Jetzt ist es also amtlich: Griechenland wird die Europäische Union (EU) und den Internationalen Währungsfonds (IWF) offiziell um das in Aussicht gestellte Hilfspaket in Höhe von 45 Milliarden Euro bitten. Das sagte Regierungschef Giorgos Papandreou am Freitag in einer Fernsehansprache an das griechische Volk.

Es spricht für sich, dass selbst die Bundeskanzlerin vom Hilferuf der Griechen vollkommen überrascht wurde. Der Bundesregierung wäre es wesentlich lieber gewesen, Athen hätte damit bis nach den Wahlen in Nordrhein-Westfalen in zwei Wochen gewartet. Doch weil den Griechen die Zeit davonläuft, liegen die Karten jetzt früher auf dem Tisch als gedacht. Nach Lage der Dinge wird Athen das Geld auch bekommen. Damit wird der nächste Akt des Dramas eingeläutet, an dessen Ende die Währungsunion auseinanderfallen wird.

Ein Blick zurück: Als Europa seine Einheitswährung vor etwas mehr als zehn Jahren einführte, da gab es einige wenige kritische Stimmen, die warnten, der Euro sei eine Totgeburt und werde an den gravierenden Unterschieden der einzelnen Volkswirtschaften Europas zerbrechen. Genau an diesem Punkt stehen wir heute.

Einer von denen, die seinerzeit zumeist belächelt wurden, war der Wirtschaftsprofessor und Währungsexperte Wilhelm Hankel. An diesem Wochenende wollen Hankel und seine Mitstreiter, die Wirtschaftsprofessoren Joachim Starbatty, Karl Albrecht Schachtschneider und Wilhelm Nölling eine Klage gegen die Finanzhilfen für Griechenland formulieren und damit beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe vorstellig werden, womöglich sogar beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg.

Der Wirtschaftsprofessor Wilhelm Hankel will gegen die Griechenland-Hilfen der EU klagen...

Anders als im Jahr 1998, als die Klage der Wirtschaftsexperten gegen die Einführung des Euro scheiterte, bestehen diesmal berechtigte Aussichten auf Erfolg: Mit dem „Bail-out-Verbot“ fällt die wichtigste Säule für einen stabilen Euro: Das Verbot, mit dem verhindert werden sollte, dass aus der Währungsunion eine Transfer- und Schadenhaftungsunion wird. Doch genau dies geschieht jetzt – auch wenn Finanzminister Schäuble sich beeilte, die Sache in seinem Sinne umzudeuten: Die Hilfen der EU seien keine Rettung Griechenlands, sondern sollten lediglich dazu beitragen, dass die Sparmaßnahmen auf den Weg gebracht werden könnten. Sehr witzig.

Fest steht: Die Verträge von Maastricht schließen die Haftung der europäischen Staaten untereinander ausdrücklich aus. Und sie schließen auch aus, dass Finanzhilfen zu Subventionsbedingungen gegeben werden, also etwa zu niedrigeren Zinssätzen.
Weil kaum Zweifel möglich sind, dass die Pläne der EU gegen die Verträge von Maastricht verstoßen, besteht durchaus die Möglichkeit, dass die Richter in Karlsruhe diesmal anders entscheiden und die deutschen Griechenland-Hilfen in letzter Sekunde kippen.

Das wäre das Ende des Euro und eigentlich muss man sich wünschen, dass es so kommt. Andernfalls dürfte Griechenland der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Denn eines kann man sich schon heute an fünf Fingern abzählen: Sollten EU und IWF Griechenland jetzt retten, und vieles spricht dafür, dann werden die nächsten Pleitekandidaten schon bald ihre Anträge vorbereiten, um sie demnächst ebenfalls an höchster Stelle einzureichen.

Und gegen den spanischen Schuldenberg etwa, nur um ein Beispiel zu nennen, nehmen sich die Schulden der Griechen geradezu mickrig aus: Während Athen „nur“ 300 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten angehäuft hat, ist der Schuldenberg in Madrid fast doppelt so hoch: In diesem Jahr sollen die spanischen Verbindlichkeiten auf fast 600 Milliarden Euro ansteigen...

Und es gibt Anlass zu der Befürchtung, dass die spanischen Staatsschulden in den kommenden Jahren weiter stark wachsen werden. Das Haushaltsdefizit ist im vergangenen Jahr auf 11,2 Prozent hochgeschnellt. Und anders als in den meisten anderen Industrieländern, liegt die spanische Wirtschaft immer noch am Boden. Spanien wird nach den Prognosen des IWF als einziges größeres Land in der EU in diesem Jahr kein Wachstum erzielen. Das heißt, die spanischen Schulden werden immer mehr zu einem Problem. Und zwar zu einem Problem der EU...

