In dieser Woche habe ich einmal im Blätterwald gestöbert und mir angesehen, was die Kollegen in Sachen Finanzkrise so alles zusammenschreiben. Eigentlich hätte ich mir die Mühe sparen können, denn das Ergebnis war vorherzusehen: Bis auf ganz wenige Ausnahmen halten die meisten Experten der Finanzbranche die aktuellen Ereignisse zwar durchaus für ernst, in jedem Fall aber für beherrschbar – sofern nur die richtigen Schritte eingeleitet werden.

Genau daran hapert es zwar seit Ausbruch der Krise im Sommer 2007 auf allen Kanälen, aber hier setzt man offenbar darauf, dass die Politiker die Lehren aus den Ereignissen gezogen haben. Tatsächlich genügt ein einziger Blick in die täglichen Nachrichtensendungen, um sich binnen kürzester Zeit vom Gegenteil zu überzeugen...

Was die wenigsten Kollegen auch nur andenken, das ist ein nahender Systemkollaps, eine Neuordnung des Finanzsystems und ähnliche Dinge. Man bleibt sich treu: Wer als Anbieter von Finanzdienstleistungen gute Geschäfte machen will, der muss die Leute auch in Crashphasen bei Laune halten. Das war schon immer so, und das wird sich vermutlich erst ändern, wenn auch der Letzte kapiert hat, dass wir es mit einer ausgewachsenen Systemkrise zu tun haben, die sich einer Heilung durch die klassischen Medikamente, wie etwa billige Kredite und niedrige Zinsen, nun schon seit gut vier Jahren beharrlich widersetzt.

Wer daher Augen im Kopf hat, um zu sehen, was mit großen Lettern überall angeschrieben steht, der sollte den Expertenmeinungen noch mehr misstrauen als sonst. Das übliche Beschwichtigungsgeschwafel wird uns jedenfalls nicht aus dieser Krise führen. Peter Sloterdijk hat den Zustand in der Politik kürzlich sehr treffend beschrieben: „Überforderung auf offener Bühne“. Was für ein prächtiges Bild. Und nirgends sind Kräfte in Sicht, die diesen Zustand ändern könnten....

Wir wagen daher die Prognose, dass die kommenden drei bis vier Jahre auf politischer, wirtschaftlicher und sozialer Ebene tief greifende Veränderungen mit sich bringen werden – ausgelöst von einem Zusammenbruch des bestehenden Weltfinanzsystems. Dabei wird, um gleich noch ein Bild zu bemühen, kein Stein auf dem anderen bleiben...

Man muss auch keineswegs in Harvard oder Oxford studiert haben, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Der gesunde Menschenverstand reicht vollkommen aus. Überall um uns herum gibt es Anzeichen dafür, dass dieses System so nicht weiter bestehen wird. Wenn etwa die Europäische Zentralbank (EZB), einst als Nachfolgerin der stabilitätsorientierten Bundesbank ins Leben gerufen, zu einer Händlerin für europäische Ramschanleihen verkommt, und in der Folge die Protagonisten eines stabilen Euro scharenweise das Weite suchen, dann ist auch dies Ausdruck einer historisch einzigartigen Krise.

Das politische Possenspiel um den nahenden Zerfall der Gemeinschaftswährung, das die FDP jetzt geschickt zu ihren Gunsten nutzt, ist ein weiterer Beleg dafür, dass wir vor sehr weit reichenden Veränderungen stehen: Es ist schon heute absehbar, dass die Länder in der südlichen Euro-Peripherie ihre nationalen Währungen wieder einführen werden – das werden sie müssen, weil sie anders gar keine Chance haben, ihre Wettbewerbsfähigkeit wieder zu erlangen. Es wäre hilfreich, wenn die Politik das endlich ausspricht, anstatt weitere Steuermilliarden ins Feuer zu werfen.

Man wird dieses Geld noch dringend benötigen. Spätestens dann, wenn diejenigen Dinge aufbrechen, die gerade ansatzweise sichtbar werden: Bei den Banken weltweit rufen die Kursverläufe derzeit mit hysterischer Stimme „Finger weg“!

