Seit den Zinstiefs Anfang des Sommers hat sich viel getan. Damals lag die Rendite 10-jähriger US-Anleihen bei 1,37 %. Heute steht die Rendite bei 2,21 %. Das entspricht einem Anstieg von 60 %. Man muss nicht lange rechnen, um zu erkennen, dass das nicht nur ein großer, sondern gigantischer Sprung nach oben ist.

Ein Zinsniveau von 2,21 % ist immer noch niedrig. Mitte 2015 lag der Zins bei 2,5 % und Ende 2013 bei 3 %. Die Zinsen, die wir 2016 bisher gewöhnt waren, waren absolute Ausnahmeerscheinungen. Damit ist es nun vorläufig vorbei. Auch in Deutschland sind die Renditen 10-jähriger Papiere massiv gestiegen. Konnte sich der Staat im Sommer noch mit -0,18 % neu verschulden, muss er heute 0,3 % berappen.

Das, was da gerade vor sich geht, wirkt wie ein unkontrollierter Selloff. Das gilt insbesondere für die USA. Im Vergleich zu den letzten Jahren (Grafik 1) sind die Zinsen immer noch zumutbar. Man muss aufgrund des Zinsanstiegs nicht befürchten, dass Staaten gleich reihenweise bankrott gehen. Es ist auch nicht so sehr das absolute Zinsniveau, welches Sorgen bereitet, sondern die Geschwindigkeit des Anstiegs.

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Über den Sommer hat sich ein Zinstief gebildet. Aus dieser Bodenbildung im Schneckentempo ist nun ein großer Selloff geworden. Geht die Flucht aus Anleihen so weiter, dann bricht noch der ganze Markt zusammen. Das kann weltweit von einem Land zum nächsten überschwappen, den Aktienmarkt erfassen und letztlich zu einer großen Risikoaversion führen. Keinem ist damit geholfen. Muss man sich deswegen nun fürchten? Platzt gerade die berühmte Anleihenblase, die die Weltmärkte in Schieflage bringt?

Zum aktuellen Zeitpunkt kann man das klar verneinen. Die Anleiheblase platzt nicht. Der rasante Anstieg der Nominalrenditen erweckt auf den ersten Blick diesen Eindruck. Auf den zweiten Blick ist es gar nicht so dramatisch. Grafik 2 zeigt dazu den Renditenanstieg inflationsindexierter US-Anleihen seit den Rekordtiefs Anfang Juli. Über die gesamte Zinskurve hinweg lag der Anstieg bei 0,34 % bis 0,36 %. Die Nominalzinsen sind hingegen um 0,84 % angestiegen. Das ist eine erhebliche Differenz.

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Diese Differenz ist die Inflationserwartung. Die Renditendifferenz zwischen nominalen und inflationsgebundenen Anleihen ergeben die Inflationserwartung. Diese ist innerhalb kurzer Zeit deutlich angestiegen. Der Großteil des Zinsanstiegs ist also auf die Anpassung der Inflationserwartungen zurückzuführen und nicht darauf, dass Anleger den Staaten ihr Vertrauen entziehen und plötzlich erkannt haben, dass die Schuldenberge nicht nachhaltig sind.

Das ist ein riesiger Unterschied. Was wir gerade sehen ist die Anpassung von Inflationserwartungen. Nichts anderes. Solange die Realzinsen nicht explodieren würde ich mir keine ernsthaften Sorgen machen. Die Renditen sinken relativ schnell wieder, wenn Anleger erkennen, dass sie das Tempo und das Ausmaß der Reflationierung überschätzen.