Brasilia (Godmode-Trader.de) - In Brasilien zieht Jair Bolsonaro mit einem klaren Vorsprung in die Stichwahl um das Präsidentenamt ein. Der 63-jährige errang am Sonntag in der ersten Wahlrunde 46 Prozent der Stimmen und verfehlte damit nur knapp die absolute Mehrheit. Sein stärkster Konkurrent Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei kam auf 29 Prozent. „Das war ein grosser Sieg", sagte Bolsonaro. Er rief seine Anhänger auf, ihm in der Stichwahl am 28. Oktober die Treue zu halten.

    Wirtschaftlich steht Bolsonaro für einen eher neoliberalen Kurs. Bei seinem Auftritt nach der ersten Wahlrunde versprach er eine Senkung der Lohnsteuer. Staatsbetriebe würden unter seiner Präsidentschaft privatisiert oder „ausgelöscht". Fabrikbesitzer will er von staatlichem Druck befreien und sein Kabinett auf maximal 15 Minister begrenzen.

    Nach Ansicht von Philippe Waechter, Chefvolkswirt des französischen Investmenthauses „Ostrum Asset Management“, liegt die Erklärung für das gute Ergebnis von Jair Bolsonara bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen in der wirtschaftlichen Situation Brasiliens. „Die brasilianische Wirtschaft leidet seit 2014 unter dem Verfall der Rohstoffpreise. Die Rezession in den Jahren 2014, 2015 und 2016 dauerte sehr lange, gefolgt von einer glanzlosen Erholung, die eher eine Stabilisierung als eine echte Erholung war“. Das BIP habe im zweiten Quartal 2018 immer noch 6 Prozent unter dem Wert des ersten Quartals 2014.

    Brasilien hat die Rezession in der Tat hinter sich gelassen. Mit Wachstumsraten von einem Prozent im vergangenen Jahr und schätzungsweise knapp zwei Prozent in diesem reicht es aber nicht für den Glanz vergangener Zeiten. Die Beschäftigung ist nicht auf das Niveau von 2015 zurückgekehrt, insbesondere im Dienstleistungssektor. Der andere Punkt ist, dass die Inflation sprunghaft angestiegen ist und sich die Kaufkraft verschlechterte, da die Löhne nicht folgten. Auch büßte die Landeswährung Real in den vergangenen Monaten deutlich an Wert ein. „Nicht alle Kennzahlen in Brasilien sind schlecht“, sagt Marian Heller, Portfoliomanager im Asset Management der BKC. Die Auslandsverschuldung sei relativ gering, die Inflation niedrig und das Leistungsbilanzdefizit in den letzten Jahren deutlich zurückgekommen. „Allerdings muss das brasilianische Volk derzeit schmerzlich erfahren, dass nicht dauerhaft zulasten der Zukunft regiert und gelebt werden kann“, so Heller.

    Laut „Ostrum-Manager Waechter hat der neue Präsident eine schwierige Aufgabe vor sich, „da das Land sehr hohe Erwartungen hat, die Wirtschaft jedoch nach wie vor sehr wackelig ist, und die jüngsten Berichte darauf hindeuteten, dass das Rezessionsrisiko hoch bleibt. Waechter: „Brasilien muss erst wieder aufgebaut werden, was ein langwieriger Prozess sein wird. Es besteht die Gefahr, dass der Wandel nicht schnell genug geht, um die brasilianischen Wähler zufrieden zu stellen, während gleichzeitig die Behörden dann eine härtere Linie zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung verfolgen werden“.