Das zentrale Thema von 2005 unter den Marktteilnehmern an den wichtigen Aktien- und Rentenmärkten wird stark polarisiert fortgesetzt: Einige betrachten den Konjunkturzyklus als abgeschlossen, andere rechnen damit, dass er sich noch länger hinzieht und die Zinsen ihren höchsten Stand erst in einigen Jahren erreichen werden. Wir teilen letztere Auffassung. Unseres Erachtens halten sehr starke strukturelle Einflüsse die Inflation weltweit in Schach und handelte es sich bei der jüngsten Panikattacke wegen der Rohstoffpreise um ein branchenspezifisches Ereignis.

Sieht man von der Angebotsknappheit im Rohstoffsektor einmal ab, so stehen weltweit mehr als genügend Kapazitäten in der Industrie zur Verfügung, und die Arbeitsmärkte haben immer noch nicht den Zustrom von weltweit zwei Milliarden neuen Arbeitskräften verdaut. Zudem sind die Maßnahmen der wichtigen Zentralbanken im Großen und Ganzen deutlich transparenter geworden. Der erste Faktor bedeutet vermutlich, dass latente inflationäre Tendenzen in diesem Zyklus länger unter Kontrolle gehalten werden können als die Märkte in der Regel erwarten. Das heißt womöglich auch, dass die Zentralbanken in Bezug auf ihre Inflationsziele eine relativ offene Haltung einnehmen und an den Anleihemärkten somit keine hohen Risikoaufschläge wie in der jüngsten Vergangenheit gezahlt werden müssen.

Wir sind vor diesem Hintergrund der Auffassung, dass Verkaufswellen aufgrund von Befürchtungen eines Endes des Konjunkturzyklus oder eines starken Anstiegs der Zinsprognosen Kaufgelegenheiten für Aktienanleger darstellen könnten. Wir tendieren derzeit leicht zu Aktien statt zu Anleihen und würden niedrige Kurse nutzen, um diese Ausrichtung zu verstärken.

An den Aktienmärkten bevorzugen wir auch 2006 die vergleichsweise schneller wachsenden asiatischen Länder, einschließlich Japan, gegenüber den reiferen westlichen Märkten mit geringerem Wachstum. Neben dem Auf und Ab in der Geldpolitik sehen sich insbesondere Marktteilnehmer am US-Aktienmarkt im kommenden Jahr weiteren Risiken gegenüber gestellt. Diese beschränken sich nicht allein auf die verzögerte Auswirkung der jüngsten Zinserhöhung der Fed auf Hypothekenzahlungen und die Schwierigkeit, die schon jetzt rekordverdächtigen Gewinnmargen noch weiter zu steigern.

Außerhalb der USA sehen wir genügend Spielraum für Gewinnmargenverbesserungen in Japan, wo tief greifende Umstrukturierungen und positives Umsatzwachstum endlich Erfolge zeigen. Im asiatischen Raum schreibt China wieder hohe Wachstumsraten, während sich Taiwan und Korea weiter verbessern dürften. Obwohl Hongkong und Singapur eine erfreuliche Wachstumsentwicklung zeigen sollten, könnte diese im Vergleich zu den Nachbarländern eher bescheiden erscheinen.

Auch in Europa könnten 2006 die Gewinne ansehnlich gesteigert werden, wenn auch die schwache Verbrauchernachfrage und der schleppende Reformprozess auf politischer Ebene eine deutliche Belastung darstellen dürften. Positiver sind wir im Vergleich hinsichtlich Großbritanniens eingestellt. Hier ist mit einer Lockerung der Zinszügel zu rechnen, auch wenn diese aufgrund der fast erreichten Vollbeschäftigung nur gering sein wird. Geringere wirtschafspolitische Impulse als in der Vergangenheit dürften zu einer Wachstumsverlangsamung auf 1,5% bis 2,0% führen. Dem gegenüber stehen jedoch nach wie vor günstige Bewertungen am Aktienmarkt, der 2006 von Buyouts und ausländischen Erträgen profitieren dürfte.

Quelle: Baring Asset Management