Wenn man in diesen Tagen Seiten von Finanzmedien besucht und die aktuellsten Artikel liest, geht man durch ein Wechselbad der Gefühle. Der eine Artikel erklärt, weshalb alles noch viel schlimmer wird. An Argumenten dafür mangelt es ja nicht. Am liebsten möchte man alles verkaufen, was noch im Depot liegt.

Der nächste Artikel berichtet über Lichtblicke und die enormen Konjunkturhilfen und Liquiditätsspritzen der Notenbanken. Plötzlich erkennt man, dass die Welt vielleicht doch nicht untergeht und überlegt, ob jetzt nicht der richtige Zeitpunkt für einen Einstieg gegeben ist.

Je mehr man liest, desto mehr Argumente findet man für beide Seiten. Würde man den jeweiligen Empfehlungen folgen, müsste man abwechselnd kaufen und verkaufen. Das ist sinnlos, kostet Gebühren und bei der aktuellen Volatilität kann der Markt bereits Minuten später ganz woanders stehen.

Die Börse hat es zudem so an sich, dass sie bei der größtmöglichen Anzahl an Anlegern zum größtmöglichen Verlust führt. Wer jetzt noch alles verkauft verliert vermutlich genauso wie jemand der nun all in geht. Die enorme Volatilität macht es möglich. Man liest so viele negative Berichte, dass man zu der Überzeugung gelangt: alles raus.

Die größten Rallyes finden jedoch in Bärenmärkten statt. Der Dienstag in dieser Woche hat das eindrucksvoll bewiesen. Nun ist man aber aus dem Markt draußen und verpasst den Rebound. Diejenigen, die gekauft haben, sind erst einmal glücklich. Eine Bärenmarktrallye ist aber kein neuer Bullenmarkt. Die Rallye wird wieder verkauft und aus Gewinnen werden Verluste.


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Es gibt natürlich einen dritten Weg (neben verkaufen und kaufen). Abwarten. Abwarten hat den Vorteil, dass man erst einmal nichts falsch macht, wenn man nicht investiert ist. Ist man aber investiert und die Kurse purzeln weiter, ist Abwarten nicht unbedingt ein Vorteil.

Ein Börsensprichwort sagt: Hin und her macht Taschen leer. Anleger kaufen und verkaufen in Bärenmärkten häufig. Außer Spesen und Kursverlusten bleibt davon nicht viel. Daher ist es absolut zentral sich zu entscheiden. Was ist mein Zeithorizont? Will ich traden oder investieren?

Die Börse ist am Ende ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten und Zeithorizonten. Der jetzige Bärenmarkt befindet sich vom Ausmaß im Mittel aller Bärenmärkte der US-Börsengeschichte (Grafik 1). Es kann noch schlimmer kommen. Viele Bärenmärkte endeten mit einem Minus von 40 % und vier Bärenmärkte endeten mit einem Minus von mehr als 50 %.

Es besteht eine durchaus nennenswerte Wahrscheinlichkeit, dass die Kurse noch tiefer fallen als bisher. Eine Garantie gibt es dafür nicht. Hier kommt der Zeithorizont wieder ins Spiel. Liegt dieser bei Tagen oder einigen Wochen, kann man es sich nicht leisten, zu früh einzusteigen. Abwarten ist besser. Liegt der Zeithorizont bei vielen Jahren ist es weniger wichtig das Tief genau zu erwischen.

Aufgrund der Historie früherer Bärenmärkte kann man sich beim S&P 500 auch Kurse von 2.000 vorstellen. Das entspricht dann einem Drawdown von ca. 40 %. Aktuell hat der S&P 500 erst die letzten drei Jahre an Kursgewinnen wieder verloren. Das ist relativ wenig. Bei 2.000 Punkten wären es 6 Jahre (Grafik 2). Persönlich erscheint mir das ein plausibles Ziel zu sein.