüsseler Gipfels, es war der fünfzehnte seiner Art, aber das sagten wir ja schon, hatte Frankreichs Staatschef Sarkozy getönt, eine zweite Chance zur Rettung des Euro werde es nicht geben. Womit wir auch das Rätsel in der Überschrift gelöst hätten.

    Und jetzt? Wie lange wird es dauern, bis Gipfel Nummer 16 anberaumt wird? Eine Woche? Zwei Wochen? Oder doch so lange, bis Italien ernsthaft wankt? Das wäre dann voraussichtlich im Frühjahr 2012, wenn sich Rom 150 Milliarden Euro leihen muss, die dem Land zu den aktuellen Konditionen aber niemand mehr leihen wird.

    Man muss sich ja wundern, dass immer noch 63 Prozent der Deutschen dem Euro vertrauen. Das zeigte eine Zuschauerbefragung des Nachrichtensenders n-tv vom vergangenen Freitag.

    63 Prozent sehen also vielleicht durchaus, dass die Politik wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen agiert – sind gleichzeitig aber zuversichtlich, dass dieser Hühnerhaufen schon bald für Ordnung und Disziplin in Europa sorgen wird. Vielleicht sind die 63 Prozent aber auch nur geblendet von der neuen Rolle der Kanzlerin:

    Angela Merkel zaudert nicht mehr, oder wenigsten weniger offensichtlich als zu Beginn der Krise. Staat dessen nimmt sie das Heft in die Hand. Toll! Endlich einmal jemand, der die Interessen Deutschlands in Europa durchsetzt! So ein zur Schau gestellter Führungsanspruch, der kann einem schon ein wenig den Verstand vernebeln. Man kennt das ja.

    Wir fassen also zusammen: Wer den markigen Worten von Frankreichs Staatschef Sarkozy geglaubt hatte, eine zweite Chance zur Rettung des Euro werde es nicht geben, der kann nur hoffen, dass das niemand ernst genommen hat. Denn natürlich wird das ganze Theater mit der „Euro-Rettung“ weitergehen. Und es dürfte noch sehr viel weiter gehen, als das die 63 Prozent Euro-Optimisten derzeit für möglich halten...

    Mehr dazu in der Dezember-Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die vor wenigen Tagen erschienen ist.

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    Zum Autor:

    Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG, und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de und www.antizyklischer-aktienclub.de

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