DJ MARKT-AUSBLICK/Über allen Kursen hängt Spanien
FRANKFURT (Dow Jones) - Erst Chelsea, dann die Bayern und schließlich S&P: Nach dieser Woche sind sie wirklich nicht zu beneiden, die Spanier. Wie sehr die Rezession das Land erfasst hat, zeigt ein Aufenthalt in Madrid-Barajas, dem größten Flughafen des Landes. Geisterhaft leere Hallen, gestrichene Flüge, geschlossene Restaurants. Nach langem Suchen wenigstens eine Alternative zu den gleichförmigen Bocadillo-Ständen: Irgendwo dann tatsächlich Paella, in letzter Minute, denn angeboten nur bis 16 Uhr. Besonders öde wirkt Barajas auf einen Flugreisenden, der gerade vom pulsierenden Flughafen El Dorado bei Bogota kommt, Drehkreuz eines Schwellenlandes, dessen Wirtschaft derzeit mit Jahresraten von etwa fünf Prozent wächst.
Wie es um die wirtschaftliche Situation Spaniens bestellt ist, wird sich am Montag zeigen. Dann veröffentlicht die Bank von Spanien erste Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung im ersten Quartal. Die Commerzbank rechnet damit, dass ein Minus von 0,4 Prozent den Fall in die Rezession nun auch offiziell bestätigt. "Das Defizit-Ziel ist damit vermutlich in weite Ferne gerückt", sagt Commerzbank-Volkswirtin Ulrike Rondorf. Denn gemessen an der wirtschaftlichen Gesamtleistung liegt das Defizit bereits im ersten Quartal bei etwa 1,8 Prozent und damit deutlich über dem gleichen Vorjahreszeitraum. Wie Spanien da das Defizit im Gesamtjahr um drei Prozentpunkte auf 5,3 Prozent drücken will, bleibt rätselhaft.
Nach den Daten könnte deshalb die Diskussion um den Sparkurs des Landes neu aufflammen. Noch härtere Sparmaßnahmen sind Spanien kaum zuzumuten, die Arbeitslosigkeit liegt bereits über 20 Prozent. Zwar hat die Regierung die Weichen für längerfristig bessere Zeiten mit den Arbeitsmarktreformen gestellt. Kurzfristig ändert das aber nichts daran, dass sich die Euro-Zone von der Sparpolitik abkehrt. Als Folge dürfte die Europäische Zentralbank noch stärker in die Staatsfinanzierung hineingezogen werden.
Die Notenbank tagt am kommenden Donnerstag, und zwar in Barcelona. Die EZB-Räte haben also die Gelegenheit, die spanische Misere hautnah zu erleben. Ob sie sich davon beeinflussen lassen, wird ihr Statement am Nachmittag zeigen. Der Druck zu einem stärkeren Engagement kommt ja nicht nur aus Spanien, sondern auch vom Team des französischen Herausforderers Francois Hollande. Ob er Präsident wird, entscheidet sich am ersten Mai-Sonntag. Dann wird auch das griechische Parlament neu gewählt, ein Erfolg der extremen Parteien könnte das Umdenken zusätzlich fördern.
Eine Abkehr von einem stärkeren Sparkurs kann positiv für die Märkte sein: Am wenigsten sparen derzeit die USA, unterstützt von einer extrem lockeren Geldpolitik. Der Zusammenbruch des Dollar ist, obwohl vielfach geunkt, bisher ausgeblieben, die Wirtschaft läuft deutlich besser als in der Euro-Zone, und neben den Aktien sind auch die Anleihen der USA weiter gesucht. So sind es auch US-Investoren, die dem Vernehmen nach besonders wenig Verständnis für den Sparkurs in der Euro-Zone zeigen. Bei einer Abkehr könnten sie sich wegen abnehmender Rezessionsgefahren sogar stärker in der Euro-Zone engagieren: Profitieren würden dann der Euro, die Anleihen der Peripherie-Länder und die Aktienmärkte. An den Aktienmärkten dürfte die Konsolidierung der vergangenen Wochen dann in neue Jahres-Hochs münden.
Langfristig wäre die Abkehr von der Sparpolitik allerdings ein Experiment mit Risiken. Zwar würde die Konjunktur kurzfristig stimuliert. Mit anziehenden Vermögenspreisen würden die Unterschiede zwischen arm und reich und damit die sozialen Spannungen aber zunehmen. Auch die Rohstoff-Preise dürften steigen. Und höhere Lebensmittelpreise könnten erneut zu Unruhen in Schwellenländern führen, so wie bei der so genannten Arabellion.
Wie es um die USA bestellt ist, wird am kommenden Freitag der Arbeitsmarktbericht zeigen. Erwartet wird, dass die Dynamik deutlich zugenommen hat. Die US-Wirtschaft hat nach Schätzungen der Volkswirte im April etwa 175.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft geschaffen nach 120.000 im März. In den USA und der Euro-Zone stehen in der gesamten kommenden Woche auch Einkaufsmanager-Indizes im Blick. Außerdem erreicht die Berichtssaison am kommenden Donnerstag einen weiteren Höhepunkt, dann legt allein ein Viertel der Unternehmen aus dem DAX Quartalsergebnisse vor.
-Von Herbert Rude, Dow Jones Newswires, +49(0)69-29725217, herbert.rude@dowjones.com DJG/hru/cln
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