Liebe Leser,

in zwei Tagen entscheidet Schottland über seine Unabhängigkeit.

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Es werden auf der einen Seite absolute Horrorszenarien erfunden, was denn alles passieren wird, sollten die Schotten wirklich Großbritannien verlassen. Dabei geht mit dem einen oder anderen sichtbar die Fantasie durch bzw. es soll auch manchmal ganz einfach Panik geschürt werden.

Auf der anderen Seite wiederum redet man sich die Vorteile der Sezession schön und missachtet klar ersichtliche Nachteile.

Natürlich hat die Union auch große Vorteile. Insbesondere nach den Konzessionen, zu denen London inzwischen bereit ist, ist der Abstand zur tatsächlichen Voll-Autonomie nicht mehr groß. Diese Überlegung wird meines Erachtens auch den Ausschlag geben zugunsten der Nein-Sager im Referendum. Ich rechne damit, dass Schottland Teil Großbritanniens bleibt.

Allerdings: Egal wie es kommt - Am Ende werden/würden beide Lösungen funktionieren. Selbstverständlich kann Schottland auch alleine gut überleben, wie es zahllose erfolgreiche Kleinstaaten vormachen. Nichts ist alternativlos. Wäre der Euro vor 4 Jahren auseinandergebrochen, als die Eurokrise richtig losging, dann wären die negativen Effekte vermutlich auch schon längst wieder verdaut. Es geht immer irgendwie weiter, und häufig ist das Undenkbare irgendwie sogar das bessere.

Die Befürchtungen, ein schottisches “yes” könnte auch in anderen Gegenden Europas zur Kleinstaaterei führen, sind sicherlich nicht unbegründet. Und es gibt einige potenzielle Kandidaten: Das reicht von Nordirland über Katalonien bis hin zu Norditalien. Dies mag als krasser Widerspruch erscheinen in Zeiten der intensiveren europäischen Einigung. Man sollte aber die Ablehnung des Brüsseler Zentralismus durch viele Büger nicht unterschätzen. Gerade wegen der stärkeren Integration werden förderalistische Bewegungen gestärkt. Die EU sollte dies zur Kenntnis nehmen und keinesfalls Steine in den Weg legen, wenn Bürger sich frei entscheiden, einen neuen Staat zu gründen. Deswegen muss überdacht werden, was passiert, wenn sich ein neues Land in einem bestehenden EU-Staat formiert. Stand jetzt wäre dieses neue Land nicht Mitglied der EU. Denkbar wäre z.B., ein stark beschleunigtes Neuaufnahme-Verfahren einzuführen. Allerdings hat dies wohl keine Chance auf Realisierung: Die Änderung der EU-Verträge bedarf der Zustimmung aller Mitglieder. Und Staaten wie Spanien, in denen es schon offene Abspaltungstendenzen gibt, werden höchstwahrscheinlich ihre Zustimmung verweigern.

Ihr

Daniel Kühn

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