Methoden der Kursziel-Analyse
Nachdem wir uns in der Lesson „Das Gesetz der Sieben“ mit einer eher ungewöhnlichen Methode der Kursziel-Analyse beschäftigt haben, soll in dieser Lesson weiteren Methoden der Schätzung der Grösse einer erwarteten Kurswertveränderung nachgegangen werden.
Der Zweck weiterer Kurszielberechnungs-Methoden resultiert aus charakteristischen Kursformationen, mit deren Hilfe der Chartist ein oder mehrere Kursziele ableiten kann. Wichtig: Wenn zwei oder mehrere Kursziele bei ungefähr dem gleichen Preislevel zusammentreffen, dann erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass diese Kursregionen erreicht werden.
Sinn von Kursziel-Analysen ist es, nur auf Signale zu reagieren, bei denen ein ansprechendes Gewinnpotenzial bei gleichzeitig niedrigem Verlustrisiko vermutet werden darf. Dieser Ansatz ist jedoch auch mit Vorsicht zu genießen: So akkurat sich auch viele Preisprojektionen erweisen mögen, kann es manchmal zum einen vorkommen, dass ein Preis umkehrt, bevor er das Kursziel erreicht. Zum anderen kann er sein Kursziel weit übertreffen.
Dazu eine einfache Versinnbildlichung: Zu leicht verfällt der Marktakteur einem Wunschdenken und vergisst dabei die einfachsten Handelsregeln. So wird in der Regel von Anfängern bei Aktienkäufen ein Kurs „ausgeguckt“, zu dem der Käufer wieder verkaufen möchte. Teilweise wird sogar schon gleich nach dem Kauf ein Limit für den Verkauf angegeben. Wenn zum Beispiel ein Marktteilnehmer Aktien bei einem Kurs von 100 gekauft hat und eine Verkaufsorder von 185 erteilt, der Kurs aber nur auf 184 steigt und dann auf 95 zurückfällt, kommt der Marktteilnehmer nicht zum Zug und hat womöglich noch einen Buchverlust von 5 erlitten. Ziel also knapp verfehlt.
Das Ziel der Kursziel-Analyse ist daher nicht, dem Anleger einen Wert an die Hand zu geben, damit er seinen Wunschgewinn erzielen kann, sondern sie soll den Vergleich zwischen verschiedenen Signalen unterschiedlicher Instrumente ermöglichen. Das größte Gewinnpotenzial erhält dann (bei gleichwertigen Signalen und gleichem Risiko) den Zuschlag.
Die nachfolgenden Analysemethoden werden bei Bar-Charts, also Balkendiagrammen, angewendet. Sie haben ihre Berechtigung sowohl bei Aktien, Optionen als auch bei Futures.
Der Wert dieser Analyse liegt darin, dass der Marktteilnehmer die Möglichkeit hat, das ungefähre Kurspotenzial abzuschätzen. Bei der Annäherung des Kurses an das Kurszielniveau sollte dann dem Marktteilnehmer sozusagen die „Warnlampe blinken“, dass das austaxierte Kursziel fast ausgeschöpft wurde und ein Trendwechsel immer wahrscheinlicher wird.
Die einzelnen Methoden der Kursziel-Analyse
Anhand einer Übersicht sollen Ihnen die bekanntesten Methoden, mittels derer Kurswertpotenziale geschätzt werden können, dargestellt werden. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Einige der Methoden der Kursziel-Analyse wurden bereits in früheren Lessons dargestellt. Zu den bekanntesten Kurszielbemessungs-Methoden zählen:
Die Kopf-Schulter Messlatte
Das Triangle-Maß
Die Kursziel-Analyse bei Point & Figure Charts
Kurslücken auf halber Strecke (Midway Gaps)
Das Range-Breakout Target
Das Channel-Range Target
Zu den eher unbekanntere Methoden zählen:
Das Gesetz der Sieben
Identische Preisschwünge
Die Counter-Swing-Kurszielmethode
Die Slope-Formation
Die 17-35-Regel
Die Regel der Halbierung
Fibonacci-Techniken
Ganns Cardinal Squares
Trendlinien-Kurszielberechnung
Da den meisten unter Ihnen die gängigsten Methoden der Kursziel-Analyse wahrscheinlich bereits bekannt sein dürften, werde ich vor allem auf ein paar der eher unbekannteren Methoden eingehen, nämlich die blau gekennzeichneten, der Reihe nach. Einige speziellere Kurszielbestimmungs-Methoden bedürfen einer ausführlicheren Darstellung und werden in dieser Lesson nicht vorgestellt.
