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Wer wegen der Turbulenzen Zuflucht sucht, findet sie in China. Das ist vielleicht eine Überraschung, denn China steht im Zentrum des Handelskonfliktes. Nun gibt es aber immerhin vorläufig eine Pause in der Eskalation. Das ist aber nicht einmal das, was Chinas Aktien interessant macht. Durch die Verkäufe, die Anfang 2018 begannen, fiel der chinesische Aktienmarkt in Bärenmarkt-Territorium. Dort befindet er sich noch immer. Im Gegensatz zu vielen anderen Indizes weltweit und insbesondere im Vergleich zu den USA, hat sich die Lage aber zuletzt stabilisiert.

Bis Mitte Oktober war der chinesische Markt ein klarer Underperformer (Grafik 1). Diese Underperformance zieht sich schon seit Jahren hin, wobei sie erst 2018 richtig Fahrt aufnahm. Das Gegenteil ist historisch auch zu finden. 2015 gab es einen Kaufrausch der Kleinanleger. Zwischenzeitlich überholte der Shanghai Composite den S&P 500 deutlich. Innerhalb eines Jahres konnte man mit chinesichen Aktien 100 % mehr verdienen als mit US-Aktien.

Diese Kursgewinne wurden allesamt abgegeben. Inzwischen steht das Verhältnis der beiden Indizes bei 0,8. Seit 2013 sind chinesische Aktien um 20 % weniger gestiegen als US-Aktien. Aus der Outperformance wurde eine markante Underperformance. Nun wendet sich das Blatt wieder.

Der Shanghai Composite konnte bereits Mitte Oktober ein Tief ausbilden während der S&P 500 weiter fällt (Grafik 2). Dadurch verbessert sich das Verhältnis zugunsten chinesischer Aktien. Als Anleger will man natürlich wissen, was in Zukunft geschieht und ob sich der günstige Trend fortsetzt.

Persönlich gehe ich stark davon aus. Das ganze Jahr über wurde der Handelskrieg eingepreist. Das ist nun so langsam durch. Das hat auch wenig mit dem dreimonatigen Waffenstillstand zu tun. Dieser ist relativ unbedeutend. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass selbst eine weitere Eskalation in den Kursen gut reflektiert ist.

Chinas Exporte in die USA liegen bei 550 Mrd. Dollar oder weniger als 5 % der Wirtschaftsleistung. Selbst wenn China 200 Mrd. an Exporten verlieren würde, löst das nicht mehr als eine Wachstumsdelle aus. Das Land wächst ungefähr mit 6 % pro Jahr. Ob es nun einmal mit 4 % wächst oder nicht, ist langfristig vollkommen unerheblich.

Es sind daher nicht die Zölle, die einen Bärenmarkt in China rechtfertigen. Vielmehr gibt es eine ausgeprägte Angst davor, dass die USA Chinas Wirtschaft „brechen“ wollen. Zölle sind dafür nur ein Mittel. Ein anderes sind Investitions- und Exportbeschränkungen, sodass China wesentliche Güter fehlen, die es noch nicht selbst herstellen kann. So manche Komponente muss China importieren. Ohne diese Importe gehen ganze Unternehmen kaputt. So ein Fall war ZTE.

Der Handyhersteller und Netzwerkausrüster stand wegen Sanktionen kurz vor dem Bankrott. Auch die Zinspolitik der USA wird kritisch gesehen. Je höher die Zinsen in den USA steigen, desto schwieriger wird es für Länder wie China an Dollar zu kommen. Es begünstigt auch Kapitalausfuhren, weil die USA attraktivere Zinsen bieten.

Die USA könnten Chinas Wirtschaft in die Knie zwingen, wenn sie wirklich wollten. Als Kollateralschaden stürzen sich die USA dabei selbst in die Rezession. Einige wollen das vielleicht in Kauf nehmen, andere jedoch nicht. Derzeit deutet sich an, dass der Preis für die USA zu hoch ist. Die Unsicherheit rund um die Wirtschaftspolitik wird in den kommenden Monaten hoch bleiben. Am Ende aber dürfte der Konflikt ohne katastrophale Sanktionen zu Ende gehen. In Erwartung dessen und der Technik (Shanghai Composite bildet einen Boden aus), sind chinesische Aktien wieder interessant.

Autor: Clemens Schmale