Verlieren Sie mehr Geld an der Börse, als Ihnen lieb ist? Falls Ihre ehrliche Antwort "ja" lautet, sind Sie nicht allein. Untersuchungen zeigen, dass rund 90% der kurzfristig orientierten Trader Geld verlieren. Nicht wenige Trader verspielen Haus und Hof. Ich habe bereits mehrere Trader persönlich kennengelernt, die mit dem Trading ein größeres Vermögen in den Sand setzten und schließlich pleite waren. Dabei handelte es sich um intelligente und verantwortungsbewusst erscheinende Menschen, denen man ein solches Verhalten eigentlich nicht zugetraut hätte.

Die schreckliche Wahrheit ist: Beim Traden besteht eine erhebliche Suchtgefahr. Die Hoffnung auf schnelle Gewinne, der Kick des aktiven Handels, das alles kann süchtig machen, ganz ähnlich wie der Gang ins Spielcasino oder Online-Poker. Die Sucht kann so stark werden, dass Trader auch dann immer weitermachen, wenn sie ständig nur Geld verlieren und nicht nur finanziell, sondern auch psychologisch in ein schwarzes Loch stürzen. Trotz großer Verluste überwiegt bei den Süchtigen immer noch die Hoffnung, vielleicht doch noch erfolgreich zu werden – bis zum Beispiel das für die Altersversorgung oder den Hausbau eingeplante Geld vollständig weg ist.

Wie können Trader reagieren, um die Suchtgefahr zu verringern? Wichtig ist zunächst: Seien Sie schonungslos ehrlich zu sich selbst. Als Menschen ist es nur natürlich, dass wir uns (unbewusst) in einem positiveren Licht sehen, als wir andere Menschen mit denselben Eigenschaften und Verhaltensweisen beurteilen würden. Das zeigen sehr viele Untersuchungen. Die allermeisten Menschen halten sich zum Beispiel für überdurchschnittlich intelligent und überdurchschnittlich attraktiv. Ein solches positives Selbstbild ist für sich genommen natürlich nichts Negatives, ganz im Gegenteil. Aber wenn die Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und Wirklichkeit zu groß wird, kann das gerade für das Trading extrem negative Konsequenzen haben.

Bei Anlegern und Tradern führt die falsche Selbsteinschätzung häufig dazu, dass sie ihre Fähigkeiten überschätzen und sich bei der Messung der eigenen Performance in die Tasche lügen. Wichtig ist deshalb: Ermitteln sie regelmäßig ganz sachlich, wie erfolgreich Sie an der Börse sind. Berücksichtigen Sie dabei unbedingt sämtliche Transaktionskosten und sämtliche sonstigen Kosten (möglicherweise auch Opportunitätskosten), die für Sie mit dem Trading verbunden sind. Denn vor den Kosten sind viele Trader erfolgreich, nach den Kosten nur die allerwenigsten. Beantworten Sie sich ganz regelmäßig die Frage: Verlieren ich unter dem Strich Geld oder gewinnen ich tatsächlich? Wenn Sie immer nur Geld verlieren, sollten Sie Konsequenzen ziehen. Warum sollten Sie mit ihrer bisherigen Vorgehensweise einfach so weitermachen? Sie werden wahrscheinlich nur weiter Geld verlieren – bis Ihnen nichts mehr bleibt.

Aber nicht nur selbstkritisch sollten Trader sein. Auch die angeblichen Erfolge anderer Marktteilnehmer sollten Trader immer mit einem gesunden Maß an Skepsis betrachten. Gibt es Beweise für die angeblich überdurchschnittliche Performance selbsternannter Gurus? Lebt der Guru eigentlich selbst vom Trading oder lebt er davon, dass er ständig Bücher und Seminare für Anleger verkauft?

Ein möglicher Ausweg kann es sein, sich an Vorbildern zu orientieren, die nachweislich erfolgreich sind. Auch wenn sich die Strategien und Vorgehensweisen von erfolgreichen Investoren und Spekulanten wie Warren Buffett und George Sorros teilweise deutlich unterscheiden und oft nicht einfach zu reproduzieren sind, so gibt es doch eine entscheidende Gemeinsamkeit: Kapitalerhalt hat für erfolgreiche Marktteilnehmer immer oberste Priorität. Positionen werden nur dann eingegangen, wenn man davon ganz und gar überzeugt ist. Entwickelt sich die Position dann trotzdem gegen einen, behalten Investoren wie Warren Buffett einen kühlen Kopf und sind auch bereit, Verluste auszusitzen. Denn sie wissen: Auf lange Sicht werden sie wahrscheinlich richtig liegen.

Ganz anders gehen viele private Trader vor – sie zocken einfach munter drauf los, ohne Ziel und Verstand. Mit dieser Einstellung sind Verluste aber eigentlich schon vorprogrammiert. "Es gibt alte Piloten und es gibt tollkühne Piloten, aber es gibt keine alten tollkühnen Piloten", wusste schon Börsen-Altmeister André Kostolany.

Auch einen weiteren Spruch sollten sich Trader zu Herzen nehmen: "Hin und her macht Taschen leer!" Dieser Spruch gilt für die Taschen der Trader. Für die Taschen der Banken und Broker gilt natürlich das genaue Gegenteil, denn diese Marktteilnehmer leben zu einem nicht unerheblichen Teil davon, dass ihre Kunden häufig traden und jedes Mal Transaktionsgebühren zahlen. Banken und Trader unterliegen dadurch einem prinzipiell unauflösbaren Interessenkonflikt. Seien Sie sich immer bewusst: Die Banken und Broker wollen in der Regel nur Ihr Bestes, nämlich Ihr Geld! In der kommenden Woche werden wir an dieser Stelle die Strategien von Warren Buffet und anderen bekannten Investoren etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Oliver Baron