Support und Resistance - Das Range-Breakout Target
Unterstützung und Widerstand erscheinen uns in zwei Formen. Zum einen scheitert ein steigender Markt oft an einem kurz vorher erzielten Höchstkurs, wenn es auf diesem Niveau bisher immer wieder zu Verkäufen kam. Umgekehrt gilt ebenso: Erreicht ein Kurs in einem sinkenden Markt einen kurz zuvor notierten Tiefstkurs, dann wird der Kurs in der Regel wieder ansteigen.
Eine andere Form von Widerstand und Unterstützung ist die Schiebezone und die Box. Bei beiden Varianten entwickelt sich der Trend seitwärts und es werden Handelsspannen („Trading Ranges“) etabliert, weil der Kurs nach oben läuft, dann wieder nach unten usw..
Bei der Kurszielberechnung geht man so vor, dass die Preis-Projektion nicht an einer Trendbewegung ausgerichtet wird, sondern an der Schwankungsbreite eines Seitwärtsmarktes oder einer Korrekturformation (Top- und Bodenbildungsphasen), in welcher der Markt sich für mehrere Tage oder Wochen stabilisiert hat. Wenn wir nun die Kursziel-Analyse anwenden wollen, dann stellt die Preisspanne zwischen der oberen und unteren Begrenzung das Potenzial des nächsten Ausbruchs dar, sei es ein Breakout oder ein Breakdown. Zu beachten ist, dass die obere beziehungsweise untere Begrenzung erst nachhaltig durchbrochen werden muss.
In der nachfolgenden Abbildung 1 sehen Sie ein Beispiel für eine Range-Breakout Target.
Im Chart sehen Sie, wie sich ab Ende 2001 bis Mitte 2002 ein großer Seitwärtsmarkt im S&P 500 Index etabliert. Aus der Range dieses Seitwärtsmarktes ergibt sich ein typisches Kursziel von 920, dass jedoch später noch unterschritten wurde. Beachten Sie, dass Kursziele nicht immer erreicht beziehungsweise auch überschritten werden können. Im Allgemeinen funktionieren die Range-Breakout Targets gut. In unserem Beispiel, in dem das tatsächliche Kursziel noch viel weiter führt als das ermittelte Kursziel, soll vor allem zum Ausdruck kommen, dass wir mit dieser einfachen Methode der Kursziel-Analyse schon ein recht hohes Gewinnpotenzial nach dem Breakdown aus dem Seitwärtsmarkt nutzen konnten.
Das Channel Range Target Trendmärkte bilden in der Regel Trendkanäle aus. Mittels deren Weite können bei einem Ausbruch aus dem Kanal wiederum Kursziele bestimmt werden. Die folgende Abbildung 2 verdeutlicht das Prinzip:
Abbildung 2: S&P 500 Index (SPX), 60-Minuten-Intervall, Channel Kursziel
Zur Vorgehensweise bei den Channel-Range Targets: Zunächst wird die Weite des Trendkanals bemessen (im Beispiel 54 Punkte) und bei einem Breakout des Kurses aus dem Kanal (bei 848) hinzuaddiert. Die Summe von 902 Punkten (848 + 54 = 902) ergibt das ermittelte Kursziel.
Bei einem Breakdown aus dem Trendkanal wird die Weite entsprechend am Ausbruchspunkt subtrahiert.
Identische Preisschwünge
Dieser Ansatz beruht auf der Annahme, dass sich Märkte in ungefähr gleich großen Kursmustern bewegen. Die Methode sieht vor, dass der nächste Preisschwung in die Richtung des übergeordneten Trends ungefähr gleich groß in Relation zum vorangegangenen Preisschwung in die gleiche Trendrichtung sein dürfte.
