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Was bedeutet eigentlich Stabilität? Wir schlagen bei Wikipedia nach. Stabilität einer Größe liegt demnach dann vor, wenn diese in einem bestimmten fixierten - oder erwünschten - Bereich bleibt.

Wie wir alle wissen, wünscht sich die EZB mittelfristig eine Inflationsrate im Bereich von knapp unter 2,0 % p.a. Sie erhofft sich also eine stabile Inflationsrate. Es handelt sich um ein Inflationsziel.

Nach außen verkauft wird das Ziel aber als Erhaltung der Preisstabilität. Und hier liegt nun ein astreiner Etikettenschwindel vor. Ich verdeutliche Ihnen das anhand einer Grafik.

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Sie sehen die Entwicklung des Preisniveaus eines Warenkorbs von 2013 bis 2048 (also über einen Zeitraum von 35 Jahren).

Unter Annahme einer Inflationsrate von knapp 2,0 % p.a. - das ist in etwa die Zielgröße der EZB - halbiert sich der Geldwert in nur 35 Jahren. Wenn man davon ausgeht, dass man ca. 70 Jahre lang aktiv Geld ausgebend lebt, wird man also im Laufe seines Lebens mit einem Kaufkraftverlust von rund 75 % konfrontiert, während die EZB genau diesen Kaufkraftverlust als Preisstabilität definiert.


Exkurs: Was ist Preisstabilität?

In den EU-Verträgen ist von „Preisstabilität“ als Ziel für die EZB die Rede, ohne diesen Begriff weiter mit Leben zu füllen. Es gibt keine Legaldefinition dafür. Das Inflationsziel hat sich die EZB selbst gesetzt und es war auch nicht immer so formuliert wie jetzt(aktuelle Definition hier )

Es existiert keine gesetzliche Pflicht für die EZB, knapp 2 % Inflationsrate zu erreichen. Die EZB hat 1998 die Preisstabilität sogar nur mit „unter 2 %“ definiert – das „nahe, aber unter“ kam erst 2003 dazu. Und der EZB-Rat könnte jederzeit die Definition nach oben oder nach unten ändern, ohne sich irgendwo eine neue rechtliche Grundlage holen zu müssen.

Die EZB sieht - wie andere Notenbanken auch - einen Wert von knapp 2 % bei der Verbraucherpreisinflation als ideal für die Entwicklung der Wirtschaft an, da somit ein "Puffer" zur Deflation eingebaut ist und eine leichte Inflation Konsum und Investitionen anregen soll.


Meine Definition von Preisstabilität ist dagegen ein Wert 0 % p.a. Ich denke, die meisten Leser werden mir zustimmen (ob das aus ökonomischer Sicht wünschenswert ist? Das ist eine ganz andere Frage - und die Antwort lautet nein).

Ich halte also fest: Bei dem Inflationsziel der EZB von knapp unter 2 % p.a. handelt es sich nicht um Preisstabilität, sondern um stabile Preissteigerungen.

Leider ist es den Notenbankern zusammen mit einigen Ökonomen gelungen, die schreibende Zunft weitgehend zu täuschen. Selbst in renommierten Wirtschaftsblättern ist die Mär von der Geldwertstabilität bei 2 % Inflation zu lesen und wie schlimm doch Inflationsraten unter 2 % sein sollen.

In Wirklichkeit ist eine Inflationsrate deutlich unter 2 % erstens keine Deflation (selbst diesen Unsinn kann man manchmal lesen) und auch nicht besonders problematisch, so lange sie nicht über einen längeren Zeitraum nahe oder unter null liegt. Der häufig behauptete Zusammenhang, Bürger würden ihren Konsum zurückstellen, wenn die Inflationsraten sehr niedrig sind, ist nicht nur unbewiesen, sondern schlicht widersinnig.

Dazu müssen Sie sich nur selber fragen: Konsumieren Sie dieses Jahr weniger, weil Sie nächstes Jahr eine Inflationsrate von sagen wir 0 % erwarten? Natürlich nicht. Ebenso kaufen Sie sich einen PC oder ein Smartphone dann,wenn Sie es brauchen, also gleich, obwohl Sie ja wissen, dass die Preise jedes Jahr fallen (und/oder die Leistung bei gleichem Preis steigt).

Nur im Bereich der großen Sachwerte ist die Überlegung korrekt, aber auch nur bei echter Deflation. Wenn Sie sie davon ausgehen, dass die Häuserpreise die nächsten Jahre deutlich fallen, nehmen Sie möglicherweise aktuell Abstand vom Kauf.

Aber gerade der Bereich der Sachwerte - Häuserpreise, Aktien etc. - wird von der offiziellen Inflationsrate ja eben NICHT erfasst. Der statistische Warenkorb dümpelt denn auch mehr oder weniger vor sich hin, während die Immobilienpreise - jedenfalls in Deutschland - schon viele Jahre regelrecht explodieren.

Und als Folge daraus wird der Zins weiter viel zu niedrig gehalten, die Vermögenswerte steigen weiter - und die nächste Finanzkrise ist schon in Vorbereitung...

Das bedeutet natürlich nicht, dass das Anstreben einer geringen Inflation per se abzulehnen wäre. Es ist durchaus aus mehreren Gründen sinnvoll, dass die Preise in der Tendenz und mittel-langfristig betrachtet ganz leicht anziehen. Aber dieses Ziel rechtfertigt nicht alle Mittel.

Wenn durch eine lange Nullzinspolitik Preise von Vermögensgütern drastisch anziehen, dann sind die negativen Effekte dieser Entwicklung abzuwägen gegen die positiven Effekte der ultraniedrigen Zinsen. Dies findet viel zu wenig statt.

Die Finanzstabilität (somit auch die Verhinderung von Blasen bei Vermögensgütern) sollte m.E. als eigenes Ziel von den Notenbanken verfolgt werden - neben der Preisstabilität und ggf. neben dem Ziel eines hohen Beschäftigungsgrades. Und dann kann man eben auch mal längere Zeit Inflationsraten von 1 % statt 2 % tolerieren und die Zinsen NICHT auf null belassen, wenn nämlich das Ziel der Finanzstabilität temporär höher gewichtet wird.

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