In den USA des 19. Jahrhunderts war New York nicht nur die mit Abstand größte Stadt, sondern auch die unangefochtene Wirtschafts- und Finanzmetropole des aufstrebenden Landes. Und doch war es nicht in New York, sondern in Chicago, wo vor rund 150 Jahren Derivate-Geschichte geschrieben wurde. Aber von Anfang an: Mitte des 19. Jahrhunderts stieg das am Michigansee gelegene Chicago dank seiner Nähe zu den Kornkammern des Mittleren Westens zum Zentrum für Transport, Vertrieb und Handel von landwirtschaftlichen Produkten wie Getreide auf. Die Kaufleute von Chicago waren einfallsreich und geschäftstüchtig. Und sie erschufen mit der Chicago Board of Trade (CBOT) die erste professionelle und moderne Future-Börse der Welt.

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Startschuss im Jahr 1848

Gegründet wurde die CBOT zwar bereits im Jahr 1848, allerdings zunächst nicht als Terminbörse, sondern lediglich als zentraler Marktplatz für den Getreideaustausch. Doch schon sehr bald wurden an der CBOT auch Terminkontrakte auf landwirtschaftliche Güter gehandelt. Diese Forwards erlaubten es den Landwirten, ihre Ernte gegen einen vorab vereinbarten Preis an einen Abnehmer auf Termin zu verkaufen. Jedoch waren diese Kontrakte nicht nach Qualität und Lieferzeit standardisiert, was den Handel erschwerte. Auch kam es häufig vor, dass einer der Kontrahenten seinen Verpflichtungen aus dem Forward nicht nachkommen konnte. Das schreckte viele Akteure ab.

Geburtsstunde des Future-Handels

Um die Ausfallrisiken zu reduzieren und den Handel in geregelte Bahnen zu lenken, wurden an der CBOT eine Reihe von Neuerungen eingeführt. So wurde zum Beispiel im Jahr 1858 eine Abteilung gegründet, die für die Klassifizierung und Zertifizierung von Getreidesorten zuständig war. Ab dem Jahr 1865 folgte die nächste Innovationswelle. Zunächst wurden speziell für Terminkontrakte auf Agrarrohstoffe festgelegte Gebiete definiert. Dann wurden die Verträge hinsichtlich der Qualität, der Menge sowie des Zeitpunkts und Orts der Lieferung vereinheitlicht. Parallel zur Standardisierung erfolgte die Einführung einer Clearingstelle, die einsprang, wenn Clearing-Mitglieder ihren Verpflichtungen nicht nachkommen konnten. Schließlich wurde auch ein Margin-System etabliert. Die Margin ist eine Sicherheitsleistung, um Verluste von Nicht-Clearing-Mitgliedern abzudecken. All diese Punkte legten die Basis für den professionellen Handel mit Futures.

Investoren auf der Suche nach Profit

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in den USA weitere wichtige Terminbörsen wie die Chicago Mercantile Exchange (vormals Chicago Butter and Egg Board) oder die NYMEX (vormals Butter and Cheese Exchange of New York). Die Future-Kontrakte an diesen Marktplätzen bezogen sich zunächst ausschließlich auf landwirtschaftliche Produkte wie Weizen, Mais, Sojabohnen oder Schweinebäuche oder daraus abgeleitete Waren wie Eier, Butter oder Käse. Auch war damals die Absicherung noch das beherrschende Handelsmotiv. Doch schon bald tummelten sich auch immer mehr Investoren an den US-Terminbörsen. Für sie stand nicht die physische Lieferung im Vordergrund. Ihr Ziel war und ist es, von der Preisentwicklung der zugrundeliegenden Waren zu profitieren.

Futures auf dem Vormarsch

Anfangs noch auf Agrargüter beschränkt, expandierte das Anlageuniversum an den US-Future-Börsen im Laufe der Zeit immer mehr. So wurden im Jahr 1972 an der der Chicago Mercantile Exchange (CME) die ersten Währungsfutures gehandelt: Kurz darauf, im Jahr 1975, konnten an der CBOT erstmals auch Zinskontrakte getradet werden. In den 1980er-Jahren feierten schließlich auch Futures auf Aktienindizes ihr Debüt. Den Urahn aller Future-Börsen, die CBOT, gibt es heute als eigenständige Gesellschaft zwar nicht mehr. Dennoch lebt sie als Teil der CME Group weiter fort. Die Fusion erfolgte im Jahr 2007. Ein Jahr später wurde auch die NYMEX von der Gruppe übernommen. Durch diese Zusammenschlüsse stieg die vereinigte CME zur führenden Derivatebörse der Welt auf. Weitere bedeutende Terminmärkte sind die ICE (Intercontinental Exchange), die Eurex sowie die LME (London Metal Exchange). Wie verbreitet der Future-Handel mittlerweile ist, zeigt folgende Zahl: Allein im vergangenen Jahr wurden nach Angaben der Future Industry Association (FIA) an den Terminbörsen weltweit 17,15 Milliarden Future-Kontrakte gehandelt. Nimmt man Optionen hinzu, waren es sogar 30,28 Milliarden Kontrakte. Die meisten davon, 4,84 Milliarden Stück, bei der CME Group.

Terminmmarkt wird elektronisch

Der Terminhandel erfolgt heute nicht mehr auf dem Parkett, sondern ist weitgehend auf elektronische Systeme umgestellt. Für Privatanleger war der Zugang zu den Terminbörsen seither sehr eingeschränkt, ist aber auch schon lange nicht mehr nötig. Denn es gibt heute auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Derivate an den klassischen Aktienbörsen. Ein Paradebeispiel hierfür stellen Optionsscheine dar. Diese beliebten Finanzinstrumente erblickten in Deutschland vor 30 Jahren das Licht der Welt – auch dank der Pionierarbeit von Anbietern wie Citi.

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