Mit allem, was in den letzten Jahren so vor sich gegangen ist, sollte man eigentlich glauben, dass sich viele Menschen immer noch um die Wirtschaft und die Jobs Gedanken machen. Begründet wäre das allemal. Die Arbeitslosenrate ist in der EU und der Eurozone heute immer noch höher als vor der Krise (Grafik 1).

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Besonders betroffen sind die Krisenländer Griechenland, Spanien, Italien und Zypern. Portugal bildet eine Ausnahme. Die Arbeitslosenrate ist geringer als vor Beginn der Krise und Irland hat die Probleme fast vollständig hinter sich gelassen.

Je nachdem, ob man Frankreich hinzuzählt (es steht ebenfalls noch deutlich schlechter da als vor der Krise), geht es mehr als der Hälfte der Eurozone und 40 % der EU immer noch schlechter als Anfang 2008. Das scheint aber niemanden zu kümmern. Damit ist nicht die EU gemeint, sondern der EU-Bürger.

Die EU führt regelmäßig Interviews mit ca. 1.000 Personen pro Land durch. Dabei geht es nicht um Multiple Choice, sondern um Gespräche, in denen evaluiert wird, was die Menschen beschäftigt. Themen sind nicht wie bei Fragenbogen vorbestimmt. Die Menschen sind also in ihrer Wahl an Themen frei.

Die Themen, die die größte Wichtigkeit haben, sind in Grafik 2 dargestellt. Der Höhepunkt der Eurokrise ging mit sehr hohen Werten bei Arbeitslosigkeit und Wirtschaft einher. Das ist nicht verwunderlich. Inzwischen sind diese Werte aber wieder auf den Vorkrisenniveaus angekommen. Das ist ein wenig überraschend, denn in vielen Ländern ist die Situation nach wie vor deutlich schlechter als vor der Krise.

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Deutschland unterscheidet sich von der EU-Meinung deutlich. Arbeitslosigkeit und Wirtschaft sind seit Jahren praktisch kein Thema mehr. Die Menschen beschäftigt vor allem das Thema Einwanderung. Mit 20 % ist der Wert deutlich unter dem Hoch von knapp 80 % im Jahr 2015, aber immer noch höher als bei allen anderen Sorgen.

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So kann man jedes Land untersuchen. Es zeigt sich ziemlich konsistent, dass wirtschaftliche Probleme nicht mehr das Tagesgeschehen bestimmen. In Griechenland sind die Werte rund um die Arbeitslosigkeit tiefer als 2005/06, obwohl die Lage heute wohl kaum besser ist.

Man kann es drehen und wenden wie man will. Die EU und die einzelnen Staaten wissen jedoch ziemlich genau, was die Bürger beschäftigt. Die Ergebnisse decken sich zumindest mit dem, was man vermutet. Dass in Deutschland das Thema Einwanderung immer noch weit oben auf der Agenda steht, scheint plausibel.

Das Problem scheint also nicht zu sein, dass die Politiker nicht wissen, was die Bürger beschäftigt. Das Problem ist vielmehr, dass niemand hinsieht oder noch schlimmer, es einfach ignoriert wird. Die Informationen, um Politik für die Bürger zu machen, sind vorhanden. Jetzt müsste sie nur noch jemand nutzen.