Der Grund ist ganz einfach: Die US-amerikanische Großbank J. P. Morgan (JPM) etwa, nur als Beispiel, hat Derivate und sonstige „finanzmathematischen Kunstprodukte“ im Wert von ungefähr 91.000 Milliarden US-Dollar in ihren Büchern stehen – das übersteigt die Weltwirtschaftsleistung eines Jahres um rund 50 Prozent und entspricht grob gerechnet dem Sechsfachen des US-amerikanischen Bruttoinlandsprodukts.

Lehman Brothers kam vor der Pleite im Herbst 2008 nicht einmal auf ein Zehntel dieser Bestände. Daraus folgt: Sollte JP Morgan kippen, dann werden wir eine Banken- und Finanzkrise sehen, dagegen werden sich die Ereignisse vom Herbst 2008 wie ein Kindergeburtstag ausnehmen. Und wer glaubt, diese Bank könne irgendjemand „retten“, der soll ruhig weiter träumen.

Oder die Bank of America (BAC): Das Finanzinstitut will demnächst 30.000 seiner 288.000 Mitarbeiter entlassen. Das kann man einfach so zur Kenntnis nehmen – oder aber man kann sich einmal fragen, warum die größte US-amerikanische Bank zu diesem Schritt gezwungen ist und was das möglicherweise für die Branche bedeutet: Die Bank macht Verluste, und nicht zu knapp. Im ersten Halbjahr waren es 7,4 Milliarden US-Dollar.

Und bei der Schweizer Großbank UBS (CH0024899483) verursacht ein zockender Händler einen Schaden von zwei Milliarden US-Dollar. 2.000 Millionen, die sich mal eben in Luft auflösen. Natürlich beeilt sich die Bank, darauf hinzuweisen, dass Kundengelder nicht betroffen sind. Zweifel sind erlaubt...

Sieht man genauer hin, erkennt man hier eine unheilvolle Entwicklung: Seit 17 Quartalen steigt die Zahl der Problembanken in den USA - in jüngster Zeit erwischt es auch die großen Häuser. Wenn kein Wunder geschieht, dann wird sich dieser Trend in den kommenden Monaten noch beschleunigen. Flankiert werden diese Ereignisse durch die Zuspitzung der Lage bei einigen französischen Großbanken. Société Générale (FR0000130809) und Crédit Agricole (FR000004507) wurden in dieser Woche herabgestuft.

http://www.zeit.de/wirtschaft/unternehmen/2011-09/moodys-banken-frankreich

Herabgestuft! Banken, denen die Menschen ihr Geld anvertrauen, sind also immer weniger vertauenswürdig. Wir dürfen daran erinnern, dass ein wirtschaftlicher Aufschwung ohne eine Beteiligung des Finanzsektors eine Illusion ist. Zum Kursverlauf der Société Générale muss man nicht viel sagen. Das sieht auch ein Blinder, dass hier alles hinüber ist:

Was sich hier anbahnt? So genau weiß das niemand. Klar ist aber, dass es eine Rettung der Finanzhäuser durch die Regierungen nicht noch einmal geben wird. Es ist schlicht kein Geld mehr da.

Die Masse der Menschen scheint das auch zu spüren: 80 Prozent der Bundesbürger sind der Ansicht, dass der schlimmste Teil der Finanzkrise erst noch bevorsteht. Es ist übrigens ein weit verbreiteter Irrtum, dass die Masse immer verkehrt liegt. Das Gegenteil ist richtig: Die Masse liegt fast immer richtig, genau aus diesem Grund bilden sich Trends – erst an den entscheidenden Wendepunkte des Geschehens liegt die Masse immer verkehrt. Die Frage ist deshalb, ob die Lage bei den Banken schon so dramatisch ist, dass man aus antizyklischer Sicht eine Besserung erwarten darf. Das sollte man besser bleiben lassen: Ins Lager der Optimisten zu wechseln macht erst dann Sinn, wenn ansatzweise erkennbar ist, welche Finanzhäuser den kommenden Sturm überleben werden.

