Man kann mehrere Erklärungsversuche bemühen, weshalb Anleger nicht entzückt auf neue Billionenhilfen für die Wirtschaft reagieren. Häufiger ist davon zu lesen, dass Anleger die Hilfen bereits erwartet und eingepreist haben. So recht glauben kann man an diese Erklärung nicht. Ohne die Mehrheit im Senat hätten die Demokraten keine Chance gehabt, so hohe Ausgaben durch den Kongress zu kriegen. Die Senatsmehrheit haben die Demokraten erst seit knapp zwei Wochen. Seither ist an der Börse unterm Strich wenig geschehen. Wenn Anleger also nicht schon im vorigen Jahr eine Glaskugel hatten und wussten, wer die Senatssitze in Georgia gewinnt, wurden die neuen Konjunkturhilfen noch nicht eingepreist. Eine andere Erklärung ist, dass der Markt nun einfach schon sehr weit gelaufen ist. Die Luft ist draußen, die Bewertung hoch und an Gewinnmitnahmen ist noch niemand verarmt. Es ist aber schon etwas merkwürdig, dass gerade dann Gewinnmitnahmen einsetzen, wenn neue Billionen für die Wirtschaft angekündigt werden...

Vielleicht liegt es daher auch an etwas ganz anderem. Will die US-Regierung weitere 2 Billionen zusätzlich ausgeben, muss das auch finanziert werden. Über Defizite macht sich derzeit niemand Gedanken. Die Notenbank selbst hat ja gesagt, die Regierung solle nicht knausrig sein.

Nun kauft die Notenbank nur noch für 80 Mrd. pro Monat Staatsanleihen. In den vergangenen 12 Monaten kaufte sie Anleihen im Volumen von 2,3 Billionen Dollar. Damit wurde das Defizit des Staates zu zwei Drittel finanziert. Die Jahresrate sinkt bald auf 880 Mrd. Die Defizite bleiben jedoch hoch. Die Lücke zwischen Anleihekäufen und Defizit wird immer größer (Grafik 1).


Betrachtet man die monatlichen Käufe (Grafik 2) sieht man, dass die Notenbank nach den Panikmonaten zu Beginn der Pandemie ihre Käufe tatsächlich stark reduziert hat. Geht man davon aus, dass die Käufe bis Ende 2022 bei 80 Mrd. pro Monat bleiben, klafft eine enorme Lücke zwischen diesen Käufen und dem Defizit.


Das nicht von der Notenbank finanzierte Defizit wird in diesem Jahr zwischen Mai und November erreicht. Es kommt darauf an, wann die zwei Billionen beschlossen werden und dann auch tatsächlich in die Wirtschaft fließen. Auf Jahressicht klafft dann eine Lücke von 2,5 Billionen Dollar (Grafik 3).


Irgendjemand muss diese Anleihen zeichnen. Derzeit sieht es danach aus, dass Investoren und Privatanleger das Defizit finanzieren müssen. Das ist sehr viel Liquidität, die dem Markt entzogen wird. Der Effekt ist so gravierend wie noch nie. Selbst als die Notenbank ihre Bilanz verkleinerte, musste der Markt nicht so viele Anleihen aufnehmen.

Die Liquiditätsschwemme wird ein Ende finden, wenn die Notenbank die Käufe nicht wesentlich aufstockt. Bevor der Liquiditätsentzug stattfindet, sind Gewinnmitnahmen sicherlich nicht verkehrt.

Clemens Schmale


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