Ein neues Allzeithoch ist nicht nur spektakulär, weil es einfach ein neues Hoch ist, sondern auch, weil damit eine lange Phase der Seitwärtsbewegung zu Ende geht.

Drückt man ein Auge zu, dann steht der S&P 500 inflationsbereinigt heute genau an seinem Allzeithoch. Das ist immerhin 20 % höher als 2007. Nominal steht der S&P freilich noch etwas höher als vor der Finanzkrise, doch ein nominaler Kursanstieg ist letztlich nicht wirklich das, was interessiert. Was nützt es, wenn man 20 % gewinnt, die Inflation aber bei 40 % liegt? Der Anleger ist praktisch nicht reicher, sondern ärmer geworden.
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Wie relevant die Inflation ist, können Anleger in Argentinien bezeugen. Der Leitindex gehört seit über zwei Jahren zu den Outperformern. Er stieg zwischen Anfang 2014 und Mitte 2016 von 5.400 Punkten auf 14.600 Punkte. Nach Inflationsraten von 20 % in 2014 und 2015 und einer Jahresrate von derzeit 40 % bleibt da real nicht mehr viel übrig. Nominal mag das Vermögen gestiegen sein, doch davon kann sich ein Anleger auch nicht mehr kaufen.

Auch US-Anleger können von solchen Erfahrungen ein Lied singen. In den 70er Jahren schleppten sich Aktien nominal seitwärts. Real verloren Anleger in dieser Phase zwei Drittel durch eine Buy-and-Hold Strategie. Die letzten 16 Jahre waren besser als die 70er Jahre. Real verloren Anleger wenigstens kein Geld. Sie gewannen jedoch auch nichts.

Der S&P 500 steht mit seinem knapp erreichten, realen Allzeithoch nur 1 % höher als zur Zeit der Jahrtausendwende. Das ist nicht gerade eine atemberaubende Performance. Der Fairness halber muss man aber anfügen, dass über Dividenden über den Zeitraum von 16 Jahren ein Plus von 20 % erwirtschaftet werden konnte. Angesichts der hohen Schwankungen innerhalb dieses Zeitraums ist das nicht wirklich risikoadäquat.
In anderen Teilen der Welt sieht es nicht besser aus. Der Dax konnte real Anfang 2015 ein neues Allzeithoch generieren. Inzwischen hadert er mit dem alten Allzeithoch aus dem Jahr 2000. Da die Dividenden im Dax Performance Index bereits enthalten sind, zeigt sich, dass mit deutschen Aktien in den letzten 16 Jahren kein Geld zu verdienen war. Dafür mussten Anleger große Kursschwankungen hinnehmen. Ein schlechter Deal.

Aus der äußerst ernüchternden Langzeitbetrachtung ergeben sich vor allem zwei Lehren. Eine allgemeine Börsenweisheit sagt, dass man mit Aktien langfristig immer gewinnt. Wenn man mit langfristig 10, 16 oder sogar 25 Jahre meint, kann man sich irren. Wer in den USA gerade im Jahr 1968 Aktien kaufte, musste 20 Jahre warten, um positiv aus dem Markt herauszukommen.
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Langfristig ist äußerst relativ und es ist keinesfalls gesichert, dass man wirklich automatisch Geld verdient, wenn man Aktien heute kauft und das nächste Mal in 20 Jahren nachsieht, was geschehen ist. Das ist die erste Lehre.

Die zweite Lehre bezieht sich auf die Inflation. Aktien gelten als Absicherung gegen Inflation. Es gibt Beispiele, in denen das zutrifft (Argentinien) und Beispiele, in denen es überhaupt nicht zutrifft (70er Jahre USA). Je entwickelter und gesättigter ein Markt ist, desto schwieriger ist es für Unternehmen auf einen Inflationsanstieg zu reagieren und die Preissteigerungen an Kunden weiterzugeben. Ein Inflationsanstieg in der westlichen Welt bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit sinkende Margen.

Nun haben wir eine niedrige Inflationsrate, niedrige Zinsen und niedriges, dafür aber stabiles Wachstum. Historisch waren solche Bedingungen für Aktien die besten. Zudem sorgen sich Anleger angestrengt über den Brexit, die EU usw. Am meisten steigen Aktien, wenn Anleger skeptisch, aber die Rahmenbedingungen gut sind – so wie jetzt.

Clemens Schmale

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