Gastbeitrag von Stephan Heibel, Experte auf Guidants

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    Ein geregelter Brexit ist nach den UK-Wahlen deutlich wahrscheinlicher geworden. Die USA und China haben eine Teileinigung im Handelsstreit erzielt, wenngleich die Details bislang noch rar sind. Und die Notenbankpolitik in den USA und in Europas bleibt auf absehbare Zeit überaus locker. Viele Spannungsfelder haben sich in der abgelaufenen Woche in Wohlgefallen aufgelöst.

    Die Verunsicherung, die wir vor einer Woche gemessen haben, ist nun wieder verschwunden: Boris Johnsons Wahlerfolg und die Teileinigung waren wohl von einer ganzen Reihe von Anlegern erwartet worden, ebenso wie die anhaltende Liquiditätsflutung durch die Notenbanken in den USA und Europa. Doch die Gewissheit über diese Entwicklungen setzt neuen Optimismus frei, die Erwartungshaltung der Anleger springt an. Hatten in den vergangenen zwei Monaten meistens die Pessimisten die Oberhand, so können sich diese Woche die Optimisten durchsetzen.


    Er lässt das Sentiment immer in seine Analysen einfließen: Rocco Gräfe im KnockOut Trader OSZ und KnockOut Trader GOST


    Doch wirkliches Kaufinteresse kommt nicht mehr auf: Die Investitionsbereitschaft ist leicht zurückgegangen. Wie in den vergangenen Wochen berichtet war die Investitionsquote bei den Privatanlegern bereits sehr hoch. Nach den positiven Entwicklungen dieser Woche kann somit kein neues Kaufinteresse mehr aufkommen, stattdessen wollen nun wieder vermehrt Anleger Gewinne mitnehmen, also Teilverkäufe vornehmen.

    Die hohe Investitionsquote zeigt sich auch beim Euwax-Sentiment der Privatanleger, das auf hohem Niveau notiert und damit anzeigt, dass die meisten Anleger auf steigende Kurse wetten. Selbiges zeigt sich nun auch bei den institutionellen, die sich lange Zeit mit Investments zurückgehalten haben: Diese Woche ist das Put/Call-Verhältnis deutlich zurückgegangen, was zurückgehende Absicherungskäufe signalisiert und zunehmende Wetten auf steigende Kurse.

    In den USA haben sich Anleger in den vergangenen Wochen neutral positioniert, das ist auch diese Woche noch so. Und auch US-Fondsmanager haben ihre Investitionsquote auf dem neutralen Niveau um 79 % belassen. US-Privatanleger haben eine Bullenquote von 11 %, was ebenfalls einem neutralen Niveau entspricht.

    Der technische Angst und Gier Indikator des S&P 500 zeigt mit 74 % Gier auf und kratzt an der Marke zur "extremen" Gier, die als Warnsignal verstanden werden kann.

    Interpretation

    Institutionelle Anleger sind nun mobilisiert: die Ungewissheiten der vergangenen Wochen sind weg, nun können sich institutionelle Anleger für das kommende Jahr positionieren. Gleichzeitig werden sie einige Gewinne bei Positionen mitnehmen, die durch die jüngsten Ereignisse profitiert haben. Gewinnmitnahmen dürften den Aktienmarkt derzeit nicht drücken, vielmehr sollte der neue Zukunftsoptimismus für eine weiterhin gute Börsenstimmung sorgen.

    Wir können den eher seltenen Fall verzeichnen, dass Privatanleger besser positioniert waren als institutionelle Anleger. Wie berichtet waren Privatanleger in den vergangenen Wochen mit einer extrem hohen Investitionsquote unterwegs, waren also stark investiert. Institutionelle hingegen müssen nun aktiv werden, um zum Jahresende nicht mit zu großen Barpositionen erwischt zu werden. Aus diesem Blickwinkel ist es also durchaus möglich, dass die Rallye dieser Woche noch bis Weihnachten, vielleicht sogar bis zum Jahresende, weiterläuft.

    Vor diesem Hintergrund befinden wir uns also weiterhin in einer Börsenphase, in der Rückschläge im DAX zum Kaufen genutzt werden können.

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