Die Effektivität dieser Technik ist in der Regel auf Situationen beschränkt, in denen der Markt einen raschen und steilen Preisanstieg hinter sich hat und sich in einer korrektiven Pause befindet, typischerweise in einer Flagge oder in einem Dreieck.
Nach der korrektiven Pause, wenn der ursprüngliche Trend wieder aufgenommen wird, wird das Kursziel berechnet, indem man die Preisspanne des vorangegangenen Preisschwungs berechnet und diese Preisspanne vom extremen Punkt der korrektiven Pausenreaktion projiziert.
Sie kennen ein ähnliches Prinzip auch aus der Lesson „Symmetrie II“.
In der folgenden Abbildung 3 sei Ihnen das Prinzip der Identischen Preisschwünge demonstriert.
Abbildung 3: Nasdaq Composite Index (COMPX), 60-Minuten-Intervall, Identische Preisschwünge.
In einigen Fällen ist es sinnvoll – wie in der Lesson „Fibonacci Price Retracements und Fibonacci Price Extensions II“ beschrieben – die einfache Distanz mit den Ratios 1.272, 1.618, 2.00 und 2.618 zu multiplizieren. Dabei sollte man vor allem auf Überlappungen, sogenannte Clusters, verschiedener Swings achten.
Die Counter-Swing-Kurszielmethode
Das Konzept des Counter-Swings, also des Gegenschwunges, stellt meiner Ansicht nach eine Verfeinerung der Swing-Kurszielbemessung dar. Voraussetzung für einen Gegenschwung ist, dass ein Kurstrend direkt nach einem neuen Hoch umkehrt und das Tief eines vorhergehenden Dips durchbricht. Der Preisschwung unter das Tief des vorangegangenen Dips beträgt dann oft die gleiche Distanz, die über einem vorhergehenden Hoch bis zum neuen Hoch zurückgelegt wurde. Das gleiche Prinzip kann auch auf einen Downtrend angewendet werden, der von einem neuen Tief umkehrt und anschließend das vorhergehende High überschreitet. Die folgende Abbildung 4 soll Ihnen das Prinzip
Abbildung 4: S&P 500 Index (SPX), Tages-Intervall, Counter-Swing-Kurszielmethode.
In der Abbildung erkennen Sie, wie der S&P 500 ein neues Hoch am 19. Juli 1999 ausbildet. Anschließend unterschreitet er ein vorangegangenes Dip einer Trading Range (graue horizontale Balken). Die Distanz (44 Punkte) zwischen oberer Begrenzung der Trading Range (1376) und neuem Hoch (1420) impliziert bei Subtraktion von der unteren Begrenzung der Trading Range (1277) das Kursziel bei 1233 (1277 - 44 = 1233)
Dieses Prinzip kann auch auf ein „False Breakout“ von einer Konsolidierungsformation (siehe Lesson „Fehlsignale“) angewendet werden. Falls nach einem solchen falschen Kursausbruch auf einer Seite der Konsolidierungsformation der Preis anschließend umkehrt und die andere Seite der Konsolidierungsformation unterschreitet, wird meistens wenigstens die gleiche Distanz zurückgelegt wie beim „False Breakout“.
Die Slope-Formation Die Slope-Formation ist in der Regel ein Reversal-Pattern in Form einer Flagge, was eher ungewöhnlich ist, denn normalerweise handelt es sich bei der Flagge um eine Konsolidierungs-Formation.
Die Slope-Formation findet sich vor allem nach steilen und schnellen Kursverfällen. Am Ende des Kursverfalls bildet sich die nicht gegen die Trendrichtung „wehende“ Flagge als Bottom-Formation, in welcher sich der Kursverfall verlangsamt.
Wenn der Kurs aus der Flagge ausbricht, dann gilt folgende Kursziel-Bemessungsregel: Zum einen sollte in der Regel die Preisumkehr hinter den Startpunkt des Sloping Channels (Flag) führen und weiterhin in die neue Trendrichtung gehen bis die nächste Stauzone (Congestion Area) erreicht wird.