Neben weitgehend nutzlosem Börsengeschwafel lassen sich daraus ganz praktische Hinweise ableiten: Wer etwa bei einem Finanzinstitut beschäftigt ist, der ist gut beraten, die aktuelle Lage genau zu verfolgen. Ein Job in der Investment-Abteilung einer Großbank etwa galt bis vor nicht allzu langer Zeit als einer der begehrtesten Jobs unter Studienabsolventen. Man konnte dort gut verdienen. Sehr gut sogar. Doch die jungen Leute sollten es sich künftig lieber zweimal überlegen, ob sie auf einem solchen Feuerstuhl Platz nehmen wollen. Wer schon in diesem Bereich tätig ist, der tut gut daran, sich nach einer neuen Aufgabe umzusehen.

Das ist mein voller Ernst: Wir werden in den kommenden Jahren im Finanzsektor einen Konsolidierungsprozess sehen, den viele Banken nicht überleben werden. Die Lawine wurde im Herbst 2008 losgetreten und sie wird wegen des Zinseszinseffekts jetzt immer größer. Der Bereinigungsprozess, der dadurch ausgelöst wird, wird den Menschen klar machen, dass ein Finanz- und Wirtschaftssystem dauerhaft nur funktionieren kann, wenn die Tätigkeit der Banken auf deren eigentliche Aufgabe beschränkt bleibt: Auf die Vergabe von Krediten an die Realwirtschaft.

Hanebüchener Unsinn, wie etwa der Hochgeschwindigkeitshandel, wird deshalb in der Versenkung verschwinden. Diese flippigen Börsengeschäfte, bei denen Hochleistungscomputer im Millisekundenbereich Aktien kaufen und sofort wieder abstoßen, sind zwar frei von jedem volkswirtschaftlichen Nutzen, liefern an den großen europäischen Handelsplätzen inzwischen aber rund 50 Prozent der Aufträge. In den USA sind es 70 Prozent!. Auch dies ist Ausdruck eines Systems, das an sich selbst krankt. Unnötig zu erwähnen, dass sich die Banken an diesem überflüssigen Schwachsinn eine goldene Nase verdienen, allen voran Goldman Sachs.

Auch viele Zockereien mit Derivaten wird es in Zukunft nicht mehr geben. Und man darf die berechtigte Frage stellen, was schlimm daran sein soll, wenn solcher Unfug eingestampft wird. Nichts ist schlimm daran. Einige werden allerdings wieder richtig arbeiten müssen, anstatt mit anderer Leute Geld herumzuspielen.

Natürlich geschehen solche Veränderungen nicht über Nacht und sie kommen vor allem nicht geräuschlos und „schmerzfrei“ daher. Trotzdem sind sie meiner Ansicht nach unausweichlich. Die Krise unseres Finanzsystems ist da, sie beschleunigt sich jetzt und sie wird immer offensichtlicher. Man muss nur die Augen aufmachen, um das zu erkennen.

Warum wir jetzt trotzdem nicht den Kopf in den Sand stecken? Weil jede Krise irgendwann einmal vorbei ist, weil Pessimismus noch nie ein guter Ratgeber war (Realismus dagegen schon) - und weil sich gerade in schwierigen Zeiten immer wieder herausragende Chancen bieten.

Bald könnte es wieder so weit sein: Im Schulterschluss mit dem Dow Jones und dem US-amerikanischen Transportindex hat der S&P 500 in dieser Woche das Lager gewechselt: Die Bullen haben übernommen, wie die folgende Grafik zeigt.

Man muss deshalb jetzt nicht mit Mann und Maus auf steigende Kurse setzen, sollte sich bei Short-Engagements aber vorsehen. Nach dem schwachen August ist es gut möglich, dass kurzfristig einige saisonale Komponenten Oberhand gewinnen. 2011 ist ein Vorwahljahr im US-amerikanischen Präsidentschaftszyklus. Und in Vorwahljahren schneiden die Börsen meist ganz passabel ab...


Mehr dazu in der September-Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die vor wenigen Tagen erschienen ist.

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Zum Autor:
Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG, und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de und www.antizyklischer-aktienclub.de