Am Freitag war viel von harten Sparprogrammen die Rede, mit deren Hilfe die griechische Wirtschaft jetzt wieder auf Kurs gebracht werden soll. Was für ein Unsinn! Jeder Grundschüler versteht, dass man sparen muss, bevor man pleite geht, und nicht hinterher. Für einen harten Sparkurs ist es nicht nur in Griechenland längst zu spät. Die Wirtschaft liegt bereits am Boden, die Schulden werden weiter wachsen. Sparen kann die Sache jetzt nur noch verschlimmern.

Das gilt für Griechenland, wie für all die anderen Pleitekandidaten: Werden jetzt die Ausgaben zusammengestrichen, legt man die Lunte an ein Pulverfass. In Griechenland weisen erste Unruhen in der Bevölkerung bereits in diese Richtung. Setzt man den strikten Sparkurs dessen ungeachtet fort, könnte das Land in einer Dauerkrise abrutschen, mit schwerwiegenden sozialen und politischen Folgen. Dieser deflatorische Virus könnte mit einiger Verzögerung ganz Europa zu infizieren.

Zerbricht die Währungsunion nun also an den Schulden Griechenlands und der anderen Wackelkandidaten? Denn neben Spanien haben mindestens Portugal, Irland und Italien ähnliche Probleme. Das muss nicht zwangsläufig so kommen. Zumindest theoretisch gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma: Würden die genannten Länder zu ihren eigenen Währung zurückkehren, könnte sich das Blatt noch einmal wenden.

Das würde bedeuten, dass die stark verschuldeten Länder, anstatt die Europäische Union anzupumpen, freiwillig aus der Eurozone austreten und sich anschließend durch eine Abwertung der eigenen Währung sanieren könnten. Diese Möglichkeit ist in der Euroverfassung sogar indirekt vorgesehen. Allerdings ist eine plötzliche Kehrtwende nach den Ereignissen vom Freitag verschwindend gering geworden.

Die EU wird es sich nicht leisten, die Griechen jetzt entgegen anders lautender Zusagen fallen zu lassen. Einzig die Richter in Karlsruhe oder Luxemburg könnte mit einem Veto vielleicht noch eine Wende herbeiführen.

Die Euro-Länder (blau) und Länder mit (orange) und ohne (rot) Wechselkursmechanismus II. Der WKM II legt eine Bandbreite des Wechselkurses der Währung eines EU-Landes zum Euro fest.

Dabei ist das in den kommenden Jahren wohl anstehende Auseinanderfallen der Euro-Zone keineswegs ungewöhnlich: Alle früheren Experimente dieser Art, bei denen unterschiedlichen Ländern eine gemeinsame Währung übergestülpt wurden, sind früher oder später gescheitert. Der Euro wird da keine Ausnahme machen. Denkbar wäre allenfalls, dass eine „Kernzone“ der stabileren Nordländer auch in Zukunft bestehen bleibt.

Und Europa ist ja nicht alleine: Nach den jüngsten Zahlen des IWF haben fünf der G8-Staaten inzwischen Staatsschulden von über 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angehäuft, mit den Japanern an der Spitze, die es mittlerweile auf einen Schuldenstand von stolzen 230 Prozent des BIP bringen.

Deutschland und Kanada liegen vorläufig noch unter der 100-Prozent-Marke, die EU-Staaten Spanien, Portugal, Italien, Irland und Griechenland dicht an oder über diesem Limit. Nie zuvor in Friedenszeiten sind die Staatsschulden in den Industrienationen derart explodiert wie seit Beginn der Weltfinanzkrise Ende 2007.

Wegen des Zinseszinseffekts, der die Schulden weltweit immer weiter in den Orbit treiben wird, ist das Ende vorgezeichnet. Anleger mit Weitblick sollten sich deshalb schon heute darauf vorbereiten, dass es den Euro in seiner jetzigen Form schon bald nicht mehr geben wird. Und den Dollar auch nicht...

Wie wir die Lage jetzt einschätzen und was wir unseren Lesern raten, das lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des Antizyklischen Börsenbriefs, die in Kürze erscheint.

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Zum Autor:
Andreas Hoose ist Chefredakteur des Antizyklischen Börsenbriefs, einem Service der BörseGo AG, und Geschäftsführer des Antizyklischen Aktienclubs. Börsenbrief und Aktienclub, das komplette Servicepaket für die Freunde antizyklischer Anlagestrategien! Informationen finden Sie unter www.antizyklischer-boersenbrief.de und www.antizyklischer-aktienclub.de