Die EZB ist weiterhin auf dem Weg der geldpolitischen Normalisierung. Eine Bestätigung dieses Weges wurde erwartet. Eine Überraschung gab es trotzdem. Die EZB senkte ihre Wachstumsprognose für die Eurozone und der Inflationsausblick bleibt verhalten.

Die Risiken, die die EZB sieht, werden nach wie vor als ausgeglichen beschrieben. Dies gilt, obwohl die harten Fakten zuletzt in eine andere Richtung wiesen. Das Wachstum hat sich in Teilen der Eurozone deutlich verlangsamt. Hinzu kommt eine Kerninflationsrate, die einfach nicht steigen will. Teilweise sinkt sie sogar wieder (siehe Grafik).

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Die Unsicherheit, die durch die USA zugenommen hat, dämpft auch das Sentiment. Sowohl Verbraucher als auch Unternehmen sind inzwischen nicht mehr bester Stimmung. Es gibt eine klare Entkopplung von den USA.

Die wirtschaftliche Dynamik hat abgenommen, die Kerninflation sinkt bereits wieder, die Unsicherheit ist groß, die Stimmung knickt ein und trotzdem interpretiert die EZB die Risiken als ausgeglichen. Das muss man erst einmal erklären. Warten können wir darauf lange.

Es zeigt vor allem, dass die EZB aus der ultralockeren Geldpolitik aussteigen will. Vor zwei Jahren hätte die EZB unter den gleichen Umständen den Geldhahn weiter aufgedreht. Davon ist jetzt keine Rede mehr.

Damals wurde niedrige Inflation als Argument angeführt, weshalb der Geldhahn offen bleiben muss. Jetzt könnte man das gleiche Argument verwenden, wird es aber nicht. Es wird immer offensichtlicher, dass es der EZB gar nicht wirklich um Inflation geht. Es war ein fadenscheiniges Argument.

Es geht einfach nur darum, ob der Markt QE braucht oder eben nicht. Es geht um Sentiment. Das Sentiment scheint für einen QE-Ausstieg robust genug. Entsprechend wird nun einfach behauptet, dass alles in bester Ordnung ist und auch das Inflationsziel erreicht wird.

Dass die Entwicklung in der Realität genau in die andere Richtung zeigt, wird einfach ignoriert. Man behauptet einfach das Gegenteil, um am vorbestimmten geldpolitischen Kurs festzuhalten. Die Fakten werden nach der Geldpolitik interpretiert. Eigentlich sollte sich die Geldpolitik an den Fakten orientieren und nicht umgekehrt.

Diesen Eindruck erweckt die EZB zumindest. Es sei denn, es gibt ein Geheimnis, welches wir nicht kennen und nicht sehen und daher zu einer Fehleinschätzung kommen. Dieses Geheimnis, sofern es das gibt, bleibt wohl Draghis und Draghis allein.