München (BoerseGo.de) - Die Erholung der globalen Konjunktur wird in 2010 auf beträchtliche Hürden stoßen. Davon geht der bekannte Harvard-Professor und frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds Kenneth Rogoff im Rahmen eines Interviews gegenüber der “Süddeutschen Zeitung” aus. Für die USA sei mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit von derzeit 10,2 Prozent auf 11 Prozent und einem nochmaligen Sinken der Hauspreise im Ausmaß von fünf bis zehn Prozent zu rechnen. Bis in den USA die Arbeitslosenrate auf 6 Prozent sinkt dauere es vermutlich noch fünf Jahre. Hiefür sei die Schaffung von 9,5 Millionen Jobs erforderlich. Im Vergleich zum Stand vor der Krise gebe es sogar elf Millionen weniger Arbeitsplätze. Hinsichtlich des Aktienmarktes halte sich wegen der niedrigen Zinsen sein Pessimismus in Grenzen. Die Notenbanken dürften erst frühestens mitte 2010 über Zinserhöhungen nachdenken.
Die von weltweiten Regierungen und Notenbanken gesetzten beispiellosen konjunkturstimulierenden Maßnahmen hätten zwar einen Stopp der Panik im Finanzsystem bewirkt, gleichzeitig sei dadurch aber jede Disziplin im Finanzsektor gewichen. So könne etwa eine Bank wie Goldman Sachs nun extrem günstig Geld ausleihen, um damit zu spekulieren. Dahinter stehe die Regierung. Das Risiko für die Schaffung eines solchen Monsters trage letztendlich der Steuerzahler. Er fordert über eine deutliche Verschärfung des Regelwerks eine Bändigung dieses Monsters. So vor allem durch strenge Eigenkapitalregeln. Zudem könne der Staat den Banken Darlehen geben, um dieses bei Bedarf in Aktienkapital umzuwandeln. Zudem sieht er in der Besteuerung von Banken ab einer gewissen Größe eine geeignete Maßnahme. Die Situation vor einem Jahr sei extrem schwierig gewesen. Die Maßnahmen hätten jedoch in eine Ecke geleitet, aus derer es nur mehr ein schweres Entrinnen gibt. Falls schärfere Regeln unterbleiben werde die nächste Finanzkrise in zehn bis fünfzehn Jahren einsetzen. Diese berge dann ein noch schlimmeres Potenzial als die vorangegangene. Es wäre selbst um den Preis einer noch viel tieferen Rezession viel besser gewesen, wenn so viele Anleiheinhaber wie möglich einen Teil ihres Geldes verloren hätten. Der Aufschwung hätte danach ein größeres Tempo eingeschlagen.
Wegen der riesigen Staatsdefizite sieht Rogoff in fünf bis zehn Jahren die Gefahr einer Inflationierung. Dies betreffe insbesondere die USA. Die Regierung beanspruche derzeit 15 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts über Besteuerung für sich. Traditionell habe diese Rate bei 20 Prozent gelegen. Zur Erreichung eines nachhaltigen Wegs müsse die Steuerlast in den nächsten fünf Jahren um 30 bis 50 Prozent steigen. Dies sei jedoch nicht vorstellbar. Die Republikaner würden gar keine Steuern wollen, während die Demokraten nur die Reichsten zu besteuern beabsichtigen. Hiefür habe Amerika aber nicht genügend Reiche. Im übrigen könne eine höhere Inflationsrate auch über Besteuerung resultieren. Obama sei aufgefordert für den Defizitabbau eine klare und überzeugende Strategie aufzustellen und sich nicht auf eine Strategie zu verlassen, die auf übermäßig positive Konjunkturaussichten basiert. Daher wäre von seiten Obamas ein Eingeständnis angebracht, dass die Steuern für sämtliche Bürger und nicht nur für die Reichen steigen müssen.
Sorgen bereitet Rogoff weiters die Lage in Europa. Europa sei zwar wegen der geringeren Größe des Finanzsektors von der Finanzkrise nicht so stark betroffen wie die USA, hier gebe es aber ungelöste langfristige Probleme wie etwa die Fragen zu erforderlichen Erhöhungen des Rentenalters und mehr Ausgewogenheit bei den Sozialsystemen. Für entsprechende Lösungen bleibe nun weniger Zeit. Anderseits seien Staatsschulden bedrohlich gestiegen und die anhaltende Krise schaffe Gründe, um die Konjunktur zu stützen.
Hinsichtlich der Frage über die Möglichkeit eines Staatsbankrotts der USA sieht Rogoff eine entsprechende Gefahr, falls die Verschuldung kurzfristig zu stark steigt. Seine Voraussage beziehe sich jedoch nur auf Inflation. Eine Finanzkrise könne zu einer Haushaltskrise übergreifen. Um die Vorteile niedriger Zinsen zu generieren, verschulde sich der Staat sehr kurzfristig. Im Falle eines Vertrauensverlusts sei der Staat auch extrem verletzlich. Die USA müssten in den kommenden beiden Jahren 40 Prozent der Staatsschuld refinanzieren. Darin seien jedoch die Schulden der Fed nicht einmal enthalten.
In Europa gebe es eine Reihe von einem Staatsbankrott gefährdeter Länder. Es bestehe keine unmittelbare Gefahr, aber auf mittlere Sicht bestehe es ein 50 Prozent übersteigendes Risiko für zwei mittel-oder osteuropäische Länder. Staatspleiten könne es auch in Irland, Griechenland und Österreich geben. Österreich sei dann bedroht, wenn ein osteuropäisches Land die Zahlungsunfähigkeit erklärt, führte Rogoff weiter aus. Kenneth Rogoff gilt als einer der weltweit renommiertesten Ökonomen. Er forscht seit Jahren zu Finanzkrisen.



