Warren Buffett ist eine lebende Legende. Mit seiner Beteligungsgesellschaft Berkshire Hathaway hat der US-Amerikaner in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur deutlich besser abgeschnitten als der Gesamtmarkt, sondern auch alle anderen Investmentmanager mit einem öffentlich verfügbaren Track-Record von mehr als 30 Jahren übertroffen. Mit einem geschätzten Vermögen von 74,2 Milliarden Dollar ist Buffett heute der zweitreichste Mensch der Welt. Den allergrößten Teil seines Vermögens hat Buffett für die Zeit nach seinem Tod gemeinnützigen Organisationen vermacht.

    Warren Buffetts Investmentansatz basiert auf dem sogenannten Value Investing, das von Benjamin Graham, bei dem der junge Buffett einst studierte und für den er arbeitete, erfunden wurde. Das Value Investing basiert darauf, in Aktien zu investieren, die im Verhältnis zu ihrem fundamentalen Wert aktuell niedrig bewertet sind. Buffett hat den Value-Ansatz allerdings weiterentwickelt und in seinen Investmententscheidungen zunehmend auch qualitative Faktoren berücksichtigt.

    In seinem Brief an die Aktionäre aus dem Jahr 2014 hat Buffett sechs Kriterien benannt, die erfüllt sein müssen, dass Berkshire Hathaway am Kauf eines Unternehmens interessiert ist. Buffetts Kriterien gelten ausdrücklich für den Kauf eines ganzen, nicht-börsennotierten Unternehmens durch Berkshire Hathaway. Aber Buffett selbst hat an anderer Stelle immer wieder betont, dass Anleger beim Aktienkauf genau so vorgehen sollten, wie wenn sie ein ganzes Unternehmen erwerben würden. Denn Aktien sind nichts anderes als Anteilsscheine eines Unternehmens. Wer eine Aktie kauft, erwirbt schließlich einen Anteil an einem Unternehmen.

    Diese sechs Kriterien müssen laut Buffett erfüllt sein

    • "Große Zukäufe"
      Erläuterung: Dieses Kriterium ist für Privatanleger eher nicht relevant. Wegen der schieren Größe ist Berkshire Hathaway inzwischen nur noch an größeren Zukäufen ab einem Vorsteuergewinn von jährlich 75 Mio. Dollar interessiert. Alles andere würde sich schlicht nicht mehr lohnen.
    • "Bewiesene, beständige Gewinnkraft. (Erwartungen für die Zukunft interessieren uns nicht, ebensowenig "Turnaround"-Situationen)."
      Erläuterung: Buffett ist an Unternehmen interessiert, die seit Langem Jahr für Jahr einen berechenbaren (und idealerweise sogar wachsenden) Gewinn erwirtschaften. Auf rosige Wachstumsprognosen für die Zukunft, die nichts mit der Entwicklung in der Vergangenheit zu tun haben, gibt Buffett nichts.
    • "Unternehmen, die gute Eigenkapitalrenditen erwirtschaften bei keiner oder nur geringer Verschuldung."
      Erläuterung: Entscheidend sind beide genannte Faktoren. Eine hohe Eigenkapitalrendite lässt sich auch erzielen, indem wenig Eigenkapital vorgehalten wird und die Geschäftstätigkeit überwiegend schuldenfinanziert ist. Unter der Voraussetzung einer geringen Verschuldung ist eine hohe Eigenkapitalrendite ein Indiz dafür, dass ein Unternehmen eine starke Marktposition hat und damit auch über "pricing power", also Preissetzungsmacht, verfügt. Und genau solche Unternehmen sucht Buffett, wie er an anderer Stelle erläutert hat.
    • "Management bleibt an Bord"
      Erläuterung: Nicht relevant für Privatanleger. Buffett will keine Unternehmen aufkaufen, für die er ein neues Management einsetzen muss. Relevant für Privatanleger ist allerdings, dass das Management vor allem am Wohl der Aktionäre und nicht in erster Linie an seinem eigenen Wohl interessiert sein sollte. Auch darauf achtet Buffett, wie er an anderer Stelle erläutert hat.
    • "Einfaches Geschäftsmodell (Wenn zu viel Technologie involviert ist, verstehen wir es nicht)."
      Erläuterung: Buffett hat immer wieder betont, dass Anleger nur in Unternehmen investieren sollten, deren Geschäftsmodell sie auch verstehen und damit beurteilen können. Buffett selbst hat immer wieder in Unternehmen mit sehr einfachen Geschäftsmodellen, insbesondere Konsumgüterhersteller, investiert. Paradebeispiele sind der Softdrinkhersteller Coca-Cola oder der Ketchupproduzent Kraft Heinz, die seit vielen Jahren zu den größten Positionen von Buffett gehören. Diese stellen aus einfachsten und billigsten Zutaten unter geringem Kapitaleinsatz ein Produkt her, das zu einem Vielfachen der Herstellungskosten verkauft werden kann. Um Technologieunternehmen hat Buffett meist einen weiten Bogen gemacht.
    • "Ein Angebotspreis (wir wollen nicht unsere Zeit oder die des Verkäufers verschwenden, indem wir über eine Transaktion reden, wenn der Preis unbekannt ist)."
      Erläuterung: Als Value-Investor achtet Buffett natürlich darauf, nicht zu viel für ein Unternehmen zu zahlen. Allerdings ist Buffett die Unternehmensqualität wichtiger als der Kaufpreis, wie er an anderer Stelle betont hat.

    Buffett-Unternehmen mit dem Guidants-Screener finden

    Die von Buffett genannten Kriterien lassen sich insgesamt relativ gut auch mit dem Screener auf der Investment- und Analyseplattform Guidants abbilden. Im Folgenden wird eine Möglichkeit gezeigt. PROmax-Kunden erhalten die Screener-Vorlage auf meinem Guidants-Desktop im PROmax-Stream.

