• DAX - Kürzel: DAX - ISIN: DE0008469008
    Börse: XETRA / Kursstand: 9.689,61 Punkte

Es gibt unzählige Ansätze an der Börse zu agieren – jede dieser Strategien, ob diskretionär oder systemisch, ob intuitiv oder nach festen Regeln hat mit der richtigen Herangehensweise seine Daseinsberechtigung. Aber schlussendlich müssen sich alle diese Herangehensweisen an nur einem Faktor messen lassen: dem eigenen Kontostand.

Wir persönlich traden nur solche Setups, die sich in der Vergangenheit bewährt haben. Eine Garantie für die Zukunft ist das natürlich nicht. Wenn man diesen Satz jedoch umdreht, wird sofort klar warum wir diese Art des Handels bevorzugen. Wer möchte schon eine Strategie traden, die in der Vergangenheit schlecht war? Wir jedenfalls nicht.

Wir alle wissen, dass wir auch jeden Morgen eine Münze werfen könnten, um dann zu entscheiden ob wir Long oder Short gehen. Die Gewinnwahrscheinlichkeit beträgt 50% und in Wahrheit kommt es sogar noch schlimmer da wir die Rechnung ohne die Bank oder den Broker gemacht haben, die ja mindestens noch einen Spread verdienen wollen – Roulette ohne die Null gibt es schließlich auch nicht. Was liegt da also näher, als sich einen Wahrscheinlichkeitsvorteil zu verschaffen und diesen dann auch noch in einen Gewinnvorteil umzumünzen. Ein paar einfache Schritte, um solche Strategien zu entwickeln, möchten wir am Beispiel des FDAX (Future auf den Dax) vorstellen.

Gute Trades brauchen starke Kursbewegungen. Da lohnt sich zunächst ein prüfender Blick, ob es nicht bestimmte Wochentage gibt, an denen sich der (F)DAX besonders stark bewegt um diese Tage dann gesondert zu berücksichtigen. Dazu messen wir die prozentuale Tagesschwankung, also die Differenz zwischen Maximum und Minimum eines jeden Tages und bilden den Mittelwert über die letzten 14 Jahre (Kursdaten ab 1999). Das Ergebnis ist in der folgenden Abbildung dargestellt.

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Wie man unschwer erkennen kann, gibt es keine ausgeprägte Abhängigkeit der Tagesschwankung vom jeweiligen Wochentag. Der FDAX schwankt rund 2% am Tag, wenn man den Mittelwert der letzten 14 Jahre betrachtet. Die größte Tagesschwankung haben wir jeweils am Donnerstag. Da wir somit also keine Ausprägung haben, können wir auch keinen Wahrscheinlichkeitsvorteil für mögliche Trades ableiten – dennoch interessant.

Das ist zwar zunächst ernüchternd, aber immerhin eine Schlussfolgerung. Wir müssen also eine andere Frage stellen um einen Wahrscheinlichkeitsvorteil zu finden. Wie alle Börsenkurse kennt auch der (F)DAX nur drei „Zustände“: er steigt, er fällt oder es geht seitwärts. Eine Seitwärtsphase zu erkennen ist im nach hinein zwar meist recht einfach, aber deutlich schwieriger wird es, wenn man den Kurs tagesaktuell beobachtet. Also machen wir uns die Analyse einfacher, in dem wir einen EMA (exponentielle geglätteter, gleitender Durchschnitt) als Filter für einen Bären- bzw. Bullenmarkt verwenden und somit formal keine Seitwärtsphasen kennen. Grafisch ergibt sich dann folgendes Bild für den (F)DAX:

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Im Bild ist ein EMA (rote Linie) mit einer Periodenlänge von 80 eingezeichnet (andere Indikatoreneinstellungen sind ebenfalls möglich). Jetzt können wir erneut die Wochentagsfrage stellen. Gibt es typische Muster für die Tagesänderung des (F)DAX in Abhängigkeit davon, ob wir in einem Bären- oder Bullenmarkt sind? Als Tagesänderung soll nun die prozentuale Änderung zwischen Börseneröffnung um 8 Uhr und Börsenschluss um 22 Uhr betrachtet werden. Das Ergebnis ist verblüffend:

