Zürich (GodmodeTrader.de) - Schwellenländer (Emerging Markets/EM) werden oftmals als eine homogene Gruppe von Ländern angesehen: Was für ein Land schlecht ist, muss auch für alle anderen negative Folgen haben. Allerdings ist dies nicht mehr der Fall – falls es überhaupt je so war. Denn aus historischer Sicht gab es immer geografische und kulturelle Unterschiede, und auch die wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer verlief unterschiedlich, wie Tim Love, Investment Director bei GAM Investments, in einem aktuellen Marktkommentar schreibt.

„Ebenso unterschiedlich fällt die Reaktion auf die zunehmenden protektionistischen Maßnahmen der USA aus“, erläutert Love. Protektionismus könne zwar Volkswirtschaften, in denen der Handel einen hohen Anteil am Bruttoinlandprodukt (BIP) hat, massiv beeinträchtigen. Es sei aber falsch, alle Schwellenländer blind dieser Kategorie zuzurechnen. „Wir glauben, dass es durchaus Gründe gibt, bezüglich der Entwicklung von EM-Aktien zuversichtlich zu sein“, so Love weiter.

Sollte der Handel aufgrund zunehmender protektionistischer Maßnahmen der USA nachlassen, setze dies in erster Linie stark exportorientierte Volkwirtschaften wie China, Korea und Taiwan unter Druck: Noch vor zwei Jahrzehnten sei China das beliebteste Ziel für die Auslagerung von Produktion gewesen, während Korea und Taiwan die weltweit führenden Produktionsstandorte für elektronische Bauteile gewesen seien, heißt es weiter.

„Viele Schwellenländer haben jedoch einen anderen Weg eingeschlagen und sich in der Wertschöpfungskette nach oben gearbeitet. Sie wenden sich von Wirtschaftsmodellen ab, die auf niedrige lokale Arbeitskosten setzen, um den Weltmarkt für Billigexporte zu beherrschen“, berichtet Love. Ein Nebenprodukt dieser wirtschaftlichen Migration zur Produktion höherwertiger Erzeugnisse sei, dass die Mittelschicht rasant wachse und dadurch der Anteil des Inlandskonsums am BIP kontinuierlich steige.

Russland dagegen mache aus ganz anderen Gründen Schlagzeilen. „Geopolitisch steckt das Land in einer schwierigen Lage und ein durch Sanktionen bedingter Bewertungsrückgang hat die Währung auf Tiefstände gedrückt, wie wir sie zuletzt im Jahr 2016 gesehen haben. Die Frage lautet daher, ob diese Herausforderungen angemessen eingepreist sind“, so Love. Der Experte hält es dennoch für sinnvoll, wenigstens eine neutrale Position in Russland zu halten. Beim Timing seien allerdings mehrere Faktoren zu beachten: Zum einen die politische Lage sowie die Stimmung und Liquidität am Markt. Zum anderen gelte es die unterstützenden Fundamentaldaten im Auge zu behalten.

Anders als in den USA sei die Bewertung von EM-Aktien nicht zu hoch. Nachdem in den vergangenen Jahren in Bezug auf Corporate Governance und wirtschaftliche Stabilität erhebliche Fortschritte erzielt worden seien, seien die Schwellenländer effektiv das einzige Investment-Grade-Universum, dessen Bewertungen noch hinterherhinkten. „Daher bleiben wir bei unserer positiven Haltung, obwohl protektionistische Maßnahmen und Äußerungen in letzter Zeit zugenommen haben“, so Love. Die globale Liquidität sei absolut betrachtet nach wie vor hoch – trotz der Versuche der US-Notenbank, sowohl die Zinssätze zu normalisieren als auch ihre aufgeblähte Bilanz zu reduzieren. „Wir behalten die Risiken des Protektionismus im Auge, die stärkere Inlandsnachfrage sollte die Auswirkungen jedoch abmildern“, ist der Experte überzeugt.

Richteten zudem mittel- bis langfristig orientierte Anleger in EM-Aktien die Zusammensetzung ihres Portfolios auf weitreichende staatliche Reformprogramme aus, verbessere sich die Vorhersagbarkeit der Gewinne und das Risiko-Rendite-Profil. „Beispielsweise bemüht sich Saudi-Arabien, seine Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu verringern. Dazu legt das Land den Fokus stärker auf High Tech – und das ist nur ein Beispiel für eine potenziell bahnbrechende Veränderung. In China sehen wir hervorragende Chancen bei drei oder vier Unternehmen, welche die Speerspitze bei den Umweltreformen des Landes bilden. Mexiko wiederum hat vor Kurzem davon profitiert, dass die Ratingagentur Moody’s den Ausblick von negativ in positiv geändert hat. Dies ist ein weiteres Beispiel für eine gute Möglichkeit, hochwertige Unternehmen in einem sich bessernden Kreditumfeld zu im historischen Vergleich günstigen Kursen zu kaufen“, so Love.