Gastbeitrag von Stephan Heibel, Experte auf Guidants

    Es sind inländische Aktionäre, die den DAX auf Allzeithochs getrieben haben, denn ausländische Anleger haben sich zurück gehalten, wie wir am Wechselkurs des Euros gegenüber dem US-Dollar (-1 %) ablesen können.

    Die Stimmung unter den Anlegern ist den vorläufigen Zahlen unserer Umfrage zufolge auf Euphorie gesprungen: Der Wert von 4,4 wurde zuletzt zum Jahresbeginn erreicht, als wir einen fulminanten Börsenstart sahen. Ich werde nicht müde darauf hinzuweisen, dass Euphorie nicht sofort ein Warnsignal ist, denn Euphorie kann sich über mehrere Wochen halten. Anders als absolute Niedergeschlagenheit, die in der Regel einen Boden und somit das Ende einer Korrektur ankündigt, kann Euphorie über einen längeren Zeitraum anhalten. Ich schaue daher auch stets auf die Entwicklung im rollierenden 5-Wochendurchschnitt. Und dort sind noch lange keine Extremwerte erreicht.

    Auch die Selbstgefälligkeit der Anleger ist mit einem Wert von 2,8 sehr hoch. Dieser hohe Wert zeigt mir, dass Anleger offensichtlich richtig positioniert waren für die Rally des DAX auf neue Allzeithochs.

    Mit steigenden Kursen sinkt die Zuversicht: Für den DAX in drei Monaten sehen Anleger nun zunehmend schwarz. Der Wert von -1,1 zeigt das Übergewicht der Bären. So viel Pessimismus haben wir zuletzt im vergangenen Sommer gesehen.

    Pessimismus ist an sich nicht schädlich, denn Pessimismus am Boden einer Korrektur ist hilfreich, um den finalen Ausverkauf zu unterstützen, damit anschließend alle unsicheren Hände ihre Aktien verkauft haben und einem nachhaltigen Anstieg nichts mehr entgegensteht.

    Doch wir befinden uns nicht am Boden einer Korrektur, sondern der DAX hat diese Woche neue Allzeithochs erklommen. In dieser Situation ist Pessimismus nicht gerade hilfreich, im Gegenteil: es könnte ein erster Vorbote für ein absehbares Ende der Rally sein.

    Und so ist es auch besorgniserregend, dass die Investitionsbereitschaft unserer Umfrageteilnehmer stark zurückgegangen ist: In den kommenden zwei Wochen möchten Anleger kaum noch Aktien zukaufen, die meisten wollen erst einmal abwarten.

    Das Euwax-Sentiment der Privatanleger ist zurückgegangen. Es werden wieder verstärkt Put-Absicherungen gekauft. Offensichtlich sind viele Anleger mit den bislang erzielten Buchgewinnen zufrieden und sichern sie durch Puts ab.

    Institutionelle Anleger, die sich über die Eurex absichern, haben diese Woche einen Sturmlauf auf Put-Absicherungen unternommen. Von Netto-Call-Käufen noch vor einer Woche ist das Put/Call-Verhältnis heute auf 2,9 gesprungen und zeigt die mit Abstand stärkste Put-Nachfrage der vergangenen 12 Monate. Die Profis sagen offensichtlich: Das war's.

    Das Put/Call-Verhältnis der CBOE zeigt auch für die US-Anleger ein gestiegenes Interesse an Put-Optionen, wenngleich die Nachfrage dort nicht so heftig ist wie an der deutschen Eurex.

    US-Fondsanleger haben ihre Investitionsquote wieder auf 86 % (+24 %) hochgefahren. Damit sieht der Ausverkauf der Vorwoche fast schon wie ein Datenfehler aus. Oder haben Fondsmanager tatsächlich vor einer Woche aus Angst vor einer unkontrollierten Ausbreitung des Coronavirus heftig verkauft, und diese Entscheidung diese Woche wieder rückgängig gemacht?

    US-Privatanleger sind moderat bullisch gestimmt, anders als ihre deutschen Kollegen. Der technische Angst und Gier Indikator des S&P 500 zeigt mit einem Wert von 55 eine neutrale Marktverfassung an. Ganz anders sieht es im Short Range Socillator des S&P 500 aus, dieser zeigt eine überkaufte Situation an und mahnt somit zur Vorsicht.

    Interpretation

    Ich bleibe bei meiner Interpretation von voriger Woche: für eine Fortsetzung der Rally braucht es inzwischen schon positive Ereignisse. Denn Nachfrage nach Aktien schwindet, die Zuversicht schwindet und somit gibt es immer weniger Anleger, die bereit sind, auf Allzeithochs Aktien für ihr Depot zu kaufen. Die Euphorie allein, die wir heute messen können, reicht nicht aus, um das Ende der Rally auszurufen. Doch die schwindende Zuversicht und die fehlende Investitionsbereitschaft dürften in den kommenden Tagen schwer auf den Aktienmärkten lasten, sofern nicht - wie diese Woche erlebt - positive Ereignisse für einen weiteren Kursschub sorgen.

    Nächste Woche werden Q-Zahlen von der Deutschen Börse, HeidelbergCement, der Deutschen Telekom, Covestro, MTU, Fresenius und FMC sowie der Allianz veröffentlicht. Es ist High Noon im DAX, die Woche im Quartal mit den meisten Q-Berichten. Ein grober Blick auf die berichtenden Unternehmen zeigt mir jedoch, dass ich überwiegend mit positiven Zahlen rechne. In den USA hingegen flaut die Berichtsflut schon ein wenig ab.

    So würde ich allein aufgrund der Stimmungslage nicht zum Verkaufen raten. Vielmehr würde ich weiterhin Gewinne in vereinzelten Positionen mit (imaginären) Stopp Loss Marken absichern und je nach Aktienkursentwicklung nachziehen, um Gewinne laufen zu lassen, im Falle eines Rückschlags jedoch frühzeitig aus der Aktie auszusteigen.

    Grundsätzlich halte ich die Rally für gesund, denn das DAX-Allzeithoch wurde durch viele DAX-Aktien erzielt, die allesamt ihre 52-Jahreshochs erklommen: RWE, Merck, E.On, Münchner Rück, Allianz, Infineon, Deutsche Bank, SAP, Vonovia, sogar die Deutschen Bank stehen auf der Liste der DAX-Titel, die an dem Allzeithoch durch eigene 52-Wochenhochs beteiligt waren. Damit steht die Rally auf breiten Schultern und ist gesund. Wenngleich die Stimmung nicht mehr viel nach oben erwarten lässt, dürfte ein Rückschlag jedoch begrenzt bleiben. Sprich: Wir laufen hier nicht auf einen Bärenmarkt zu, sondern auf eine Korrektur, die uns Einstiegspreise liefern wird.

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