Gastbeitrag von Stephan Heibel, Experte auf Guidants

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    Auch die noch laufende Umfrage zeigt erneut Euphorie an. Die Stimmung bleibt auf hohem Niveau stabil. Allerdings geht die Selbstzufriedenheit leicht zurück. Es hat den Anschein, dass trotz des großen Optimismus einige Anleger vom tatsächlichen Erreichen des neuen Allzeithochs im DAX nun überrascht wurden.

    Die ZEW Konjunkturerwartung ist in der abgelaufenen Woche auf ein Rekordhoch seit viereinhalb Jahren gesprungen. Das wirkt sich auch in der Zukunftserwartung der Anleger aus: Der in Deutschland traditionell eher vorsichtige Optimismus legt diese Woche leicht zu. Auch die Investitionsbereitschaft steigt weiter an. Sogar neue Engagements auf einem Allzeithoch sind für Anleger nun eine Option.

    Das Euwax-Sentiment der Privatanleger zeigt eine neutrale Verfassung an. Ganz anders sieht es bei den institutionellen Anlegern aus, die sich über die Eurex absichern: Mit einem Put/Call-Verhältnis von unter 0,6 sind die Profis extrem bullisch positioniert.

    Auch in den USA ziehen die Allzeithochs Anleger in den Markt, dort steht das Put/Call-Verhältnis der CBOE ebenfalls auf einem extrem niedrigen Niveau, dem niedrigsten seit zwei Jahren. Das heißt, in den USA wiegt man sich auf der Long-Seite in Sicherheit. Hmm, das ist ein erstes Warnsignal.

    Das Put/Call-Verhältnis, das für Aktientransaktionen separat ausgewiesen wird, ist mit einem Wert von 0,5 auf dem niedrigsten Stand seit vier Jahren. So stark wurde schon lange nicht mehr auf Aktiengewinne mit Hilfe von Call-Optionsscheinen spekuliert.

    Das Put/Call-Verhältnis bei Indizes ist zwar ebenfalls stark zurückgekommen, notiert aber noch immer auf einem vergleichsweise hohen Niveau.

    Wenn wir also die Situation in den USA zusammenführen, dann spekulieren derzeit so viele Anleger mit Einzelaktien wie lange nicht mehr. Dabei wird stark auf steigende Kurse gesetzt. Gleichzeitig nehmen die Absicherungen, die man mit Index-Spekulationen realisiert, ab. Das Sicherheitsnetz wird langsam entfernt.

    US-Fondsmanager haben 93 % ihrer Gelder in den Markt gegeben. Das ist im Vergleich zu den zwei letzten Jahren eine ziemlich hohe Investitionsquote. Die Investitionsquote stand Ende 2017, als Trump die US-Unternehmenssteuerreform angekündigt hatte, schon mal bei 120 %, doch das war dann auch die höchste Investitionsquote, die jemals gemessen wurde. Und es folgte ein heftiger Ausverkauf Anfang 2018, als sich institutionelle Anleger über Vola-Produkte absichern wollten und damit den Markt rasend schnell in den Keller trieben.

    Die Bullenquote in den USA liegt bei bullischen 21 %. Der technische Angst und Gier Indikator des S&P 500 ist jedoch in dieser Woche nach mehreren Wochen der extremen Gier deutlich zurückgekommen.

    Interpretation

    Das Coronavirus in China hat in den USA erste Bremsspuren an den Aktienmärkten hinterlassen. Der DAX konnte sich dieser Entwicklung aufgrund der positiven Entwicklungen hierzulande vorerst entziehen.

    Die insgesamt gute Laune an den Aktienmärkten besteht nun schon seit vielen Wochen und es ist wenig sinnvoll, über den Zeitpunkt des Endes dieser Rallye zu spekulieren. Vielmehr mahnt die anhaltende Euphorie inzwischen dazu, Positionen zu verkleinern und Gewinne mitzunehmen.

    Nein, es muss nicht alles verkauft werden. Im Gegenteil: Bleiben Sie dabei, denn in einem Bullenmarkt kann eine eventuelle Korrektur schneller vonstatten gehen, als viele Privatanleger dann schon wieder nachkaufen können. Aber wer auf dicken Buchgewinnen sitzt, der muss sich langsam die Frage stellen, wie viel von diesen Buchgewinnen er riskieren möchte, wenn die Märkte drehen sollten. Vielleicht ist es an der Zeit, die eine oder andere Position zu halbieren und den Rest mit einem Stopp Loss abzusichern.

    So können Sie weiterhin an der Rallye teilnehmen, haben aber ein wenig Cash generiert, um im Falle eines Rückschlags Aktien nachzukaufen, die besonders stark vom Ausverkauf betroffen sind.

    Grundsätzlich haben wir an den Aktienmärkten die schönste aller Welten: EZB und Fed machen derzeit keine Anstalten, den Leitzins zu erhöhen ... im Gegenteil, es wird noch immer über weitere Liquiditätsmaßnahmen diskutiert. Derweil zeigen sich deutliche Zeichen der Konjunkturerholung in Deutschland, während die gute Konjunktur in den USA auf das Lohnniveau durchschlägt und neuen Meldungen zufolge sogar die Kluft zwischen reich und arm verkleinert. China ist eingeknickt und die USA behalten die Strafzölle solange bei, bis die Vereinbarungen umgesetzt werden.

    Diese Rallye kann noch deutlich höher laufen, wenn ... ja, wenn nichts passiert. Das Coronavirus ist so etwas, das die Börsenfeiern abrupt beenden könnte. Nächste Woche werden Facebook und Apple Quartalszahlen berichten. Die Erwartungen sind so hoch, dass es schwer für die beiden Unternehmen wird, da noch positiv zu überraschen. Und wenn diese beiden Schwergewichte Federn lassen sollten, dann ziehen sie eine ganze Reihe von Indizes mit hinunter.

    Also wie gesagt: Ohne ein Ereignis endet diese Rallye noch lange nicht. Doch es gibt unzählige mögliche Ereignisse.