Auch nach jüngster Kurskorrektur zeigt der europäische Aktienmarkt noch keine Anzeichen einer Baisse

Von Leon Howard-Spink, Fondsmanager Schroders

Nach einer Periode kräftiger Zuwächse fand im zweiten Quartal eine einschneidende Korrektur an den europäischen Aktienbörsen statt. Wir sprachen mit Leon Howard-Spink, Manager europäischer Aktienfonds, über die jüngsten Rückgänge, ihre Ursachen und seine Pläne für das Portfolio-Management in der zweiten Jahreshälfte.

Wie beurteilen Sie die scharfe Korrektur, die in den letzten Wochen bei europäischen Aktien stattgefunden hat?

Der jüngste Kursrutsch und die damit einhergehende Volatilität haben mich nicht weiter überrascht. Ich war schon im ersten Quartal der Ansicht, dass der Markt weitaus teurer ist, als viele denken. Bei bloßer Betrachtung der KGVs erscheint der Markt zwar günstig, schaut man sich jedoch die Price-to-Book-Ratios an, entsteht ein anderes Bild. Hinzu kommt, dass der Markt nach drei Jahren kräftigen Wachstums jetzt eine Atempause braucht. Ich denke, dass Inflations- und Zinsbefürchtungen für die meisten Investoren nur ein Vorwand waren, um nach diesen kräftigen Zuwächsen endlich Gewinne mitzunehmen.

Es stellt sich jetzt die Frage, wie lange diese Volatilität noch anhalten wird und wie weit die Märkte noch fallen können. Ich wäre wirklich überrascht, wenn dies der Beginn eines drei bis vier Jahre andauernden Sell-offs und damit der Einstieg in eine Baisse wäre. Aus operativer Sicht schneiden viele Unternehmen weiterhin gut ab. Das unternehmerische Umfeld ist immer noch attraktiv und die wirtschaftlichen Rahmendaten stützen eine erneute Erholung der Aktienkurse.

Werden Sie Ihren Investment-Ansatz in der zweiten Jahreshälfte anpassen?

Zunächst einmal habe ich vollstes Vertrauen in die Aktien, die ich halte. Mit weitreichenden Änderungen ist deshalb nicht zu rechnen, da ich mich in erster Linie auf Unternehmen konzentriere, die sich durch stabile und nachhaltige Wachstumsprofile auszeichnen. Ein Bereich, wo die Bewertungen meiner Meinung nach überzogen sind, sind übrigens die Small- und Mid-Caps. Ich werde daher in diesem Segment ausgesprochen wählerisch vorgehen. Das könnte durchaus bedeuten, dass ich mich eher auf Large-Caps, wie beispielsweise die Schweizer Pharmaaktie Roche, konzentriere, eine relativ neue Position in den von mir betreuten Fonds.

Im Rahmen der Portfoliostrukturierung werde ich zudem Mittel verstärkt in den Kernbereich lenken, der sich aus Qualitätstiteln mit geringer Volatilität zusammensetzt. Im Laufe des letzten Jahres konnten wir eine Annäherung der Bewertungen auf dem Markt beobachten. Das bedeutet, dass Investoren weniger Nutzen aus Bewertungsdifferenzen ziehen können. Da sich die Abstände zwischen den Kurs-Gewinnverhältnissen der teuersten und günstigsten Aktien erheblich verringert haben, zahlen Anleger den gleichen Preis für unterschiedliches Risiko. In der Vergangenheit wurden Qualitätstitel in der Regel mit einem Aufschlag gehandelt. So belohnte der Markt herausragende Ertragsströme mit einem höheren KGV. Nun ist es aber möglich, Qualität zu in etwa den gleichen Preisen wie geringwertigere Titel zu kaufen. Es macht daher Sinn, sich verstärkt auf Qualität zu konzentrieren.

Sie wenden sich also von den zyklischeren Bereichen des Marktes ab hin zu eher langfristig ausgerichtetem Wachstum?

Ich habe den Verdacht, dass zahlreiche Unternehmen während der letzten drei, vier Jahre eine konjunkturbedingte Erholung ihrer Erträge erlebt haben, viele Investoren diesen Trend jedoch fälschlich als langfristig und nicht als zyklisch deuteten. Hinzu kommt, dass die Ertragslage durch die Inflation bei den Rohstoffpreisen begünstigt wurde. Hier wurden nämlich die beträchtlichen Preissteigerungen bei Metallen wie Kupfer und Platin sowie die steigenden Energiekosten weitergegeben.

Normalerweise können Anbieter ihre Preise nicht so ohne weiteres anheben, jedenfalls nicht, ohne ihren Kunden dafür einen Zusatzwert zu bieten. Viele Unternehmen nehmen es im Zuge des außergewöhnlich starken Anstiegs der Energie- und Rohstoffpreise der letzten Jahre wohl achselzuckend hin, dass ihre Lieferanten die Preise anziehen, um so die steigenden Inputkosten auszugleichen. Das bedeutet, dass viele Unternehmen scheinbar ein ansehnliches Umsatzwachstum aufweisen. Tatsächlich sind die vermeintlich steigenden Umsätze jedoch nur Folge einer einmaligen Gelegenheit zur Preiserhöhung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Dies ist ganz eindeutig kein Rezept für nachhaltiges Wachstum! Bei der Auswahl von Einzelwerten muss man daher ausgesprochen vorsichtig sein, um sicherzustellen, dass sowohl Wachstumstreiber als auch Preismacht fundiert sind und auch langfristig aufrechterhalten werden können.

Quelle: Schroders

Die Schroders-Gruppe ist eine führende internationale Vermögensverwaltungsgesellschaft, die 1804 gegründet wurde. Schroders verwaltet Anlagen für Pensionsfonds, Regierungsbehörden, Wohltätigkeitsorganisationen, Körperschaften, Familienunternehmen und vermögende Privatpersonen weltweit und ist ein führender Verwalter von Investmentfonds. Schroders bietet Anlagen in allen wichtigen Vermögenskategorien in entwickelten Ländern und Schwellenländern an: Aktien, Schuldtitel, Geldmarktinstrumente, Beteiligungen und Immobilien. Das weltweit verwaltete Vermögen betrug zum 31. März 2006 rund 184,2 Mrd. Euro.