Am 1. Februar 2022 beginnt nach dem chinesischen Mondkalender das Jahr des Tigers. In China ist der Tiger ein Symbol für Stärke und Tapferkeit, das neue Hoffnungen für das Jahr weckt. Im letzten Jahr des Tigers, vor zwölf Jahren, gelang es China, Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zu überholen. Seitdem hat China sein dynamisches Wachstum fortgesetzt. Wird das neue Jahr des Tigers den Beginn einer weiteren, bedeutenden Entwicklungsphase für die chinesische Wirtschaft und eine Erholung der Aktien- und Anleihemärkte bringen? „China hat die wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 gut gemeistert, was zur positiven Entwicklung der Vermögenspreise im Jahr 2020 führte.

Das Jahr 2021 war jedoch ein äußerst schwieriges für die Märkte, da die People's Bank of China die Geldpolitik straffte und der Bildungs- und Internetsektor stärker reguliert wurden“, so Sean Taylor, Chefanlagestratege Asien-Pazifik. Das Wachstum wurde im Laufe des Jahres weiter gedämpft, da die Null-Covid-Strategie den Konsum bremste, überschuldete Immobilienunternehmen Schwierigkeiten hatten, ihre Schulden zu begleichen und das Land mit Engpässen in der Energieversorgung zu kämpfen hatte. Darüber hinaus kündigte die chinesische Regierung eine Verlagerung der politischen Prioritäten an, weg vom Wachstum um jeden Preis hin zu einem weiter verbreiteten Wohlstand.

Positivere Sicht auf chinesische Vermögenswerte nach dem ersten Quartal

Kurz nach Beginn des neuen Mondjahres werden die Olympischen Winterspiele in Peking beginnen. Beide Ereignisse würden den Konsum in einem normalen Jahr deutlich ankurbeln. Der Mangel an Zuschauern und verstärkte Lockdowns wegen zunehmender Omikron-Fälle dürften diese Tendenz aber deutlich bremsen. Die Gewinnerwartungen erscheinen angesichts der Prognosen für das Wirtschaftswachstum immer noch zu hoch, das Gewinnwachstum dürfte deshalb im ersten Quartal niedriger ausfallen. Hinzu kommt, dass im Immobiliensektor viele Anleihen auslaufen.

„Wir sind trotzdem gegenüber chinesischen Vermögenswerten deutlich positiver eingestellt als zuletzt“, sagt Taylor. Chinas Vermögenswerte könnten nach dem ersten Quartal dieses Jahres beginnen, sich besser zu entwickeln. Gezielte staatliche Unterstützung dürfte das Wachstum fördern, weitere einschneidende neue Regulierungen, die die Märkte belasten könnten, dürften erst einmal nicht anstehen. Taylor sieht sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen Potenzial.

„China geht einen völlig anderen Weg als der Rest der Welt“, sagt Taylor. Nehmen wir die Entwicklung der Staatsverschuldung: In China gab es, anders als in den USA und Europa, seit Beginn der Corona-Krise keine größeren staatlichen Stützungsprogramme. Die Verfügbarkeit von Krediten und der private Konsum gingen deutlich zurück. Doch was kurzfristig negativ für die wirtschaftliche Entwicklung war, könnte sich mittelfristig auszahlen. Während die Verschuldung in den Industriestaaten dramatisch gestiegen ist, sank sie in China im vergangenen Jahr um sieben auf 272 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. China hat sich nicht so stark in der Zukunft verschuldet wie die USA und Europa.

Das Vertrauen der Investoren dürfte zunehmen

Auch in der Zinspolitik verfolgt China seine eigene Agenda. Während in den USA und in vielen Schwellenländern eine Straffung oder Normalisierung der Politik stattfindet, lockert die chinesische Zentralbank ihre Politik. Das Kreditwachstum dürfte sich verbessern und die Investitionen in Infrastruktur auf einen mittleren einstelligen Wert steigen. Sobald sich das Wachstum bemerkbar macht, die Bedenken hinsichtlich der Regulierungen nachlassen und der Konsum wieder anzieht, dürfte das Vertrauen der Anleger zurückkehren. Die Verlagerung hin zu einem gleichmäßiger verteilten Wohlstand dürfte zu einem geringeren, dafür aber qualitativ hochwertigeren Wachstum führen und die Abhängigkeit von Immobilien- und Infrastrukturinvestitionen als Wachstumsmotor verringern.

Eine weitere positive Entwicklung, die sich langfristig auszahlen dürfte, ist Chinas Engagement für Klimaneutralität. „Dieses Ziel eint China mit den Vereinigten Staaten. Das ist eine gemeinsame Basis, auf der man in einer schwierigen Beziehung aufbauen kann“, so Taylor.

Mittelfristig Aufwärtspotenzial für chinesische Aktien

Dass China für ausländische Anleger trotz des schwierigen letzten Jahres nach wie vor investierbar ist, steht für Taylor außer Frage. Allerdings müssten Anleger Geduld mitbringen und selektiv investieren. Im ersten Quartal könnte es zu weiteren Rückschlägen kommen, bevor sich die Lage im zweiten Quartal verbessern dürfte. Bei Aktien bevorzugt Taylor Titel, die sich mit guten Marken auf den inländischen Verbraucher konzentrieren sowie auf die Hersteller von Elektrofahrzeugen, Batterien und den Industriesektor. Positive Gewinnrevisionen, die erfolgreiche Umsetzung der neuen Regulatorik und die Erholung des Konsums könnten Katalysatoren für chinesische Aktien sein.

Der Markt für Unternehmensanleihen wiederum habe bereits eine Menge schlechter Nachrichten eingepreist, so Taylor. Er bevorzugt Investment-Grade-Anleihen gegenüber Hochzinsanleihen. Chancen böten sich auch bei Immobilienanleihen besserer Qualität mit gesunden Bilanzen. Da die Unsicherheiten im Immobiliensektor insgesamt noch nicht überwunden seien, blieben die Ausfallrisiken aber weiterhin erhöht.

Längerfristig dürfte das Ziel der Regierung, die Kapitalströme weg von traditionellen wachstumsschwachen Branchen wie dem Immobiliensektor und älteren Wirtschaftszweigen hin zu nachhaltigeren und schneller wachsenden Branchen zu lenken, die Qualität des Wachstums verbessern und besser bezahlte Jobs schaffen. Bei der Umsetzung des Fünfjahresplans scheint das Land im Hinblick auf die nächste Parteikonferenz im Herbst auf Kurs zu sein. Wie schnell sich die Dinge verbessern, wird letztlich aber maßgeblich davon abhängen, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt. Es sieht aber so aus, als sei der chinesische Tiger auf dem Weg zu neuer Stärke.