Es ist ein verzwicktes Unterfangen, den Ausgang einer US-Wahl vorherzusagen. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Kommentars wächst sowohl bei Meinungsforschern als auch bei Investoren die Überzeugung, dass Biden einen ausreichend großen Vorsprung hat, um einen Sieg zu erringen. Wie können sich Anleger auf dieses Szenario einstellen?

Meines Erachtens wäre der kurzfristig schlechteste Ausgang für Investoren ein umstrittenes Wahlergebnis; das erste umstrittene Wahlergebnis seit dem Urteil des Obersten Gerichtshofs zugunsten von George W. Bush im Jahr 2000. Angesichts der verbesserten Umfrageergebnisse Bidens ist das Risiko dieses Worst-Case-Szenarios jedoch gesunken. Aber die Marktvolatilität wird zumindest so lange hoch bleiben, bis das Wahlergebnis definitiv feststeht. Portfolios kurzfristig für die Wahlen zu positionieren ist schwierig. Eine Beurteilung der längerfristigen Konsequenzen ist allerdings unerlässlich. Die wichtigsten Bereiche, die es zu analysieren gilt, sind Wirtschaftspolitik, Regulierung und Außenpolitik (insbesondere der Welthandel). Der entscheidende Faktor ist, ob wir eine "blaue Welle" erleben werden, bei dem die Demokraten die Präsidentschaft, das Repräsentantenhaus und den Senat gewinnen. Erst diese "blaue Welle" würde grundlegende Veränderungen ermöglichen.

Handelspolitik bleibt Risikofaktor – unabhängig vom Wahlausgang

Die handelspolitischen Auswirkungen eines Biden-Sieges sind nicht so eindeutig, wie man vielleicht denkt. Eine harte US-Politik gegenüber China, insbesondere in Bezug auf geistiges Eigentum und das Südchinesische Meer, gab es schon vor der Trump-Administration. Es ist davon auszugehen, dass die politische Risikoprämie wegen der globalen Handelsdispute unabhängig vom Wahlergebnis bestehen bleibt. Insbesondere wenn es den USA gelingt, China den Zugang zu geistigem Eigentum zu verwehren, das es benötigt, um zum Westen aufzuschließen, wird dies das potenzielle BIP-Wachstum in China verlangsamen und langfristig einen Dominoeffekt in der gesamten Region auslösen.

Gemäßigtere Außenpolitik unter Biden

Es gibt jedoch auch wesentliche Unterschiede, die wir erwarten. Erstens wird die Außenpolitik unter einer Biden-Administration eher hinter den Kulissen betrieben werden: weniger öffentlich, weniger unberechenbar. Dies verringert das Risiko für große Schlagzeilen, an die wir uns 2019 im Zusammenhang mit dem Welthandel gewöhnt haben, und dürfte infolgedessen die Marktvolatilität verringern. Dieser gelassenere Ansatz wird in der gesamten US-Außenpolitik zu spüren sein. Das Risiko einer Überreaktion oder eines Fehltritts in den Beziehungen zu China wird geringer sein. Deshalb sind wir für Aktien in China und der erweiterten Region positiv gestimmt.

Eine Biden-Administration dürfte wahrscheinlich auch eine engere Beziehung zur Europäischen Union aufbauen, besonders im Hinblick auf die Politik gegenüber Russland und dem Nahen Osten. Konkrete Maßnahmen sind allerdings unwahrscheinlich. Das Vereinigte Königreich dagegen kann wohl weniger Hilfe von einer demokratischen US-Regierung erwarten während es am Brexit arbeitet. Die US-Einwanderungspolitik unter Biden dürfte weniger restriktiv sein, was sich langfristig positiv auf das US-BIP-Wachstum auswirken sollte.

Regulierung von Big Tech: Biden-Regierung will neuen Ton anschlagen

Der zweite wichtige Unterschied, den eine Biden-Präsidentschaft mit sich bringen würde, ist die Regulierung in den Bereichen Technologie, Umwelt und Gesundheitswesen. Alle drei Bereiche sind für die linke Seite der demokratischen Partei von zentraler Bedeutung und wurden in den Vorwahldebatten Anfang des Jahres heiß diskutiert. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eine Biden-Administration am Ende weniger erreichen wird als erhofft, denn wir haben in den Vorwahldebatten bereits mehrere Meinungsumschwünge um politische Ziele gesehen.

Die Wirtschaft wird in einem fragilen Zustand verharren, bis sie sich von der diesjährigen Rezession erholt hat. In dieser Zeit wird es schwierig die Gänse zu schlachten, die die goldenen Eier in der US-Wirtschaft legen. Größere Veränderungen werden wahrscheinlich auf juristischen Widerstand stoßen. Wir glauben daher nicht an radikale Veränderungen. Aber eine Biden-Regierung würde nach der aggressiven Deregulierung von Trump einen neuen Ton anschlagen: Insbesondere gibt es Spielraum für eine höhere Besteuerung von Big Tech, ohne die US-Dominanz auf diesem Markt zu schwächen. Dennoch bleiben wir vorerst bei unserer Präferenz für qualitativ hochwertigere US-Vermögenswerte, einschließlich Technologie. Unserer Ansicht nach dürfte sich die oligopolistische Marktmacht, die viele dieser großen Unternehmen genießen, kaum wesentlich ändern. Das Wachstum der USA wird wahrscheinlich den Rest der westlichen Welt weiterhin übertrumpfen.

Potenzial für Rückkehr der Inflation in die US-Wirtschaft

Schließlich gilt es, die Geld- und Finanzpolitik zu beurteilen. Wir halten die Befürchtungen vor einer radikaleren Ausrichtung der Bankenregulierung, vielleicht sogar vor der Übernahme des Fed-Vorsitzes durch Elizabeth Warren, für unbegründet. Die Geldpolitik wird wahrscheinlich in der von Yellen und Powell vorgegebenen Richtung weitergeführt. Es ist unwahrscheinlich, dass das Finanzpaket, über das gerade verhandelt wird, die erforderliche parteiübergreifende Mehrheit noch vor der Wahl erreichen wird. Aber es wird wahrscheinlich nach der Wahl folgen, unabhängig davon wer gewinnt. Im Falle einer "blauen Welle", können wir davon ausgehen, dass dieses Paket größer und stärker umverteilend sein und letztlich eine stärkere inflationäre Wirkung haben wird. Eine Kombination aus der Überprüfung der Fed-Instrumente und der Umsetzung eines demokratischen Konjunkturpakets könnte die beste Chance seit Jahren für eine Rückkehr der Inflation in die US-Wirtschaft sein. Das hätte tiefgreifende Folgen für Anleger: steilere Zinskurven, potenziell höhere Zinssätze und bessere Aussichten für zyklische Vermögenswerte. Dies ist jedoch Zukunftsmusik. Vorerst kämpft die Welt weiterhin gegen die deflationären Auswirkungen des Nachfrageschocks, der durch die Pandemie verursacht wurde. Wenn aber mittelfristig ein stärker inflationäres Umfeld einträte, wären die Auswirkungen auf die Portfoliopositionierung dramatisch.