Aufatmen ist angesagt: Der Ölpreis ist gefallen, der Inflationsdruck gebannt. Die Börsen boomen, der Ölpreisrückgang spült zusätzliche Kaufkraft ins Weihnachtsgeschäft. Was die wenigsten wissen: Inflationsdruck ist weiterhin vorhanden, und zwar bei den Zwischengütern - und dort so hoch wie seit über dreißig Jahren nicht mehr.

    Erdöl ist deswegen besonders interessant für die Beobachtung der Inflationsentwicklung, weil es die größte Einzelkomponente der Materialkosten einer Volkswirtschaft darstellt, aber zudem rund die Hälfte direkt von den privaten Haushalten in Form von Benzin, Diesel oder Heizöl gekauft wird. Die andere Hälfte fließt in den Produktionsprozess ein, wie jeder andere Rohstoff auch und beeinflusst die Preisentwicklung daher nur indirekt.

    Nun ist überall Aufatmen angesagt, was die Inflationsentwicklung angeht. Von Zweitrundeneffekten, also die Weitergabe von hohen Input- und Rohstoffpreisen auf die Preise für Güter und Dienstleistungen, sprechen nur noch die wenigsten. Daher könnten sie gerade erst jetzt zum Tragen kommen, auch wenn der Ölpreis von den Hochs im Frühjahr und Sommer bis jetzt merklich gefallen ist. Der Suchscheinwerfer der US-Notenbank dürfte sich nun auf den Anstieg der Zwischengüterpreise konzentrieren, die alles in den letzten drei Jahrzehnten in den Schatten stellen.

    Zwischengüter sind jene Güter, die aus der Verarbeitung von Rohmaterialien entstanden sind. Sie werden zu Endprodukten verarbeitet, die dann direkt verbraucht, also konsumiert werden können. Weizen ist beispielsweise der Grundstoff für Mehl. Mehl ist wiederum, wenn es vom Konsumenten im Supermarkt gekauft wird, ein Endprodukt und geht in die Berechnung des Bruttoinlandsproduktes eines Landes ein. Mehl, vom Bäcker gekauft, ist hingegen ein Zwischenprodukt, da er Mehl verwendet, um Backwaren herzustellen. Diese Backwaren sind letztendlich wieder Endprodukte, der Erlös aus dem Verkauf der Backwaren geht dann wieder in die BIP-Berechnung ein.

    In den USA notieren nun die Preise für Rohmaterialien per September 2006 mit -7,8% unter dem Vorjahresmonat, die Preise der Endprodukte liegen moderat mit +0,9% über dem Vorjahr. Die Preisentwicklung der Zwischengüter deutet hingegen mit einem Plus von 4,7% auf einen enormen Kostendruck in der Wertschöpfungskette der USA hin. Das Verhältnis der Inflation der Zwischenproduktpreise zu den Endprodukten ist das höchste seit Anfang der 80er Jahre.

    Nun steht aber nicht von vornherein fest, dass der Kostendruck aus den Zwischenprodukten sich schließlich auch in einer Teuerung der Verkaufspreise der Endprodukte niederschlagen wird. Wichtig ist aber: Der Preisanstieg von Erdöl trägt nur zu etwa einem Fünftel zur Teuerung der Zwischenprodukte bei – weitaus maßgeblicher sind die Preisentwicklungen der Rohstoffe außerhalb des Energiesektors. Zwar hat Erdöl seine Anstiege der ersten Jahreshälfte nun fast wieder vollständig abgebaut. An der LME in London erreichen die Preise vieler Basismetalle in dieser Woche neue Allzeithochs und auch die Stahlbranche boomt weiter. Stahl ist nach Energie immerhin der zweitwichtigste Inputfaktor der Industrie – die Erzeugerpreise bei Stahl liegen in den USA im September 23% über dem Vorjahr.

    Daher war es der US-Notenbank im Sommer ein großes Anliegen, einer weiteren Überhitzung der Rohstoffpreise entgegenzuwirken. Jedoch sind es gerade bei den Metallen vornehmlich die knappen Lagerbestände bei steigender Nachfrage, welche die Preise zu immer neuen Höhen steigen lassen. Das gleiche gilt für die Entwicklung der Energiepreise und nun zunehmend auch für die Agrarrohstoffe. Die US-Notenbank könnte die Märkte am morgigen Mittwoch also mit einer „hawkishen“ Rhetorik überraschen. Das Communiqué der morgigen Notenbanksitzung wird um 20:15 Uhr MESZ erwartet.

    Autor: Jochen Stanzl, Chefredakteur des Rohstoff-Report
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