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Jetzt erkennen wir sofort einen markanten und eindeutigen Zusammenhang. In einem Bullenmarkt steigen die Kurse am Montag, Donnerstag und Freitag, während die Kurse am Dienstag und Mittwoch eher fallen. In einem Bärenmarkt ist es exakt andersherum. Wer also ein Kaufsignal in einem Bullenmarkt sucht, sollte eher am Ende einer Woche einsteigen und den Dienstag auf jeden Fall meiden. Die Frage des „warum“ ist natürlich spannend, aber für uns reine Spekulation. Hier könnte man bestimmt tolle Stories schreiben, interessanter ist jedoch: kann man diesen Wahrscheinlichkeitsvorteil jetzt auch unmittelbar in einen Gewinnvorteil überführen?

Hier können wir jetzt eine einfache Rechnung nach festen Regeln machen und dann mit den historischen Daten eine Gewinnrechnung durchführen. Wenn der Eröffnungskurs an einem Tag oberhalb des EMA80 des Vortages liegt (=> Bullenmarkt) und wir z.B. einen Montag haben, wird eine Longposition eröffnet und am Ende des Tages geschlossen. An einen Dienstag würde man ein Shortposition zur Eröffnung kaufen (in einem Bullenmarkt) und ebenfalls wieder am Ende des Tages verkaufen. Wendet man diese einfache Regel auf die historischen Daten an, erhält man die folgende Aufsummierung der FDAX Punkte.

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In Summe hätte man somit in 14 Jahren knapp 14000 FDAX Punkte eingesammelt. So wurde also aus einem Wahrscheinlichkeitsvorteil ein echter Gewinnvorteil. In einer genaueren Betrachtung würde man jetzt noch den realen Spread (Differenz zwischen An- und Verkaufskurs) berücksichtigen und sicher auch noch einen Stop-Loss für die einzelnen Trades definieren. Das Grundsystem ist jedoch bestechend einfach und bietet noch zahlreiche Optimierungsmöglichkeiten.

Der ein oder andere wird sich jetzt sicherlich fragen, ob nicht ähnliche Ansätze auch auf Intraday-Basis möglich sind und sich auch hier aus einem Wahrscheinlichkeitsvorteil ein Gewinnvorteil generieren lässt. Die ausführliche Antwort werden wir in einem späteren Artikel genauer vorstellen. Einen ersten Ansatz möchten wir aber hier schon zeigen. Wir untersuchen zunächst erneut, wann kommt innerhalb eines Tages Bewegung in den Markt und wie stark ist diese. Dazu messen wir die absolute prozentuale Bewegung die der FDAX innerhalb einer Stunde zurücklegt, als Funktion der Tageszeit. Wenn wir diese dann auch noch über 50 Tage mitteln, erhält man folgende Heatmap:

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Das Bild zeigt die letzten 100 Handelstage ausgehend vom 18.12.2013. Der Farbcode repräsentiert die Größe der prozentualen Kursveränderung auf Basis von 60 Minuten. Damit man nicht nur jeweils einen Handelstag, sondern auch noch die letzten 100 Tage sehen kann, sind diese Tage nach oben entlang der y-Achse aufgetragen. Man erkennt auf einem Blick, dass nach 19 Uhr nur noch kleine Veränderungen im FDAX auftreten. Viel mehr Bewegung ist zwischen 9 Uhr und 10:30 Uhr sowie am späteren Nachmittag.

Noch eindrucksvoller lässt sich die Analyse in einer Videosequenz visualisieren, die zudem die Kursdaten der letzten 3 Jahre zeigt.

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Fazit: Mit wissenschaftlichen Methoden können Wahrscheinlichkeitsvorteile präzise herausgearbeitet werden und ermöglichen so einen realen Gewinnvorteil. Am Beispiel der FDAX-Tagesdaten haben wir ein erstes, profitables Handelssystem aufgestellt - weitere werden folgen.

Herzliche Grüße

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Dr. Stefan Friedrichowski, Trader & Physiker und

Christian Stern, Leiter Trading- und Ausbildungsservice Project Future

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