    • "Große Zukäufe": Wir schränken die Ergebnisse auf Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von mindestens 100 Mio. Euro ein. Das ist nicht identisch mit den Vorgaben Buffetts, schließt aber sogenannte Micro-Caps aus.
    • "Bewiesene, beständige Gewinnkraft": Dieses Kriterium lässt sich mit der Kennzahl "durchschnittliches Gewinnwachstum" abbilden. Wir geben vor, dass auf Sicht von fünf Jahren das Gewinnwachstum positiv gewesen sein muss, also die Gewinne nicht gesunken sein dürfen. Es lohnt sich allerdings auch ein manueller Blick auf die Gewinnhistorie (mit dem Guidants-Widget Fundamentalcharts).
    • "Unternehmen, die gute Eigenkapitalrenditen erwirtschaften bei keiner oder einer nur geringen Verschuldung.": Wir legen fest, dass die Eigenkapitalrendite mindestens bei 12 Prozent liegen soll. Die Vorgabe zur Verschuldung lässt sich über die Kennzahlen "Eigenkapitalquote" oder "Verschuldungsgrad" abbilden. Da bei börsennotierten Unternehmen die Verschuldung in der Regel deutlich höher ist und Buffett hier erfahrungsgemäß auch eine höhere Verschuldung akzeptiert, legen wir die Eigenkapitalquote "nur" auf mindestens 30 Prozent fest.
    • "Management bleibt an Bord": nicht relevant.
    • "Einfaches Geschäftsmodell (Wenn zu viel Technologie involviert ist, verstehen wir es nicht).": Der Screener liefert Informationen zur Branche und (genauer) zum Industriesektor, in dem ein Unternehmen tätig ist. Eine genaue Analyse des Geschäftsmodells muss natürlich manuell erfolgen.
    • "Ein Angebotspreis (wir wollen nicht unsere Zeit oder die des Verkäufers verschwenden, indem wir über eine Transaktion reden, wenn der Preis unbekannt ist).": Als einfaches Bewertungskriterium nehmen wir das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) mit auf und legen fest, dass es nicht über 16 liegen soll, obwohl Buffett selbst bei Unternehmen hoher Qualität teilweise auch deutlich höhere Bewertungen akzeptiert. Wir ignorieren außerdem alle Werte mit einem KGV unter 5, da hier oft eine Sondersituation vorliegt oder das angegebene KGV aus anderen Gründen unzuverlässig ist.

    Die Ergebnisliste sortieren wir absteigend nach der Marktkapitalisierung. Die folgende Grafik zeigt nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen, die unsere Interpretation der Buffett-Kriterien erfüllen. Insgesamt erfüllen 99 Werte die vorgegebenen Kriterien. In der Ergebnisliste tauchen einige Unternehmen auf, an denen Buffett tatsächlich beteiligt ist, etwa Apple, Wal-Mart, Phillips 66 oder Southwestern Airlines.

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    Wie gut aber stimmen die größten Positionen von Buffetts Investmentholding Berkshire Hathaway mit den genannten Kriterien überein? Die folgende Screener-Grafik zeigt die acht Aktienbeteiligungen von Berkshire Hathaway, die zuletzt mehr als zwei Prozent des Depotvolumens von Berkshire ausmachten. Bei einigen Kriterien ergibt sich eine recht gute Übereinstimmung mit den angesetzten Screener-Werten:

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    Von den acht größten Aktienpositionen von Berkshire Hathaway ergibt sich folgende Übereinstimmung mit unserer Kriterienliste:

    • Marktkapitalisierung: Wenig überraschend erfüllen alle großen Berkshire-Positionen die Vorgabe von "mehr als 100 Mio. Euro".
    • Gewinnentwicklung: 7 von 8 großen Berkshire-Positionen hatten in den vergangenen fünf Jahren eine positive Gewinnentwicklung. Das achte Unternehmen (Kraft Heinz) existierte in seiner jetzigen Form vor fünf Jahren noch nicht, da es erst 2015 aus einer Fusion hervorging.
    • Eigenkapitalrendite: 6 von 8 großen Berkshire-Positionen haben eine Eigenkapitalrendite von mehr als 10 Prozent.
    • Eigenkapitalquote: Hier liegt nur eine geringe Übereinstimmung vor. Bei großen Aktienbeteiligungen akzeptiert Buffett offensichtlich auch eine höhere Verschuldung (bzw. er definiert sie nicht über die Eigenkapitalquote). Klammert man die Finanzwerte aus, die alle deutlich geringere Eigenkapitalquoten haben, erfüllen nur 2 von 4 verbliebenen Werten das Kriterium einer Eigenkapitalquote von über 30 Prozent.
    • KGV: Nimmt man das erwartete KGV für 2017, haben 5 der 8 größten Buffett-Beteiligungen ein KGV zwischen 5 und 16.

    Fazit: Der Investmentansatz von Warren Buffett lässt sich mit quantitativen Vorgaben zwar nicht vollständig einfangen, aber doch einigermaßen. Quantitative Screenings nach den genannten Kriterien eignen sich auf jeden Fall dazu, mögliche Kaufkandidaten aufzuspüren, die auch Buffett gefallen dürften. Eine genauere Analyse "von Hand" wird dadurch aber nicht überflüssig.

    Buffett selbst hat übrigens die Erfahrung gemacht, dass ihm viele Unternehmen zum Kauf angeboten werden, die mit den von ihm benannten Kriterien wenig zu tun haben: "Wenn man einen Collie kaufen will, wird man von vielen Leuten angerufen, die einem ihren Cocker-Spaniel verkaufen wollen", schreibt Buffett im Aktionärsbrief des Jahres 2014.

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