Doch wie sollte der Ausbruch aus der Slope-Formation am besten konstatiert werden? Zunächst wird an die Lows der linken Seite einer Slope-Formation eine Führungslinie abgetragen. Diese wird dann an die intraday Highs der anderen Seite der Formation kopiert - auch das ist ungewöhnlich. Das Breakout der rechten Seite des Channels signalisiert das Reversal. Eine konventionelle Trendlinie sollte hier vermieden werden, da bei einer solchen Formation öfter Fehlsignale auftreten können. Generell muss angemerkt werden, dass Slope-Formationen in Aktienmärkten als auch Index-Futures seltener geworden sind. Kurszielbemessungen erwiesen sich zuletzt im Allgemeinen als relativ unzuverlässig. Wenn Sie die Slope-Formation für die Kursziel-Analyse verwenden wollen, sollten Sie mit besonderer Vorsicht vorgehen.
In der Abbildung 5 sehen Sie ein Beispiel für eine Slope-Formation. Sie sehen wie der Kurs beim Breakout aus der Flag, welche den Kursverfall tendenziell bremst, das projizierte Kursziel erreicht.
Abbildung 5: Nasdaq Composite Index (COMPX), Tages-Intervall. Slope-Formation
Die 17-35-Regel Die ihrem wahrscheinlichen Entdecker Arthur Sklarew zugesprochene 17-35-Regel geht davon aus, dass sich die Kurse um mindestens 17.5 Prozent oder um mindestens 35 Prozent gegenüber dem letzten Hoch oder Tief verändern.
In der Abbildung 6 ist anhand des S&P 500 Index in einem Wochenintervall dargestellt, wie diese Regel als Methode für ungefähre Kursziele dienen kann.
Abbildung 6: S&P 500 Index, Wochenintervall, 17-35-Regel.
Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass es noch kleinere und auch größere Bewegungen als 17.5 Prozent beziehungsweise 35 Prozent gibt. Es ist schwer, einen logischen Grund zu finden, warum Preisschwünge teilweise in dieser Größenordnung steigen beziehungsweise fallen. Vieles lässt darauf schließen, dass die prozentualen Preisschwünge unter anderem in enger Beziehung zu speziellen Kurven-Kanälen stehen.
Anzumerken ist noch, dass bei kleineren Kursveränderungen die Bewegungen 7.5 Prozent und bei größeren Bewegungen 52.5 Prozent entsprechen.
Bedenken Sie auch bei dieser Methode, dass Kursziele teilweise nicht erfüllt werden und eher als grobe Kursziele anzusehen sind, die Methode aber in Kombination mit anderen gleichlautenden Kurszielen anderer Kurszielbestimmungs-Methoden die Signifikanz für ein Target erhöhen sollte.
Die Regel der Halbierung
Diese Regel darf nicht mit dem 50% Retracement verwechselt werden. Während nämlich ein 50% Retracement eine Korrektur des Trends um 50% beschreibt (zum Beispiel läge ein 50% Retracement eines Anstiegs von 50 auf 100 bei 75), so sieht die Methode der Halbierung vor, Werte zu erwerben, deren Kurs die Hälfte des Gesamtwertes eingebüsst hat (zum Beispiel von 100 auf 50). In der folgenden Abbildung 7 sehen Sie ein entsprechendes Beispiel für die Regel der Halbierung.
Bedenken Sie bitte, dass auch diese „Regel“ nicht unumstößlich sind, und es sich vielmehr um oft beobachtete Phänomene handelt. Insbesondere deshalb sollten Sie alle Preisprojektionsmethoden sowohl einzeln als auch - wenn möglich - in Kombination testen, sich mit ihnen vertraut machen und letztlich ihre persönlichen Rückschlüsse für die Signifikanz von Preisprojektionsmethoden ziehen.
Abbildung 7: S&P 500 Index (SPX), Wochen-Intervall, Regel der Halbierung.
Frank Thönnißen - GodmodeTrader.de/Trading-Lehrgang.de
http://www.trading-lehrgang.de - Der umfassende Lehrgang "Charttechnische Analyse & Trading" für Einsteiger und insbesondere aber Fortgeschrittene.




